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Fragwürdige Geschäftspraxis: Britische Firma soll ehemalige Kindersoldaten im Irak beschäftigt haben

Eine neue Dokumentation zeigt, wie eine britische Sicherheitsfirma offenbar jahrelang ehemalige Kindersoldaten aus Sierra Leone im Irak anheuerte. Söldner aus dem Westen waren zu teuer.

Kindersoldaten im Südsudan

Weltweit gibt es laut offiziellen Zahlen noch mehr als 250.000 Kindersoldaten

Sollten sich die Vorwürfe erhärten, könnte dies weitreiche Konsequenzen für das britische Sicherheitsunternehmen Aegis Defense Services haben: In einer dänischen Dokumentation mit dem Titel "The Child Soldier’s New Job" (Die neuen Jobs der Kindersoldaten), die am 19.4. ausgestrahlt werden soll, werfen die Filmemacher dem Unternehmen vor, ehemalige Kindersoldaten aus dem Ex-Bürgerkriegsland Sierra Leone als Söldner im Irak beschäftigt zu haben - aus Kostengründen, da diese am billigsten seien. Journalisten der britischen Zeitung "The Guardian" wurde vorab ein Einblick in den Film gewährt - und dieser zeichnet eine düsteres Bild.

Der Aufsitzratsvorsitzende von Aegis Defence Services ist Sir Nicholas Soames, Mitglied des britischen Parlaments und Enkelsohn des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill. Wie der "Guardian" schreibt, soll die Firma mehrere Verträge über den Schutz von US-Militärbasen haben. Der Wert dieser Verträge habe sich auf mehrere hundert Millionen Dollar belaufen. Ab 2011 habe die Firma dann auch Söldner aus Ländern wie Sierra Leona beschäftigt - die zum Teil ihre Erfahrung an der Waffe als Kindersoldaten im Bürgerkrieg erlangt hätten, schreibt die britische Zeitung. Zuvor habe das Unternehmen Personal aus Großbritannien, den USA und Nepal rekrutiert. Doch das sei mit der Zeit offenbar zu teuer geworden.

"Alles was wir uns noch leisten können sind Afrikaner"

Ein hochrangiger Ex-Militär und früherer Mitarbeiter der Fima James Ellery sagte dem "Guardian": "Man hätte wahrscheinlich eine bessere Streitmacht gehabt, wenn man ausschließlich Briten rekrutiert hätte. Das konnte man sich jedoch nicht leisten. Deshalb rekrutierte man zunächst Engländer, dann Nepalesen, dann andere Asiaten bis man an dem Punkt angelangt war, an dem man sagte, 'alles was wir uns jetzt noch leisten können sind Afrikaner'". Dokumente, die den Filmemachern vorliegen, sollen zeigen, dass die Soldaten aus Sierra Leone einen Sold von nur 16 Dollar am Tag erhielten. Dabei ist bekannt, dass gerade das Personal von privaten Sicherheitsfirmen wie beispielsweise Academi, früher bekannt als Blackwater, für ihre Dienste extrem hohe Gehälter kassieren. Laut "Washington Post" lag das durchschnittliche Gehalt bei 600 Dollar am Tag.

Laut der Dokumentation hätten an die 2500 Personen aus Sierra Leone für Aegis und andere Sicherheitsfirmen im Irak gearbeitet. Darunter seien auch viele ehemalige Kindersoldaten aus afrikanischen Kriegsgebieten gewesen. Rekruten sollen vor ihrer Anstellung nicht gefragt worden sein, ob sie eine Geschichte als Kindersoldaten haben. "Wenn die Kriegsführung zunehmend privatisiert wird, versuchen Firmen weltweit die billigsten Soldaten zu rekrutieren. Wie sich herausstellt, sind das ehemalige Kindersoldaten aus Sierra Leone. Ich glaube, das es wichtig ist, dass wir uns im Westen über die Konsequenzen der Kriegs-Privatisierung im Klaren sind“, sagt der Filmemacher Mads Ellesøe.

