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Botschaft von Libyens Diktator: Gaddafi ruft Kampf bis zum Tod aus

Seine Residenz in Tripolis hat Gaddafi verloren. Er selbst ist untergetaucht. In einer Audiobotschaft droht der Diktator den Rebellen dennoch einen Kampf bis zum letzten Blutstropfen an.

Nach der Eroberung des Regierungspalasts in Tripolis durch die Rebellen hat sich der einstige Machthaber Muammar Gaddafi kämpferisch gezeigt. In einer Radioansprache drohte er den Aufständischen in der Nacht auf Mittwoch mit einem erbitterten Kampf - notfalls bis in den Tod. Seinen Rückzug aus dem Regierungskomplex Bab al-Asisija in der Hauptstadt Tripolis bezeichnete er als ein "taktisches Manöver". Das Anwesen sei nach mehr als 60 Nato-Luftangriffen vollständig zerstört, erklärte Gaddafi in seiner Audiobotschaft, die auch im TV-Sender Al-Oruba übertragen wurde. Gaddafi erklärte, er werde weiterkämpfen bis zum Sieg gegen die Nato - oder er werde als Märtyrer sterben.

Ein Sprecher der libyschen Regierung drohte den Rebellen mit einem noch langen Kampf um Tripolis. Der Bürgerkrieg werde noch Monate, wenn nicht sogar Jahre andauern, sagt der Gaddafi-Sprecher Mussa Ibrahim dem Sender Al-Oruba. Die Rebellen-Anführer würden keinen Frieden finden, wenn sie nach Tripolis kämen. Die Truppen der Regierung würden Libyen notfalls in einen Vulkan und in ein Meer aus Feuer verwandeln.

Ibrahim rief die Bevölkerung auf, sich am Kampf gegen die Rebellen zu beteiligen. In den vergangenen Stunden seien bereits 6500 Freiwillige in Tripolis eingetroffen, um die Gaddafi-treuen Kämpfer zu unterstützen, sagte Ibrahim in dem in Syrien ansässigen Sender Arrai. Der Regierungssprecher lud auch Sympathisanten aus dem Ausland ein: "Die Frewilligen können nach Libyen kommen, wir werden ihnen Waffen, Munition und eine Ausbildung geben", sagte er.

Vom Diktator fehlt jede Spur

Die libyschen Rebellen eroberten am späten Dienstagabend nach eigenen Angaben eine der größten Hochburgen Gaddafis in der Hauptstadt. Das Viertel Abu Salim sei nun unter der Kontrolle der Aufständischen, sagte ein ranghoher Sprecher der Rebellen dem Fernsehsender Al-Arabija. Die libysche Regierung hatte die Bewohner von Abu Salim stets als besonders Gaddafi-treu bezeichnet. Der Fernsehsender Al-Dschasira berichtete zudem, dass die Aufständischen mittlerweile die volle Kontrolle über den Flughafen von Tripolis gewonnen hätten. Nach Angaben der Rebellen schossen Regierungstruppen Grad-Raketen auf Wohngebiete in der Hauptstadt. Westlich von Tripolis wurden die Städte Suara und Adschelat von Gaddafi-Soldaten unter Beschuss genommen.

Unklar blieb, wo sich Gaddafi versteckt hält. Der Rebellen-Sprecher erklärte, die Aufständischen hätten weiterhin keine sicheren Informationen über den Aufenthaltsort Gaddafis. "Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir ihn gefunden haben", sagte der Rebellen-Sprecher Ahmed Bani dem Sender. Gaddafi verstecke sich "in einem der vielen Löcher" der Hauptstadt. Der Sprecher fügte hinzu, die Aufständischen würden den Sitz ihrer Übergangsregierung in den nächsten zwei Tagen von der Rebellenhochburg Benghasi nach Tripolis verlegen.

Rebellen stürmen Komplex Bab-al-Asisija

Bei der Eroberung von Tripolis hatten die Aufständischen zuvor einen weiteren Etappensieg errungen: Nach einem heftigen Bombardement des Hauptquartiers von Gaddafi drangen Rebellen am Dienstag auf das Gelände des schwer befestigten Bab-al-Asisija-Komplexes im Zentrum der libyschen Hauptstadt vor. Sie feuerten Freudenschüsse ihn die Luft, räumten Waffenlager und zerstörten eine Statue des einstigen Revolutionsführers. Ihre Anführer rechneten aber noch mit der Gegenwehr loyaler Gaddafi-Soldaten in dem weitläufigen Komplex. Die Rebellen gaben die Zahl der Toten bei der Eroberung von Tripolis mit mehr als 400 an. Mindestens 2000 Menschen seien zudem verletzt worden, erklärt ein Sprecher der Aufständischen im Sender Al-Arabija.

Beratungen über Wiederaufbau

In Doha sollten am Mittwoch Vertreter des Nationalen Übergangsrates der Rebellen mit Diplomaten aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, der Türkei und dem Katar über die Freigabe eingefrorener Vermögen beraten. Der Ministerpräsident des Übergangsrates, Mahmud Dschibril, bezifferte den unmittelbaren Investitionsbedarf auf 2,5 Milliarden Dollar. Zugleich rief er die libysche Bevölkerung zur Versöhnung auf.

Über den Wiederaufbau des ölreichen Landes zeichnete sich unterdessen ein diplomatisches Ringen ab: Der chinesische Außenminister Yang Jiechi sagte in einem Telefonat mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, dass die Vereinten Nationen den Wiederaufbau Libyens anführen und koordinieren sollten. Damit solle vermieden werden, dass allein westliche Staaten vom Wiederaufbau profitierten.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sieht eine Schlüsselrolle Deutschlands bei der wirtschaftlichen Entwicklung Libyens nach dem Sturz Gaddafis. "Libyen braucht jetzt einen Wiederaufbau, der das Land dauerhaft stabilisiert. Hier hat Deutschland Erfahrung und eine besondere Kompetenz", sagte Westerwelle der "Passauer Neuen Presse".

kng/DPA/Reuters / DPA / Reuters