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Franzosen auf dem Vormarsch: Vertriebene wollen in ihre Heimat zurückkehren

Seit jüngstem gibt es wieder Hoffnung für die Vertriebenen in Mali. Dennoch bleiben die Herausforderungen groß: Die meisten Schulen sind geschlossen, Krankenhäuser zerstört und Lebensmittel teuer.

Seit sieben Monaten quält Afiatu Guindo eine Frage: Hat sie die richtige Entscheidung getroffen? Gab es wirklich keine andere Möglichkeit, als ihre sechs Kinder und ihr Hab und Gut zu packen und in die malische Hauptstadt Bamako zu fliehen? Wenn sie schläft, träumt Afiatu von Niafunke, ihrem Heimatdorf in der Nähe der mystischen Wüstenstadt Timbuktu. Wenn sie aufwacht, hat sie nur einen Wunsch: Sie will zurück nach Niafunke. "Ich bin nicht glücklich in Bamako, ich bin glücklich in Nord-Mali", sagt sie. Aber der Heimweg ist weit und steinig - und die Sicherheitslage bleibt trotz der malisch-französischen Militäroffensive prekär.

"Aus unserem Dorf fortzugehen, war keine einfache Entscheidung, aber es war meine Pflicht", meint Afiatu. "Ich habe es für meine Kinder getan, denn der Krieg hat das Leben für uns alle schwer gemacht." Sie sitzt umgeben von ihren Söhnen und Töchtern in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in Bamako. Afiatu fühlt sich fremd hier im Süden. 1400 Kilometer ist sie von ihrem Zuhause entfernt.

Aber was ist passiert in Niafunke? Afiatu arbeitete als Markthändlerin, ihre Kinder gingen zur Schule, alles schien gut. Dann kamen die Tuareg-Rebellen. Im Zuge eines Militärputsches in Bamako brachten sie den Norden gemeinsam mit Islamistengruppen unter ihre Kontrolle. Das war im März 2012.

"Es wurde fast unmöglich, so zu leben"

Zwei Monate später schickten die Islamisten dann die Tuareg sprichwörtlich in die Wüste und rissen die Macht in Nord-Mali an sich. Sie führten die Scharia ein, eine strenge Auslegung der islamischen Rechtsprechung. Frauen mussten sich verhüllen, Musik und Zigaretten wurden verboten, ganz zu schweigen von der Verletzung der Menschenrechte, wie etwa dem Abhacken der Hände mutmaßlicher Diebe.

Auch für Afiatu änderte sich alles: Als alleinerziehende, geschiedene Mutter durfte sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen - geschweige denn ihrer Arbeit auf dem Markt nachgehen. "Ich konnte kein Geld mehr verdienen, ich durfte nicht mehr im Dorf herumlaufen, es wurde fast unmöglich, so zu leben", sagt sie.

Aber Fluchtgedanken kamen ihr erst, als die radikale Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI), die in Niafunke regierte, im vergangenen Juli alle Schulen schloss. Afiatu nahm ihre gesamten Ersparnisse und machte sich samt Familie auf in Richtung Süden. Sie ist nur eine von vielen verzweifelten Müttern: Heute leben 230 000 Menschen in dem westafrikanischen Land als Binnenvertriebene. Rund 80 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder.

In Bamako sind viele sicher aber unglücklich

In Bamako kann Afiatus Nachwuchs wieder zur Schule gehen und die Familie ist sicher vor Übergriffen islamischer Extremisten. Aber Glück sieht anders aus. Afiatu hat wie die meisten der 50 000 in Bamako lebenden Vertriebenen keine Arbeit und kann ihre Kinder nicht versorgen. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) hofft zwar, "Einkommen schaffende Tätigkeiten" für die Flüchtlinge in Bamako einzurichten, aber bisher fehlt das Geld dazu.

Die Menschen befinden sich in einem Dilemma: Solange es keine funktionierenden Institutionen und politischen Strukturen gibt, können sie nicht heimgehen. Schulen und Krankenhäuser sind vielerorts geschlossen oder zerstört, und auch die Sicherheitslage im Norden ist trotz der Rückeroberung der wichtigen Städte Gao, Kidal und Timbuktu alles andere als stabil.

In Timbuktu wurden nach Schätzungen des "International Medical Corps" bereits im April 2012 zwei Drittel aller Kliniken von Rebellen geplündert. "Die Wasserleitungen und Elektrizitätssysteme sind zerstört, Ausrüstung wurde gestohlen, die Türen sind eingetreten", erzählt Sean Casey, der Notfallkoordinator der Organisation. Zudem sind die Lebensmittelpreise drastisch gestiegen, so dass allen - Vertriebenen und Heimgebliebenen - Hunger droht.

Obwohl etwa in Gao erste Schulen wieder die Pforten öffnen, müssen Afiatus Kinder das Schuljahr in Bamako zu Ende bringen. Und das bedeutet, dass die Familie noch mehrere Monate in der Hauptstadt bleiben muss. Nachdenklich sagt Afiatu: "Wenn der Frieden wiederhergestellt ist, dann gehe ich nach Hause. Aber wenn ich die Mittel hätte, würde ich schon morgen nach Niafunke zurückkehren."

Von Damon van der Linde, DPA / DPA
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