Amputationen - "nicht immer mit einem scharfen Werkzeug"

In dem Film berichtet ein ehemaliger Kindersoldat und Aegis-Angestellter von seinen traumatischen Erlebnissen im Bürgerkrieg: "Jedes Mal wenn ich eine Waffe halte, werde ich an die Vergangenheit erinnert. Es bringt viele Erinnerungen zurück." In zusätzlichem Bildmaterial, das der "Guardian" einsehen durfte, berichtet der Mann, wie er mit 13 Jahren von Rebellen entführt worden sei, die seine Mutter umgebracht hätten. Er berichtet auch, wie die Rebellen ihn gezwungen hätten, die Gliedmaßen von Menschen zu amputieren - "nicht immer mit einem scharfen Werkzeug". Ihm sei auch beigebracht worden, wie man mit einer AK-47 schieße, obwohl er sie damals wegen dem Gewicht kaum hääte tragen können. Offenbar sind es gerade diese unfreiwillig erlernten Fertigkeiten - und die günstigen Preise - die ehemalige Kindersoldaten aus Sierra Leone für Aegis so attraktiv machen.

Offenbar bestehen noch weitere Verbindungen von Hochrangigen Aegis-Mitarbeitern in das ehemalige Bürgerkriegsland. Aegis Defence Services wurde 2002 von Tim Spicer, einem ehemaligen Mitglied der britischen Armee, gegründet. Seine vorherige Firma Sandline war 1998 in einen Skandal um Waffenlieferungen nach Sierra Leone verwickelt. 100 Tonnen Waffen sollen damals an Regierungstruppen in dem Bürgerkriegsland geliefert worden sein - trotz internationaler Sanktionen.

Mitarbeiter nicht nach ihrer Geschichte gefragt 

Ein weiteres prekäres Detail: Der Ex-Militär und frühere Aegis-Mitarbeiter Ellery soll vor seiner Zeit bei dem Sicherheitsunternehmen als Stabschef für die Mission der Vereinten Nationen in Sierra Leone (UNAMSIL) tätig gewesen sein. Zu dieser Zeit war UNAMSIL für die "demobilisierung" tausender Kindersoldaten zuständig. Nach dem Ende des Bürgerkriegs in dem Land 2002 zahte die internationale Gemeinschaft Millionen, um ehemaligen Kindersoldaten neue berufliche Perspektiven zu geben.

Ellery verteidigte gegenüber dem "Guardian" die Entscheidung, Mitarbeiter aus Sierra Leone nicht nach ihrer Geschichte als Kindersoldaten gefragt zu haben. Nach Ellerys Logik sei diese Frage diskriminierend. Schließlich seien die Männer als Kindersoldaten oft zu ihren Handlungen gezwungen worden. Unter UN-Regeln könne man Kindersoldaten nicht für ihre Taten zur Verantwortung ziehen. "Sie sind, sobald volljährig, Bürger, denen das volle Recht auf Arbeit zusteht. Dies ist ein menschliches Grundrecht. Als wäre es völlig falsch gewesen, wenn wir in Sierra Leone diese Personen ausgeschlossen hätten." Auch heute noch ist Sierra Leone eines der ärmsten Länder der Welt - und stellte zusammen mit Ländern wie Uganda und Kenia ab 2009 häufig billiges Personal, um Militäreinrichtungen im Irak zu schützen.

Sir Nicholas Soames wollte sich gegenüber dem "Guardian" nicht zu den Vorwürfen äußern. 2015 wurde Aegis von GardaWorld, einem kanadischen Sicherheitskonzern, übernommen. In einem Statement sagte der Ex-Firmenchef von Aegis und jetztige Hauptgeschäftsführer von GardaWorld, Graham Binns, der Zeitung, "Aegis nimmt in unserer Industrie bekannte Probleme, wie posttraumatische Belastungsstöungen ernst und arbeitet eng mit Experten in dem Bereich zusammen (…), um das Trauma-Risiko zu reduzieren."