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Ex-US-Diplomat Kornblum: "Clinton enttäuscht mich sehr"

Was Barack Obama will, ist mittlerweile klar. Was er kann, noch nicht vollends. Der Ex-US-Diplomat und Autor John C. Kornblum sagt im stern.de-Interview, warum er den US-Präsidenten dennoch für die tragende Figur einer Erneuerungsbewegung hält und von Hillary Clinton enttäuscht ist.

Herr Kornblum, in Ihrem aktuellen, mit dem Journalisten Dieter Kronzucker verfassten Buch "Mission Amerika" beschreiben Sie Barack Obama als tragende Figur einer Erneuerungsbewegung. Viel bewirkt hat der US-Präsident bislang nicht.

Das sehe ich anders: Beim Klimawandel, in der Gesundheitspolitik und im Umgang mit dem Ausland betritt er neue Wege; viele Hypotheken der Vergangenheit sind beiseite geräumt, etwa durch die beabsichtigte Schließung des Guantanamo-Lagers.

Militärtribunale werden aber aufrechterhalten.

Wenn es um die Foltervergangenheit geht, weiß Obama genau, was er will - die Frage ist nur, was er kann. Vielleicht war er anfangs etwas naiv und glaubte an eine rasche Lösung des Guantanamo-Problems. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass er die Veröffentlichung der Unterlagen über die Verhörmethoden oder das Waterboarding anordnete. Insgesamt denke ich, dass nach gut 100 Amtstagen die Fundamente gelegt sind für eine breite Erneuerungsbewegung, deren Ergebnisse sich erst nach Jahren, womöglich Jahrzehnten, beurteilen lassen.

Als Karrierediplomat waren Sie unter anderem von 1997 bis 2001 US-Botschafter in Deutschland. Wir sind etwas überrascht, dass Obama nun mit Philip Murphy einen millionenschweren Investmentbanker als Botschafter nach Berlin schicken will.

Es kommt doch darauf an, wie gut der Kandidat ist. Wir Berufsdiplomaten wissen, dass Leute von außen oft einen hervorragenden Job machen. Ich kenne Herrn Murphy, der für die Deutschland-Mission im Gespräch ist, und schätze ihn sehr. Man sollte ihn nicht abqualifizieren, bevor sich zeigt, was er tut.

Wie reagiert der Präsident auf Nordkoreas Kriegsdrohungen?

Das ist für ihn eine Krise, die er mit Diplomatie und nicht mit Gewalt lösen will. Viele glauben ja, ein Dialog mit Nordkorea sei sinnlos. Deshalb muss Obama nun unter Beweis stellen, dass er eine klare Verhandlungs-Strategie entwickeln kann. Möglicherweise findet er starke Unterstützung bei Russland und China.

Obama schließt Militärschläge nie aus. Könnten US-Soldaten in Pakistan einmarschieren, falls die Taliban dort weiter die Sicherheit im Land bedrohen?

Das wird man sehen. Diplomatie kann immer nur stark sein, wenn eine militärische Option dahinter steckt. Nur aufs Militär zu setzen, führt andererseits nicht weiter, weil man dann nicht weiß, wie man aus der Krise wieder herauskommt. Deshalb ist eine richtige Mischung aus Gewaltandrohung und Diplomatie wichtig, und ich denke, dass die Bush-Regierung die falsche Mischung hatte.

Wird Obama demnächst die Europäer ganz konkret zu einem stärkeren Militär-Engagement am Hindukusch auffordern?

Ich denke, er wird eine Politik betreiben, die auf Partnerschaftlichkeit ausgerichtet ist und die europäischen Länder nicht im Stil von George W. Bush vor vollendete Tatsachen setzt. Klar ist aber auch, dass die Europäer sich in Zukunft schwerer tun werden, Militäreinsätze an der Seite der USA abzulehnen, als dies in der Bush-Ägide der Fall war.

Außenministerin Hillary Clinton schweigt derzeit beharrlich zum Thema Menschenrechte in China, um die vielen Dollar-Milliarden nicht aufs Spiel zu setzen, die Peking in den USA geparkt hat.

Diese Haltung von Frau Clinton hat mich persönlich sehr enttäuscht. Dieselbe Zurückhaltung zeigte zuletzt auch Nancy Pelosi, die Präsidentin des Abgeordnetenhauses. Offenbar ist dies nun die offizielle Linie der Obama-Regierung.

In Ihrem Buch wird von George W. Bush als einem "Versager" gesprochen. Hätten Sie ihn auch so dargestellt, als er noch Präsident war?

Ich hätte vor einem Jahr kein Buch geschrieben. Nicht weil ich Angst gehabt hätte, den Präsidenten zu düpieren, sondern weil mir damals das Konzept fehlte. Herr Kronzucker und ich setzen uns im Herbst zusammen, weil uns das Phänomen Obama und sein Weg zur Präsidentschaft erklärungsbedürftig schien. Wir wollten zeigen, dass nun etwas Grundsätzliches in den USA passiert - ein drastischer Veränderungsprozess, den Obama reflektiert und in die Politik übersetzt.

Kaum jemand bezweifelt hierzulande, dass Amerika, das Europa im 20. Jahrhundert vor der Barbarei bewahrt hat, eine einzigartige Nation ist. Doch seit dem Ende des Kalten Kriegs scheint Amerikas moralische Überlegenheit, von der auch in Ihrem Buch die Rede ist, zu einem Mythos geworden zu sein.

Die Zeiten haben sich natürlich geändert. 20 Jahre nach Ende des Kalten Kriegs haben wir immer noch nicht ganz begriffen, wie tief greifend die Veränderungen waren. Denken wir daran, dass 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, Mitte der 60er Jahre, immer noch in eine Art Aufbaumentalität herrschte, zwei Jahre später jedoch überall die Studentenrevolte ausbrach. Ich glaube wir befinden uns jetzt - unter ganz anderen Voraussetzungen natürlich - in einer ähnlichen Zeit wie im Jahr 1968.

In einer Art Erneuerungsbewegung?

Ja, die USA haben acht schwere Jahre durchgemacht, andererseits interessierte sich dann die ganze Welt geradezu maßlos für unsere Wahlen und unseren neuen Präsidenten. In unserem Buch schlagen wir vor, Amerika mit etwas mehr Abstand zu betrachten, und schildern, wie das Land von innen funktioniert. Und wie Europa erfolgreich mit diesem sich gerade wieder einmal erneuernden Land umgehen kann. Auf beiden Seiten des Atlantiks muss man nun mit einer großen Portion Realität an die schwierigen Probleme herangehen. Ich weiß nicht, wie stark oder schwach sich Amerika dabei zeigen wird. Aber am Ende werden die westlichen Werte noch immer das Fundament für eine offene Weltordnung sein.

Interview: Tilman Müller