Fall Litwinenko Wer ist Opfer, wer ist Täter?


Nach dem Tod des russischen Ex-Spions Litwinenko wurden auch in Hamburg Spuren von Polonium nachgewiesen. Sie stammen wahrscheinlich vom ebenfalls verstrahlten Dimitri Kowtun, einem weiteren Kontaktmann. Doch ob Kowtun Opfer oder Täter ist, bleibt offen.

Fast sechs Wochen nach Beginn der Giftmordaffäre um den russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko steht nur eins fest: Am 1. November trafen sich mindestens drei Russen in einer Bar des noblen Hotels "Millennium" am Grosvenor Square in London. Ihre Namen: Alexander Litwinenko, Andrej Lugowoj, Dimitri Kowtun. Die ersten beiden arbeiteten früher für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Vielleicht hatte auch der dritte mit dem FSB zu tun, vor allem aber firmierte Kowtun als Geschäftspartner von Lugowoj. Am 23. November starb Litwinenko (43) an Strahlenkrankheit, vergiftet mit der seltenen radioaktiven Substanz Polonium 210.

Seitdem haben Experten das Gift an vielen Stellen gefunden, in Büros, Bars, Hotelzimmern, im Fußball-Stadion von Arsenal London, in zwei Flugzeugen und zuletzt auch in Deutschland. Zehntausende Menschen waren dem Gift nahe. Wie in einem Katastrophenfilm nehmen die Ereignisse immer größere Ausmaße an, doch die Wahrheit bleibt verborgen. Die Öffentlichkeit muss sich in der Welt der Geheimdienste zurechtfinden, deren Geschäft das Täuschen, Verwirren und Lügen ist.

Mörder - oder Mörder und Zeuge?

Wenn der exilierte Kreml-Kritiker Litwinenko bei dem Treffen in der Pine Bar im "Millennium" vergiftet wurde, wie Scotland Yard vermutet, dann saßen ihm Lugowoj und Kowtun als Mörder gegenüber. Oder sie waren ein Mörder und ein Zeuge, beteiligt oder unbeteiligt. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Giftanschlags auf Kowtun und zählt ihn damit zu den Opfern.

Doch auch die These, dass dort drei Nuklearschmuggler gemeinsame Sache machten, ist nicht völlig ausgeschlossen. Allerdings hätten Profis wohl gewusst, wie man mit Polonium umgeht, und den Stoff nicht in ganz London verteilt. Vielleicht sollten Lugowoj und Kowtun den Exilanten Litwinenko vergiften, wussten aber nicht, welches Teufelszeug man ihnen dafür mitgegeben hatte. Das könnte den ungeschickten Umgang mit dem Gift erklären. FBI-Quellen schlossen nicht aus, dass die mutmaßlichen Mörder sich selbst vergiftet haben. Ein vierter Russe namens Wjatscheslaw Sokolenko dementiert, dass er bei dem Treffen zugegen war - über ihn ist noch wenig bekannt.

Lugowoj transportierte das Gift

Den bisherigen britischen Ermittlungen zufolge scheint Lugowoj die deutlichste Polonium-Spur durch London gezogen zu haben. Er gilt der britischen Presse als Transporteur des Giftes. In seinem Zimmer und Bad im Hotel "Millennium" fanden sich hohe Konzentrationen, dort könnte der Giftcocktail gemischt worden sein.

Doch seit Sonntag müssen auch die Polonium-Funde in Kowtuns Wohnungen in und bei Hamburg in das Puzzle eingefügt werden. Er scheint vor der Anreise von Moskau über Hamburg nach London Kontakt mit Polonium gehabt zu haben. Das macht ihn aus der Sicht der deutschen Polizei verdächtig, aber noch nicht zu einem Mörder. Es wirft auch die Frage auf, was bei einem ersten Treffen der drei Männer in London am 16. oder 17. Oktober geschah. Nach offiziellen Angaben in Moskau haben russische und britische Ermittler Kowtun als Zeugen befragt. Die Befragung von Lugowoj hat sich mehrfach verzögert. Unklar bleibt, ob und welche Dosis Polonium 210 die beiden abbekommen haben. Die Zeugen liegen angeblich abgeschirmt in einer Klinik.

