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Antrittsrede des US-Präsidenten: Wut statt Versöhnung: Warum Donald Trump eine große Chance vertan hat

Donald Trump hätte Amerika versöhnen können. Er hätte sich anders zeigen können als bisher. Stattdessen war der Präsident  wie der Wahlkämpfer Donald Trump. Und dafür gibt es einen einfachen Grund.

Keine versöhnlichen Töne: Donald Trump bei seiner ersten Rede als US-Präsident

Keine versöhnlichen Töne: Donald Trump bei seiner ersten Rede als US-Präsident

Vielleicht war es der Moment, als Hillary Clinton die Terrasse vor dem Capitol betrat, der den Zustand Amerikas am besten beschreibt. Zu diesem Zeitpunkt war die Amtseinführung Donald Trumps als 45. Präsident nur noch wenige Minuten entfernt. Keine Frage, die Frau, die da im weißen Hosenanzug erschien, war die Geschlagene, die Verliererin. Man könnte auch sagen: die Gedemütigte. Ein respektvoller Applaus aus dem Publikum wäre angemessen gewesen. Hillary Clinton wird in den USA nie wieder eine entscheidende politische Rolle spielen. Doch statt Applaus herrschte eisige Stille im Publikum. Und dann die Rufe: "Hure! Hure! Sperrt sie ein!"

Der Wahlkampf in den USA mag vorbei sein. Überwunden ist er noch lange nicht. Die mehreren Hunderttausend Menschen, die zu Donald Trumps Vereidigung in Washington gekommen waren, gehörten zu 90 Prozent ins Trump-Lager. Viele waren mit Pick-Ups aus ländlichen Regionen angereist, zu erkennen an den Stickern auf Scheiben und Stoßstangen. Pro Trump, pro Waffen, gegen Abtreibung. Unter ihnen Farmer, Kriegsveteranen, Fabrikarbeiter. Nur schwarze Gesichter waren so gut wie keine zu sehen. Selbst von den Aktivisten der Gruppierung "Blacks for Trump" hatten nur die wenigsten dunkle Hautfarbe. Amerika ist wieder weiß - das ist der Eindruck, den jeder Besucher der Vereidigung mit nach Hause nahm. Und: Amerika ist wütend.

Donald Trump bei seiner Antrittsrede

Buhrufe und Pfiffe statt Applaus

Während der gut dreistündigen Feierlichkeiten wurde fast mehr gebuht und gepfiffen als geklatscht. Der Unbill der Zuschauer traf nicht nur Hillary Clinton. Er traf ihren Mann Bill, den 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten; er traf demokratische Senatoren und demokratische Richter; er traf Jimmy Carter, Präsident Nummer 39, ein Mann der in aller Welt als Friedensstifter gilt. Sie alle bekamen die Verachtung des Publikums zu spüren. Selbst als Barack Obama und seine Frau Michelle erschienen, tröpfelte der Applaus nur dahin. Dabei ist die Vereidigung in den USA traditionell der Tag, an dem die Amerikaner - egal ob Republikaner oder Demokraten - nach langem Wahlkampf wieder vereint hinter ihrer Flagge zusammenstehen.

Je aufgeheizter die Stimmung wurde, desto mehr sehnte man sich fast nach dem Auftritt Donald Trumps. Weil man hoffte, er könnte der Veranstaltung mit seinen Worten die Würde zurückgeben, die sie verdient. Mit seiner ersten Rede als Präsident hätte er die Chance gehabt, sich als Staatsmann zu präsentieren. Er hätte seine Anhänger dazu bringen können, im Augenblick ihres größten Triumphes einen Schritt auf die Gegner zuzugehen.

Donald Trump wie im Wahlkampf

Aber das ist nicht geschehen. Im Gegenteil. Donald Trump redete, als wäre er noch immer im Wahlkampf, nur darauf programmiert, den Gegner zu vernichten. Sein Dank an Barack Obama war eine hingeworfene Floskel. Danach zeichnete er von Washington das Bild eine Sumpfes aus Vetternwirtschaft und Korruption, in dem die Politiker und Abgeordneten "nur quatschen" würden. "Jetzt aber ist es Zeit zu handeln", versprach Trump. "Ich werde das Amt des Präsidenten endlich wieder an die amerikanischen Bürger zurückgeben." Und weiter: "Ich werde dafür sorgen, dass die Vergessenen nicht länger vergessen werden. Kein Amerikaner wird jemals wieder vergessen!"

Das war auch seine zentrale Botschaft an die Welt: "Amerika zuerst." Er sprach von Vergeltung. Er versicherte, dass sich Amerika nicht länger von anderen Nationen ausnutzen lassen werde. Seine Rede klang wie eine Kriegserklärung. Nicht nur an Terroristen und ISIS, sondern an alle Staaten, die sich bislang auf die USA als Partner verlassen haben. "Amerika ist unschlagbar", so Trump. "Denn es wird beschützt von Gott." Der letzte Satz war dann das Trump-Mantra, bei dem Hunderttausende mit einstimmten: "We! Will! Make! Amerika! Great! Again!"

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Es gibt nur den einen Donald Trump

Warum, fragt man sich, hat Donald Trump diese Chance vertan? Warum hat er diese gewichtige Rede an diesem historischen Tag nicht genutzt, um der Welt und seinem Land zu zeigen, dass es da auch einen anderen Donald Trump gibt? Einen, der Menschen miteinander versöhnen und sie nicht nur gegeneinander aufhetzen kann. Einen Donald Trump, der ein gutes Amerika anführen will, das die Schwachen beschützt und für seine Freunde da ist. Ein Amerika, das nur jene fürchten müssen, die Minderheiten und Demokratie mit Füßen treten. Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Weil es diesen Donald Trump gar nicht gibt.