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Farc-Geisel: Kommt Betancourt bald frei?

Venezuelas Staatschef Hugo Chavez und Kubas Ex-Präsident Fidel Castro genießen bei den linken Rebellen der Farc großes Ansehen. Nun gab es ein Gipfeltreffen, dass überraschend leise verlief. Vieles deutet daraufhin, dass sie die Freilassung der Geisel Ingrid Betancourt eingeleitet haben.

Von Toni Keppeler

"Marulanda, wir bitten dich: Lass Ingrid frei! Wann immer und wo immer du willst." Mit diesem Aufruf wandte sich Venezuelas Präsident Hugo Chavez an Manuel Marulanda, den 77-jährigen Chef der kolumbianischen Farc-Guerilla, der auch unter dem Decknamen "Tirofijo" ("Sicherer Schuss") bekannt ist. Die Botschaft war Teil seines Grußwortes zum Internationalen Frauentag. Chavez wurde bei seiner Rede von der kolumbianischen Senatorin Piedad Cordoba begleitet. Und von Yolanda Pulecio, der Mutter der im Februar 2002 von den Rebellen entführten ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, 46. Chavez war mit den beiden Frauen soeben aus Kuba zurückgekehrt, wo er sich überraschend mit Fidel und Raul Castro, dem alten und neuen Präsidenten der sozialistischen Insel, getroffen hatte. Auch seine beiden Begleiterinnen waren von den Castro-Brüdern empfangen worden.

Dass Chavez schnell mal nach Kuba reist, um seinen rekonvaleszenten Freund Fidel Castro zu besuchen, ist nichts Neues. Doch es ist ungewöhnlich, dass sich nach dem Gespräch keiner der beiden zu den behandelten Themen äußerte. Üblicherweise plaudert Chavez alles brühwarm und am liebsten live im Fernsehen aus. Auch die beiden Frauen halten dicht. Und Castro schrieb in der kubanischen Parteipresse nur, er werde unter Umständen später, in seinen Memoiren, Teile der Unterredung veröffentlichen. Es scheint also um Gewichtiges gegangen zu sein.

Forderung nach einem humanitären Abkommen

Es war sicher kein Zufall, dass Chavez ausgerechnet zwei Frauen mit auf den Kurztripp nach Kuba genommen hat, die wie niemand anderes in Kolumbien für eine Verhandlungslösung im Drama um die von der Farc im Dschungel festgehaltenen Geiseln stehen. Senatorin Cordoba und Chavez hatten im Januar und Februar Marulandas Stellvertreter Raul Reyes die Freilassung von insgesamt sechs Geiseln abgerungen. Betancourts Mutter dringt seit Jahren auf ein humanitäres Abkommen zwischen dem kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe und der Farc. Und wer würde sich als stiller Vermittler mehr anbieten als Fidel Castro? Kein anderer Politiker Lateinamerikas genießt bei linken Guerillas mehr Ansehen und Autorität als der alte kubanische Kommunist. Auch die ersten diskreten Gespräche zwischen der Regierung Uribe und dem "Nationalen Befreiungsheer" (ELN), der anderen kolumbianischen Guerilla, hatten unter Castros diskreter Schirmherrschaft auf der Insel stattgefunden.

Doch jetzt will Uribe keine Verhandlungen. Er glaubt, er könne die Farc militärisch in die Knie zwingen. Im September 2007 hatte er Chavez noch darum gebeten, gemeinsam mit der linken Senatorin Cordoba für ihn mit der Farc über die Geiseln zu reden. Vor allem Frankreich hatte Uribe unter Druck gesetzt. Betancour, die bei der Präsidentschaftswahl 2002 für die in Kolumbien unbedeutende grüne Partei angetreten und mitten im Wahlkampf von den Rebellen entführt worden war, hat außer der kolumbianischen auch die französische Staatsbürgerschaft.

