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Theresa-May-Rede: Full English Brexit

Theresa May spricht Klartext: Vor den EU-Botschaftern hielt die britische Regierungschefin ihre langerwartete Rede zum Brexit. Hart soll er werden, aber zum Wohle Großbritanniens - ein ehrlicher Wunsch. Und ein frommer zugleich.

Theresa May nach Brexit-Rede

In Eile nach ihrer Brexit-Rede: Britanniens Regierungschefin Theresa May kehrt nach Downing Street zurück

Es waren keine besonders guten Tage und Wochen für Theresa May. Erst ging ihr der Europa-Experte Ivan Rogers in Brüssel verlustig und warf ihr obendrein fehlenden Durchblick und mangelnde Kritikfähigkeit vor. Dann sank das Vertrauen der Bürger in Regierung und Politik allgemein von bescheidenden 36 Prozent binnen eines Jahres auf ein sehr bescheidendes Niveau von 26 Prozent. Das Regionalparlament in Nordirland steht nach dem Rücktritt des stellvertretenden First Ministers Martin McGuinness vor Kollaps und Neuwahlen.

Theresa May - ein Kontrollfreak?

Und als wäre das nicht schon genug erschien in der "Times" ein Interview mit Donald Trump, das ausgerechnet Mays politischer Rivale Michael Gove geführt hatte. Jener Gove, der auch liebend gern Premier geworden wäre - und von May unmittelbar nach ihrer Inthronisation mit Freude geschasst wurde. Immerhin, kleiner Trost, wird May alsbald das Cover der amerikanischen Modezeitschrift "Vogue" zieren, ein Blatt, das die Britin verehrt - und das sie vor allem etwas zarter behandelt als die heimische Presse. Denn die britischen Medien gingen mit ihr nach anfänglicher Schonzeit wenig zimperlich um. Unentschlossen und abhängig bis zur Hörigkeit von ihren politischen Beratern, hieß es, zudem sei sie ein Kontrollfreak, der Außenministerium und Schatzkanzler an der kurzen Leine führe. Das Schlimmste aber: null Plan für den Brexit, außer ihrem Mantra: Brexit means Brexit, Brexit heißt Brexit.

May hatte dieses Mantra um ein zweites, gleichermaßen nichtssagendes erweitert. Nämlich, dass sie für Britannien den "bestmöglichen Deal" aushandeln wolle. Mehr war ihr monatelang nicht zu entlocken, sehr zum Groll der Hardliner in der eigenen konservativen Partei und der eigenen Bevölkerung. 20 Prozent der Briten hatten frischen Umfragen zufolge nicht den blassesten Schimmer, in welche Richtung ihre Regierung tendiert.

Mays Brexit: Nicht halb drinnen, halb draußen

Am Dienstag nun war die Zeit dafür gekommen, genau das zu ändern. Mit einer großen programmatischen Rede, der fraglos wichtigsten Erklärung, seit Mays Vorgänger David Cameron vor genau vier Jahren den Fahrplan für ein Referendum annoncierte. Als Ort hatten sie in Downing Street das Lancaster House gewählt, eine prächtige Dependance des Außenministeriums und zuletzt noch Drehort für die Netflix-Serie "The Crown". Botschafter aus allen EU-Nationen waren angetreten. Und tatsächlich sprach May für ihre Verhältnisse Klartext, keine halben Sachen mehr oder in ihren Worten, "nichts, was uns halb drinnen und halb draußen lässt".

Großbritannien, das steht nun fest, wird eher den harten Weg gehen und am Ende beide Häuser des Parlaments in Westminster über das Verhandlungsergebnis abstimmen lassen, wie May etwas überraschend ankündigte. Es wird sich aus dem gemeinsamen europäischen Markt verabschieden und auch aus dem System des Europäischen Gerichtshofes. Es wird damit, wie von den Hardlinern immer gefordert, den Zuzug von Einwanderern begrenzen und nur noch "Gesetzen folgen, die in Großbritannien gemacht werden" (May). Der Brexit wird mithin mehr hart als weich, eher klar als unübersichtlich.

