Geheimdienste Später Besuch von Dr. K.


Der Kölner Verfassungsschutz hat im Fall Kurnaz anscheinend viel enger und länger mit den Amerikanern kooperiert, als bisher bekannt war.

Ärger mit deutschen Sicherheitsbehörden möchte Murat Kurnaz tunlichst vermeiden. Doch was er im stern-Interview über seine Verhöre durch deutsche Sicherheitsbehörden in Guantánamo sagt, ist brisant: Einer jener drei deutschen Terror-Experten, die Kurnaz im September 2002 vernahmen, habe ihm im Frühjahr 2004 erneut in einem Container in Camp Delta 1 gegenübergesessen. Die Verantwortlichen haben dieses zweite Verhör bis heute verschwiegen. Dabei hatten sie Anfang dieses Jahres noch zugesagt, den Hintergrund umstrittener Verhöre von Gefangenen im Ausland, die unter Folter oder folterähnlichen Bedingungen interniert sind, "vollständig aufzuklären". Das erste Verhör von Murat Kurnaz in Guantánamo am 23./24.September 2002 ist in als geheim eingestuften Regierungsunterlagen dokumentiert. Der Bundesnachrichtendienst (BND) schickte damals Sachgebietsleiter R. und dessen Helfer D. aus dem Referat 55 B ins Lager nach Kuba. Außerdem dabei war Dr. K. vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), dort Chef im Referat Ausländer-Fundamentalismus. Kurnaz will ihnen zwar ausführlich seine Foltererlebnisse geschildert haben, doch einer der BND-Vertreter notierte, US-Soldaten behandelten die Gefangenen "fair". Und Dr. K. lobte "ideale Arbeitsbedingungen" auf Guantánamo und die Betreuung durch den Amerikaner Steve H. Der habe den Trip "zuvorkommend" begleitet - laut deutschen Protokollen "ein Vertreter der CIA aus Berlin, der sich als solcher nicht zu erkennen gab".

Dr. K. stellte nach etwa 12-stündigem Verhör in zwei Tagen fest, dass bei Murat Kurnaz "nichts" auf "Kontakte zu Taliban- oder al-Qaeda-Strukturen" hindeute. Die BND-Leute schätzen das genauso ein, und: "US-Seite hat sich dieser Bewertung angeschlossen."Trotzdem nahmen die Deutschen dem Mann aus Bremen die Zusage ab, nach seiner Freilassung als Spitzel im Islamistenmilieu zu arbeiten. Schließlich war er für den Job als V-Mann geradezu prädestiniert: Welche Legende wäre glaubwürdiger als die eines über Jahre von US-Militärs gepeinigten Guantánamo-Entlassenen?

Der BND erwog, Kurnaz in Deutschland zu "nutzen", Verfassungshüter Dr. K. dachte an eine "gemeinsame Operation mit dem US-Partnerdienst", wobei "das BfV federführend" wäre. Die Amerikaner, ebenfalls angetan von der Idee, signalisierten noch während der Rückreise des deutschen Trios in Washington, Kurnaz sei Kandidat für die erste Gruppe von Freigelassenen - man könnte ihn "bis November nach Deutschland zurück- bringen". Kurnaz' Karriere als V-Mann stand damit nichts mehr im Wege.

Nur: In Berlin beurteilte man solche Pläne "sehr kritisch". Als die Amerikaner nachfragten, ob der türkische Staatsbürger denn nun nach Deutschland oder in die Türkei gebracht werden sollte, plädierte BND-Chef August Hanning am 29. 10. 2002, wie aus Regierungsunterlagen hervorgeht, "für eine Einreisesperre für Deutschland". Vertreter von Kanzleramt und Innenministerium "teilten diese Auffassung". Was Heinz Fromm, Präsident des BfV, dazu in der trauten Runde im Kanzleramt sagte, geht aus den Protokollen nicht hervor. Jedenfalls informierte der Verfassungschutz die verblüfften Amerikaner zehn Tage später über die Entscheidung. Kurnaz musste bleiben, wo er war. Fortan arbeiteten die Amerikaner in Sachen Kurnaz nicht mehr vorrangig mit dem BND zusammen wie zuvor, sondern mit dem deutschen Inlandsdienst aus Köln. US-Behörden unterrichteten mehrfach den Verfassungsschutz über neue Verhöre mit Kurnaz. Und verfügten plötzlich über Einzelheiten aus seiner Akte in Deutschland, über seine Familie und die seines verdächtigen Freundes Selçuk - von wem sie die Dokumente bekamen, ist ungeklärt.

Gut 16 Monate nach seinem ersten Verhör durch deutsche Beamte sah Kurnaz dann einen von ihnen erneut vor sich - die Füße und eine neue Ausgabe der Zeitschrift "Motorrad" von April 2004 auf dem Tisch. Am folgenden Tag zeigte der Mann zahlreiche neue Observationsfotos, bevor das Gespräch wieder auf eine mögliche Zusammenarbeit in Deutschland im Fall einer Freilassung kam. Ging der Beamte davon aus, dass Kurnaz nach so langer Zeit endgültig weichgeklopft war für den Job als V-Mann? Er müsse mit seinen Informationen ja nicht zur Polizei gehen, dafür gäbe es Spezialisten. Beweisen kann Murat Kurnaz seine Schilderung nicht - wie auch? Kurnaz kann aber das Aussehen der Deutschen, die ihn verhörten, sehr detailliert beschreiben. Der Mann, der ein zweites Mal bei ihm aufgetaucht sei, ist nach stern-Recherchen mit großer Wahrscheinlichkeit Dr. K. Der galt in der Kölner Behörde lange als so etwas wie ein Shootingstar: ein erstklassiger Fachmann auf dem Gebiet Islamismus/ Fundamentalismus mit direktem Zugang zu Präsident Heinz Fromm und dessen Vize. Seine steile Karriere hat er irgendwann bei einer anderen Behörde fortgesetzt.

Wer wusste von einem zweiten Trip in das Gefangenenlager? Befürworteten die Chefs der deutschen Sicherheitsorgane im Kanzleramt von Frank-Walter Steinmeier, heute Außenminister, diese Reise - wie schon das erste Verhör? Warum wurde der Trip sorgfältig verschwiegen: von Verfassungsschutzpräsident Fromm, vom heutigen BND-Chef Ernst Uhrlau und dessen Amtsvorgänger August Hanning, heute Innenstaatssekretär? Der BND-Untersuchungsausschuss hat in der vergangenen Woche sein Mandat erweitert: Der Fall Kurnaz wird dort bald ein Thema sein - und damit gerät aufgrund von Recherchen des stern erstmals auch das BfV und dessen Präsident Fromm in den Fokus des Kontrollgremiums.

Uli Rauss, Oliver Schröm print

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