Viel Brimborium ohne Absprache

Chavez verhandelte auf seine Art: Mit viel öffentlichem Brimborium und ohne sich mit kolumbianischen Behörden abzusprechen. Schon im November entzog ihm Uribe erzürnt das Vermittlungsmandat und schwenkte zurück auf die von der US-Regierung unterstützte Linie der rein militärischen Bekämpfung der Farc. Immerhin konnte er behaupten, er habe es mit Verhandlungen versucht, aber Chavez habe alles kaputt gemacht.

Doch Chavez und Cordoba verhandelten auf eigene Rechnung weiter. Anfang Januar präsentierten sie die ersten beiden befreiten Geiseln, darunter eine enge Mitarbeiterin von Betancourt, die damals gemeinsam mit der Kandidatin entführt worden war. Ende Februar kamen die nächsten vier Geiseln frei. Stets war Raul Reyes der Verhandlungspartner von Chavez, und stets war Uribe gedemütigt. Zuletzt habe er mit dem zweiten Mann der Farc über die Freilassung von Betancourt gesprochen, behauptet Chavez. Dabei habe man auch den ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa zu Rate gezogen. Es wäre nämlich leichter gewesen, die offenbar schwer kranke Frau aus ihrem Dschungelversteck nach Ecuador zu bringen als ins viel weiter entfernte Venezuela.

Die Befreiung der prominentesten Farc-Geisel wäre ein Schlag ins Gesicht des Hardliners Uribe gewesen. Der Angriff der kolumbianischen Armee vom 1. März auf ein Rebellen-Lager in Ecuador dürfte deshalb kein Zufall gewesen sein. Reyes sollte getötet werden, bevor es zur Übergabe Betancourts kam. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Chavez viel heftiger auf die kolumbianische Grenzverletzung reagierte als der eigentliche betroffene ecuadorianische Präsident. Obwohl Venezuela vordergründig gar nichts mit dem Konflikt zu tun hatte, schickte Chavez als erster Panzer an die Grenze mit Kolumbien. Er brachte die Region an den Rand eines Kriegs.

Eine Woche später beim Gipfeltreffen lateinamerikanischer Staatschefs in der Dominikanischen Republik war der Konflikt genauso schnell bereinigt wie er ausgebrochen war. Zwar ist Uribe seither als letzter treuer Knappe der USA in Lateinamerika noch isolierter als zuvor. Aber letztlich hat er doch gewonnen: Ohne Reyes schien nur noch der militärische Weg gangbar zu sein, eine Verhandlungslösung im Geiseldrama in unerreichbarer Ferne. Chavez aber steht da wie ein Verrückter, der einen Krieg anzetteln wollte, der ihn gar nichts angeht. Und die Farc scheint geschwächt. Sie hat innerhalb einer Woche nicht nur den Mann verloren, der für internationale Beziehungen und Verhandlungen zuständig war. Wenige Tage später brachte eine Rebelleneinheit mit Ivan Rios einen zweiten Mann aus der Führungsriege um und wechselte über ins Regierungslager. Zum Beweis brachten die Überläufer nicht nur das Laptop des Ermordeten mit, sondern auch dessen abgeschnittene rechte Hand.

Gelegenheit, Uribe zu demütigen

Weder Chavez noch die Farc werden dies lange auf sich sitzen lassen. Die einzige Möglichkeit, mit der beide diesen Eindruck auf einen Schlag wegwischen können, ist die Befreiung von Ingrid Betancourt. Chavez könnte damit Uribe erneut demütigen und gleichzeitig beweisen, dass er Recht hat mit seiner Verhandlungspolitik. Und die Farc würde beweisen, dass sie auch ohne Raul Reyes in solchen Gesprächen ein selbstbewusstes Gegenüber sein kann. Der Kurztripp von Chavez nach Kuba und sein Aufruf an Farc-Chef Marulanda deuten darauf hin, dass die beiden Seiten genau über diese Möglichkeit reden. Es besteht also Hoffnung für Betancourt.