Eine große Überraschung ist das nicht. May kommt damit immer noch der Mehrheit der britischen Bevölkerung entgegen. In den vergangenen Wochen, notierte der "Guardian", hätten sich im Kabinett zunehmend jene Stimmen durchgesetzt, die behaupten, ein weiteres Referendum würde zu einer noch klareren Mehrheit des Leave-Lagers führen. Das mag sogar stimmen. Allerdings stimmt auch, dass die Mehrheit der Briten auch für die Quadratur des Kreises stimmen würde: Zugang zum europäischen Binnenmarkt (90 Prozent) und zugleich Begrenzung der Immigration (70 Prozent). Eben das war nicht möglich, wie die Europäer, Angela Merkel voran, stets signalisiert hatten. Kein Rosinenpicken für die Briten.

16 Mal das Wort "global"

Auch deshalb der klare Schnitt, ein Full English Brexit. Und auch deshalb entwickelt die Premierministerin ein neues Mantra. Es besteht aus einem Wort: global. Sie sagte: "Ich möchte ein Großbritannien, das das Potential und den Ehrgeiz besitzt, das zu sein: eine große, globale Handelsnation, die auf der ganzen Welt respektiert wird, und ein starke, selbstbewusste und vereinte Nation zu Hause."

May benutzte das Wörtchen "global" 16 Mal in ihrer Rede, in unterschiedlichen Variationen - globale Beziehungen, globaler Handel und immer wieder globales Britannien. Es war eben auch eine Flucht nach vorn. "Ich möchte Freund und Nachbar für unsere europäischen Partner sein. Aber ein Land, das über die Grenzen Europas hinausblickt."

Ein paar Drohgebärden mussten sein

Sie vermied im Lancaster House zwar jene scharfe Rhetorik, die ihre Rede beim Parteitag im Oktober für europäische Beobachter noch so unbekömmlich gemacht hatte. Sie fand, im Gegenteil, immer wieder versöhnliche Worte für den Kontinent. Wurde dann aber doch grundsätzlich: Kein Deal mit Europa sei besser als ein schlechter. Und versah das mit auch impliziten Drohungen gegen die Europäer, falls Brüssel den Abschied dornig gestalten sollte.

Das Ganze hörte sich in Teilen so an wie eine Wahlkampfrede - und zwar durchaus wie eine, die man auch auf dem Parteitag von UKIP hätte hören können. Es bleiben außerdem Fragen, viele Fragen sogar. Die Zollunion? Eher nicht, statt dessen eine Zollvereinbarung, möglicherweise eine Teilmitgliedschaft. Was die Schotten tun werden, die den Zugang zum europäischen Binnenmarkt für essentiell halten und nun möglicherweise in ein abermaliges Unabhängigkeitsreferendum getrieben werden? Schließlich: Was bedeutet der harte Schnitt für die Zukunft der drei Millionen EU-Bürger auf der Insel und die der zwei Millionen Briten auf dem Festland? Alles Verhandlungssache, nur so viel: Das Vereinte Königreich will weiter mit seinen herausragenden Universitäten die hellsten Köpfe der Welt anlocken. Wie genau diese Verhandlungssachen dann ausschauen, wird ohnehin wieder Geheimsache. Sie werde ihre Strategie für die Gespräche in Brüssel nicht offenlegen, sprach May.

Mays ehrlicher, aber vielleicht auch frommer Wunsch

Die Premierministerin hatte allerdings im Lancaster House schon mehr offengelegt, als allgemein erwartet. Sie nannte ihr Paket "a plan for Britain", einen Plan für Britannien. An dessen Ende soll ein "stärkeres, faireres, einheitliches und nach außen orientiertes Großbritannien stehen". Ein, genau: globales Großbritannien. Es ist ein ehrlicher Wunsch. Und womöglich ein frommer zugleich.