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Europa und die Populisten: Die riskante Sehnsucht nach dem starken Mann

Die Gewinner der Europawahl werden die rechten Populisten sein. Sie wecken Hoffnungen, die sie nicht erfüllen können. Dass sie so attraktiv sind, sollte uns Angst machen.

Ein Kommentar von Hans-Hermann Klare

Der Schock wird groß sein, wenn in der nächsten Woche ein Viertel der neu gewählten Mitglieder des Europa-Parlaments die EU am liebsten abschaffen möchten. Der Erfolg der rechten Populisten in Frankreich, den Niederlanden, in Großbritannien und Ungarn ist nicht bloß Ausdruck der Krise Europas nach sechs Jahren Finanzchaos und hoher Arbeitslosigkeit. Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach dem starken Mann.

Es ist eine Reaktion auf das, was der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch unter dem Stichwort "Postdemokratie" beschrieben hat: Die begrenzte Macht nationaler Politiker angesichts der Globalisierung, auf Entwicklungen Einfluss zu nehmen. Wahlen, die zu inhaltlosen Ritualen erstarren, weil die wahren Probleme entweder nicht mehr diskutiert werden oder der Bürger an der Urne keine Alternative mehr hat, sich zu entscheiden.

Dieses Gefühl der Ohnmacht bei Wählern wie Gewählten verstärkt den Wunsch nach Persönlichkeiten, die aufbrechen, was unsere Gesellschaften einzwängt. Nach Leuten, die auf komplizierte Fragen scheinbar einfache Antworten haben. Nach Leuten, die Charisma besitzen.

FAZ-Autorin lechzt nach Leidenschaft

Der deutsche Nationalökonom und Soziologe Max Weber hat diesen Begriff geprägt, als er - unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, nach dem Ende der Monarchie und angesichts der Geburtswehen der ersten Demokratie in Deutschland - beschrieb, weshalb der Traum von außergewöhnlichen Führern so attraktiv sein kann: In schwierigen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Persönlichkeiten, die nicht fragwürdigen Mehrheiten hinterherlaufen, sondern durch ihre Intelligenz, ihr Wissen, ihre Fähigkeiten, durch ihr ganzes Auftreten die Mehrheit hinter sich zu scharen wissen.

Dazu passt das jetzt erschiene Buch der Journalistin Julia Encke von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Unter dem Titel "Charisma und Politik - Warum unsere Demokratie mehr Leidenschaft braucht" lechzt die Autorin förmlich danach, sich von Politikern mehr begeistern zu lassen. Dazu passt die Verehrung, die Helmut Schmidt heute genießt. Dazu passt die Begeisterung, mit der 200.000 Deutsche vor sechs Jahren Barack Obama an der Siegessäule in Berlin feierten - zu einem Zeitpunkt, als er nur Präsidentschaftskandidat war.

Die Schwierigkeit eines jeden Charismatikers besteht stets darin, dass aus der von ihm entfachten Ekstase Alltag werden muss. Und dass ein Volk den Glauben an die außergewöhnlichen Fähigkeiten eines Charismatikers nur behält, wenn er dafür den Beweis auch antritt: Wenn die Probleme unter seiner Herrschaft also tatsächlich kleiner werden. Oder zumindest die Stimmung besser wird als zuvor.

Welcher Charismatiker glänzt noch?

Die Gefahr zu scheitern ist für solche Politiker besonders groß. Denn charismatische Herrschaft ist äußerst labil. Barack Obama hat längst seinen Glanz verloren. Tony Blair - der Star europäischer Politik nach seinem Wahlsieg 1997 - gilt heute als reicher Möchtegern-Staatsmann. Das ist nicht weiter schlimm, solange solche Ernüchterung in Gesellschaften mit einer weit entwickelten demokratischen Ordnung eintritt.

Von anderem Kaliber ist da schon der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Einst als charismatischer Erneuerer am Rand Europas gefeiert, erscheint er heute als Politiker, dem jedes Mittel recht ist, um an der Macht zu bleiben.

Die Gefahr der Anti-Europäer im EU-Parlament ist noch einmal von anderer Qualität. Weder die Französin Marine Le Pen noch der Niederländer Geert Wilders oder der Brite Nigel Farage haben die Chance, die ganze Macht in Europa zu ergreifen. Aber je mehr es ihnen gelingt zu blockieren, was sie eh nie wollten, umso besser können sie die EU als tatsächlich überfordert denunzieren. Je destruktiver sie agieren dürfen, umso überzeugender klingt ihr Argument, man müsse die EU rückentwickeln und den jeweiligen Nationalstaat stärken, um wieder Politik für die Bürger zu machen.

Putin gilt als Vorbild

Das wäre nur der erste Schritt, um danach die Macht im Heimatland zu übernehmen. Es wäre der Beginn einer rechten Revolte, die ganz Europa erfassen könnte. Schon jetzt machen weder die Politiker der Front National in Frankreich noch Nigel Farage von der britischen UKIP einen Hehl daraus, wie sie sich einen erfolgreichen Politiker vorstellen: Waldimir Putin gilt ihnen als Vorbild.

Wer deren Parteien wählt, weil er den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen möchte, hat vermutlich einfach nicht lang genug nachgedacht.