Plötzlich ist Kowtun verschwunden

Die Agentur Interfax meldete gestützt auf medizinische Quellen, dass Kowtun an schwerer Strahlenkrankheit leide. Lugowoj sei weniger betroffen. Kowtun habe nach dem Treffen in der Bar noch länger mit dem - so die Vermutung - frisch verstrahlten Litwinkenko gesprochen und sich deshalb selber vergiftet, schrieb die Zeitung "Moskowski Komsomolez". Die staatlichen Nachrichtenagenturen Itar-Tass und RIA-Nowosti telefonierten am Wochenende mit Lugowoj, der sagte, sein Zustand sei stabil. Überprüfbar ist in Moskau keine dieser Angaben.

Größere Klarheit ist wohl erst zu erwarten, wenn die Fahnder von Scotland Yard aus Moskau zurückkehren und die britische Polizei ihre Ermittlungsergebnisse umfassend vorstellt. Großbritannien hat angekündigt, die Ermittlungen würden ohne diplomatische Rücksicht geführt. Doch es wäre eine Belastung für das britisch-russische Verhältnis, wenn die Indizien tatsächlich auf den FSB oder andere russische Geheimdienste weisen sollten.

Verfahren gegen Kowtun

Ob Kowtun den Mord an Litwinenko begangen hat oder an der Tat beteiligt war, müsste mit den britischen Behörden geklärt werden, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Martin Köhnke am Sonntag in Hamburg. Die Staatsanwaltschaft leitete gegen Kowtun ein Verfahren wegen des unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen und wegen des Verdachts des Missbrauchs ionisierender Strahlen ein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie vertraue zur Klärung des Falls auf die Kooperation zwischen den britischen und russischen Behörden. "Ich hoffe, dass das Ganze aufgeklärt werden kann", sagte Merkel in der ARD-Sendung "Beckmann" (Sendetermin Montag). Die Bürger in Deutschland müssten sich wegen der in Hamburg nachgewiesenen Spuren der radioaktiven Substanz Polonium 210 keine Sorgen machen, da Polonium keine weite Strahlungswirkung habe.

Schon vor London Kontakt mit Polonium

Kowtun war am 28. Oktober von Moskau nach Hamburg gekommen. Nach Ansicht der Ermittler war er schon in der russischen Hauptstadt in Kontakt mit dem Polonium gekommen. Ob er die Substanz dann in die Hansestadt transportiert oder im Körper gehabt und etwa ausgeschwitzt hat, ließ sich nach Angaben der Experten nicht rekonstruieren.

Einsatzleiter Thomas Menzel sagte, die Ermittler seien auch auf radioaktive Spuren in einem Auto, das Kowtun mehrfach benutzt hatte, sowie auf dem Anwesen der Ex-Schwiegermutter Kowtuns in Haselau im Kreis Pinneberg gestoßen. "Man kann davon ausgehen, dass es sich auch dort um Polonium handelt", sagte Menzel, der die Sonderkommission "Dritter Mann" leitet. Auch auf einem Formular, das Kowtun Ende Oktober auf der Ausländer-Behörde in Altona ausgefüllt habe, seien Strahlenspuren gefunden worden. Über den Gesundheitszustand Kowtuns lagen widersprüchliche Angaben vor. Die Ermittler der Sonderkommission "Dritter Mann" erhielten dazu bisher keine Auskunft der russischen Behörden.

Litwinenko-Witwe beschuldigt russische Behörden

Die Witwe Litwinenkos äußerte den Verdacht, dass russische Behörden für den Tod ihres Mannes verantwortlich sein könnten. Der britischen Sonntagszeitung "Mail on Sunday" sagte Marina Litwinenko (44): "Offensichtlich war es nicht (Wladimir) Putin selbst, natürlich nicht." Doch was um den russischen Präsidenten herum geschehe, mache es möglich, einen Menschen auf britischen Boden zu töten. Litwinenko selbst hatte in einer posthum veröffentlichten Erklärung Putin für seinen Tod verantwortlich gemacht.

DPA/Reuters DPA Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker