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Deutsche Geiseln im Irak: Rätselraten um die Entführer

Wer die beiden Deutschen im Irak entführt hat, ist auch nach der Ausstrahlung des Geisel-Videos unklar. Experten fürchten, die Täter könnten zum Kreis des Top-Terroristen al Sarkawi gehören.

Erstmals seit der Entführung zweier Deutsche im Irak gibt es von den beiden Ingenieuren ein Lebenszeichen. Der arabische Nachrichtensender al Dschasira hat am Freitag ein Video ausgestrahlt, in dem die beiden zusammen mit vier bewaffneten und vermummten Männern zu sehen sind.

Al Dschasira zufolge wurde dem Sender das Band von einer Gruppe zugespielt, die sich Brigade der Ansar al Tawhid Wa Sunna nennt. Der Irak-Experte Guido Steinberg sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Geiselnehmer stünden möglicherweise dem Moslem-Extremisten Abu Mussab al Sarkawi nahe.

Steinberg, der von 2002 bis 2005 im Referat "Internationaler Terrorismus" im Bundeskanzleramt gearbeitet hat, sagte weiter, es scheine, dass es sich um eine professionelle Gruppe handele. Insofern sei die Entführung ernster zu nehmen als der Fall Osthoff. Die Archäologin war im November als erste Deutsche im Irak entführt und kurz vor Weihnachten wieder freigelassen worden. Unbestätigten Medienberichten zufolge wurden fünf Millionen Dollar Lösegeld gezahlt.

Nicht zu hören, was die Entführer sagen

Auf dem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Mitschnitt des Videos ist wegen des arabischen Nachrichtentextes nicht zu hören, was die Entführten sagen. Die Aufnahme trägt das Datum von Dienstag, dem Tag der Entführung. Nach Mitteilung des ZDF appellieren die beiden Männer an die Bundesregierung, alles für ihre Freilassung zu unternehmen. Sie nennen demnach auch ihre Namen und den ihres sächsischen Unternehmens Cryotec.

Nach Steinbergs Worten operieren im Irak zahlreiche nationalistische Organisationen, die auch islamistisch argumentieren. Die bekannteste dieser nationalistischen Gruppierungen sei die "Islamische Armee im Irak", die fast ausschließlich aus Anhängern des gestürzten Machthabers Saddam Hussein bestehe. "Wenn sie Glück haben, ist es die Islamische Armee. Wenn sie Pech haben, ist es eher die Nähe (der Entführer) zu den Sarkawi-Leuten", sagte Steinberg. Er begründete seine Einschätzung damit, dass die Islamische Armee zwei im Jahr 2004 entführte französische Journalisten wieder frei gelassen hatte.

Der Jordanier al Sarkawi gilt als Statthalter der Extremisten-Organisation al Kaida im Irak. Im Oktober waren in Düsseldorf vier Mitglieder von al Tawhid wegen geplanter Anschläge in Düsseldorf und Berlin zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Einige von ihnen sollen nach Aussagen aus dem Prozess enge Kontakte zu al Sarkawi gehabt haben.

Video-Auswertung dauert an

Die Auswertung des Videobandes dauert jedoch noch an. Experten des Ministeriums, des Bundesnachrichtendienstes und des Bundeskriminalamts seien dabei, sich einen fundierten Eindruck zu verschaffen, sagte Außenamtssprecher Martin Jäger. Zur Zugehörigkeit der Entführer, dem Tathergang und zur konkreten Arbeit des Krisenstabs wollte er nicht Stellung beziehen. Das Band sei ein "bedrückendes Zeugnis menschlicher Erniedrigung, das uns alle betroffen gemacht hat".

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte am Rande einer Bundestagssitzung: "Das waren erschütternde Bilder, die uns heute Morgen aus dem Irak erreichen." Die Bundesregierung werde das Menschenmögliche tun, die zwei schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen. Dabei werde sie mit Augenmaß vorgehen, so der SPD-Politiker.

"Kontaktaufnahme seitens der Entführer hat stattgefunden"

Im Sender RTL sagte der Minister, zu der Entführergruppe lasse sich im Einzelnen nichts sagen. "Die Kontaktaufnahme seitens der Entführer hat stattgefunden", sagte er darüber hinaus. Aus dem Krisenstab verlautete, mit dieser Aussage habe sich der Minister nur auf das Videoband bezogen.

Einem Bericht des "Tagesspiegel" zufolge stellen die Entführer ähnliche Forderungen wie im Fall Osthoff. Sie verlangten, dass Deutschland den Kontakt zum Irak abbreche und die Hilfe für das Land einstelle.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die unverzügliche Freilassung der beiden Deutschen. Ihre Regierung werde alle Anstrengungen unternehmen, "unsere Landsleute sicher, unversehrt und gesund nach Hause zu bringen", so Merkel.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters