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Terror-Geisel David Haines Immer wieder sah Bethany Haines sich an, wie der IS ihren Vater ermordete

Bethany Haines (links) auf dem Weg zu einer Trauerfeier
Bethany Haines (links) auf dem Weg zur Trauerfeier von Alan Henning, der wie ihr Vater von Terroristen des IS ermordet wurde
© Andy Kelvin/WPA Pool/Getty Images
Im Jahr 2013 wurde David Haines in Syrien entführt, 2014 von Terroristen des IS ermordet. Seine Tochter Bethany Haines hat es auf Video mit angesehen - und ist daran zerbrochen. Jetzt sprach die 19-Jährige erstmals über den Tod ihres Vaters.

Bethany Haines hat gesehen, wie Terroristen des IS ihrem Vater den Kopf mit einem Messer abschnitten. Immer wieder hat sie es sich angesehen, auf dem Video, das die Terrormiliz "Islamischer Staat" aufgenommen und veröffentlicht hatte. Das war im Jahr 2014. Jetzt hat Bethany Haines zum ersten Mal darüber gesprochen, wie es ihr erging, als ihr Vater entführt und ermordet wurde.

Sie weiß nicht mehr, wie oft sie sich den Clip angesehen hat, in dem ihr Vater brutal getötet wird. "Das Video war mein einziger Zugang zu ihm", sagte sie der britischen "Cosmopolitan". David Cawthorne Haines war Entwicklungshelfer in Syrien. Sein humanitäres Engagement in Krisenregionen hatte ihm längst den Spitznamen "verrückter Schotte" eingebracht. Im März 2013 wurde er in Syrien verschleppt; 2014 im Alter von 44 Jahren ermordet - hingerichtet vor der Kamera der Terroristen.

Bethany Haines zerbrach an ihrem Schweigen

Die Enthauptung hatte weltweit für Entsetzten gesorgt. Haines war binnen kurzer Zeit die dritte Geisel, die die Extremisten als Signal an den Westen getötet hatten. Der IS sprach von Vergeltung für britische Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak, die dort gegen den IS kämpfen.

Dass ihr Vater in der Gefangenschaft von Terroristen war, sei ein Tabuthema gewesen, sie habe nicht darüber reden dürfen, erzählte Bethany Haines der "Cosmopolitan", um ihren verschleppten Vater nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. Damals war ihre Familie noch voller Hoffnung, dass der Vater lebendig entkommen könne. "Als man mir sagte, dass mein Papa entführt wurde, habe ich erst gelacht", sagt Bethany Haines. Es war der Tag nach ihrem 16. Geburtstag. "Es fühlte sich nicht wirklich an für mich. Wer wird denn bitteschön gekidnappt?" Bethany Haines zerbrach an ihrem Schweigen. Sie trank Alkohol, fügte sich selbst Verletzungen zu, wie sie sagt. "Und ich nahm jede Droge, die mir in die Hand fiel."

Ihre Familie hatte an die Geiselnehmer appelliert, sich bei ihnen zu melden. Ein paar Tage vor seinem Tod führten die IS-Terroristen David Haines ein Video vor, es zeigte die Hinrichtung des US-Reporters Steven Sotloff. Die Entführer drohten darin, den Briten ebenfalls zu töten, falls London die Unterstützung für den US-Militäreinsatz im Irak nicht beende. Kurz darauf stellte der IS ein weiteres Video ins Netz: einen Film, der die Enthauptung Haines zeigte. In dem IS-Video erklärte Haines in einer offenkundig einstudierten Rede: "Ich mache dich, David Cameron, in vollem Umfang für meine Exekution verantwortlich." Haines war in einen orangen Overall gekleidet, kniete vor seinem maskierten Mörder im Sand. Der Clip wurde im Netz verteilt, jeder konnte ihn sich ansehen.

Ausschnitt aus dem Video des IS, in dem der britische Journalist David Cawthorne Haines von Terroristen ermordet wird
Ein berühmt gewordener Ausschnitt aus dem Video des IS, in dem der Entwicklungshelfer David Cawthorne Haines von Terroristen ermordet wird
© DPA

"Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen"

Bethany Haines hörte nicht auf die Bitte ihrer Mutter, sie solle das Video nicht abspielen. "Es gab da diese kleine Nische in meinem lila gestrichenen Kinderzimmer. Dort versteckte ich mich und schaute das Video an. Immer und immer wieder. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen", erzählt sie. "Ich drückte auf Play, schloss meine Augen und hörte ihn, wie er sein eigenes Todesurteil verlesen musste. Dann rief ich auf seinem Handy an und hinterließ eine Nachricht auf seiner Mailbox. In den folgenden Wochen wurde das zu meinem Ritual."

Am Telefon hatte sie die meiste Zeit mit ihrem Vater verbracht. Bethany Haines' Vater war einst Soldat, unter anderem für die UN auf dem Balkan. Er verließ die Armee und schloss sich 1999 dem deutschen Arbeiter-Samariter-Bund an. Im syrischen Atmeh sollte er für die Hilfsorganisation Acted die Auslieferung von Hilfsgütern koordinieren. Ihren Vater beschreibt Haines als wichtige Bezugsperson in ihrem Leben, obwohl er mit seiner neuen Frau gemeinsam in Kroatien lebte. "Wann immer ich ein Problem hatte, mit Jungs oder in der Schule, er war derjenige, an den ich mich wandte. Wir verbrachten Stunden am Telefon", sagt Bethany Haines.

Erst nach Monaten konnte sie zum ersten Mal weinen. Sie ging in ihr Zimmer und schlug mit einem Hammer alles klein. "Mein Papa wird nicht mehr nach Hause kommen", sagte sie zu sich selbst. Ihre lila Wände strich sie weiß.

jen

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