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FPÖ-Chef unter Antisemitismusverdacht: Haider-Nachfolger dreht sich eine Hakennase

Gegen Österreichs Rechtsaußen Heinz-Christian Strache wird wegen einer antisemitischen Karikatur ermittelt. Der FPÖ-Politiker gibt die Unschuld vom Lande und meint: "Sachen gibt es."

Von Sophie Albers

Heinz-Christian Strache ist einer vom ganz rechten Rand. Seit 2005 führt er die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) und trat das Erbe von Jörg Haider an. Strache, der als junger Mann der "Wiener pennale Burschenschaft Vandalia" beitrat und in den Jahren danach zahlreiche direkte Kontakte zu Neonazis pflegte, ist wie FPÖ-Übervater Haider bekannt für rechtspopulistische Aussetzer. Am Wochenende kam ein neuer hinzu.

Der gebürtige Wiener postete am Samstag "via Mobile" eine Karikatur auf seiner Facebook-Seite und versah sie mit dem Kommentar: "(…) Rot-Schwarz-Grün verteilen unsere österr. Steuer-Mrd (über 20 Mrd Euro) lieber an die EU-Banken-Lobbys statt an uns Österreicher (…) Ich stehe dazu: Unser Steuergeld für unsere österr. Staatsbürger statt für EU-Bankspekulanten, welche die Brandstifter der heutigen EURO-Krise sind!" Zu sehen ist ein Tisch, an dem sich ein fetter, schwitzender Mann den Bauch vollschlägt (überschrieben mit "Die Banken"), ein Kellner, der ihm lächelnd Wein einschenkt ("Die Regierung") sowie ein dürrer Mann vor einem Teller mit einem blanken Knochen ("Das Volk").

Das wäre alles noch gegangen und unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit als Ausdruck der inzwischen auch in Österreich verbreiteten Wut auf die Banken und "Teuro" durchgegangen, würde die Zeichnung des fetten Mannes nicht stark an die antisemitische Propaganda des NS-Hetzblattes "Der Stürmer" erinnern: Hakennase, hängende Lider und Davidsterne als Manschettenknöpfe. 1391 Menschen haben das Posting bisher mit einem "like" versehen, 490 haben es weitergepostet, und 308 haben es mit Kommentaren versehen, in denen Strache mal beschimpft, mal verteidigt wird.

Der Politiker zeigt sich über den Vorfwurf des Antisemitismus - inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft - empört und postete tags darauf die englische Version der Karikatur. Auf der allerdings fehlen besagte antisemitische Attribute. Der Rechtspopulist verteidigt sich wortreich: "Sachen gibt es. Manchmal verliert man völlig den Glauben an die Vernunft des politischen Mitbewerbers und mancher Journalisten", führt er aus, um dann fortzusetzen: "Seit Jahren kritisiere ich die Allmacht des Bankensystems, das auf Kosten der Bürger immer fetter und mächtiger wird. Und wenn ich einen Cartoon dazu verlinke, den ein anderer User gepostet hat, wird mir auf einmal Antisemitismus unterstellt. Das ist mehr als perfid."

Er habe von "dem Cartoon noch zwei Versionen gefunden, eine mit italienischer Sprache auf einer Seite der SPD, eine auf Englisch. Antisemitisch ist keiner für mich. Und für alle nochmal zum Mitschreiben: Ich dulde auch keinen Antisemitismus." Am Ende des gibt Strache den Medien noch den Rat: "Etwas mehr Sensibilität und auch Qualität täte dem einen oder anderen Journalisten und auch Politiker nicht schlecht."

Der Künstler weiß von nichts

Während also die Ermittlungen laufen, Strache seine Unschuld beteuert, Befürworter und Feinde sich aufregen und gegenseitig beschuldigen, wurde einer bisher vergessen: Der, der die Karikatur im Original gezeichnet hat, der, dessen Kürzel "VD" unter beiden Versionen steht.

Jude Potvin (der auch unter dem Kürzel juvdm veröffentlicht) ist Frankokanadier, zeichnet seit den 70er Jahren Karikaturen und veröffentlicht derzeit vor allem in dem katholischen, finanzsystemkritischen Blatt "Michael Journal". Als stern.de ihn auf die antisemitische Version seiner Zeichnung aufmerksam machte, reagierte er empört: "NEIN", er habe nie "eine jüdische Version" gezeichnet, antwortete er per Email. Von ihm stamme die eine Variante, die auf seiner Website zu finden sei, und das ist die englische. "Ich spreche nur vom Bankensystem, nicht über Juden. Das 'Michael Journal' ist NICHT antisemitisch."

Bleibt also die Frage, wer den Ehrgeiz hatte, Potvins Original ins Strafrechtlichrelevante zu verändern. Heinz-Christian Strache hat sich über dessen Herkunft nicht geäußert. Er hat auf die Anfrage von stern.de bisher nicht reagiert.