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Gesellschaft: Generation Russia

Die Wirtschaft boomt, die Chancen scheinen grenzenlos. In Putins autoritärem Land macht eine junge Elite Karriere: versessen auf Erfolg, ebenso patriotisch wie international. Keine Stadt bündelt das neue russische Selbstbewusstsein so wie Moskau.

Zeit, dass ihr wisst: auch ich bin Zeitgenosse - Ich bin ein Mensch aus Moskaus Konfektion, Schaut her, wie beulig mit die Joppe sitzt, Wie ich zu schreiten weiß, und wie zu sprechen! Versucht mal, reißt mich los von dieser Zeit - Ich geb die Hand, ihr werdet euch den Hals nur brechen! Ossip Mandelstam, Mitternacht in Moskau, 1931

Da kaufte er als Erster in Russland den Maybach, das teuerste Gefährt aus dem Hause Mercedes. Überreicht im "Beisein des deutschen Botschafters", merkt er an. Da ließ er sich eines der schnellsten Rennboote der Welt bauen, es wird von Flugzeugmotoren angetrieben und liegt an der Costa Smeralda, seinem Wochenenddomizil auf Sardinien. "Gehört zum Marketing", meint er. Gerade kauft er eine 50 Millionen Dollar teure "Baby-Boeing" für seine Geschäftsreisen. Den Langstreckenjet finanziert er mit US-Krediten zu Vorzugskonditionen. "Ich bin zu teuer, um Zeit an Flughäfen zu verlieren", rechnet er kühl. Doch etwas fehlt Roustam Tariko noch: ein Kampfjet vom Typ MiG-29. "Den wünsche ich mir eines Tages als Geschenk von Präsident Putin. Denn ich glaube, ich mache mich verdient um Russland."

Sein schwarzer Lackschreibtisch im 15. Stock des Internationalen Moskauer Handelszentrums ist blitzeblank. An der Wand die russische Fahne. Kein Stäubchen, kein Computer, kein Stück Papier. Die wichtigen Entscheidungen seiner Holding "Roust Inc." exekutiert Roustam Tariko per Handy, perfekt auch in Italienisch und Englisch. Dunkle Augen, pechschwarzes Haar, gepflegte Fingernägel, Maßanzüge, elegant, beherrscht. Smart.

Im Flur warten zwei Leibwächter. "Ich bin ein klassischer, aggressiver Geschäftsmann", sagt er. Er ist Generalimporteur für rund 80 Alkoholika, außerdem produziert er Edelwodka, Marke "Russkij Standart". Seine gleichnamige Bank vergibt Kleinkredite an die konsumhungrigen Massen. "Ich finanziere den Menschen eine Zukunft."

Vorhang auf für "Generation Russia". Vor zwölf Jahren trat die Sowjetunion ab. Seitdem sind Ewigkeiten vergangen. Abgelaufen die unberechenbare postsowjetische Zeit, als sich das Leben jeden Tag neu auf den Kopf stellte. Heute ist der Großteil des Landes privatisiert, das Staatseigentum geplündert.

Ein Ex-KGB-Offizier als Präsident

Milliardenvermögen wurden gemacht. Ein ehemaliger KGB-Offizier fungiert als Präsident. Die Paten der "Mafija" sind einflussreiche Geschäftsmänner. Haben sich ins Parlament eingekauft, in die Polizei, ins Militär - und schicken ihre Kinder zum Studium nach Oxford.

Nach Jahrzehnten der Kriege und der Tyrannei lernen die Menschen: Selbst in Russland scheint es möglich, für den nächsten Tag zu leben. Aus dem Chaos der Verteilungskriege wächst eine neorussische Renaissance. Und kein Ort in diesem unendlich weiten Land bündelt jenes Lebensgefühl so wie Moskau: neun bis zwölf Millionen Einwohner auf 1000 Quadratkilometern, die zweitteuerste Stadt der Welt.

Die Hauptstadt des russischen Kapitals bietet sich rund um die Uhr dar - wuchernd wie Manila, von Autos verstopft wie Sao Paulo, schamlos glitzernd wie Las Vegas. "Die Grauschleier sind verschwunden", notiert der deutsche Kulturhistoriker Karl Schlögel. "Die Kuppeln haben Gold aufgelegt, die restaurierten Adelspalais schimmern in Pastelltönen, die es nur in Russland gibt, Gelb, Rosa, Türkis oder Blau." Moskau leuchtet wieder.

Und tost vor Energie. Knotenpunkt für Millionen Zuwanderer aus dem ganzen Land, ein Eldorado unglaublicher Karrieren. Moskau bietet die Bühne für eine neue Elite, reich, selbstbewusst, ebenso patriotisch wie international. Verwoben mit der politischen Kaste, bestimmt sie die Geschicke des Landes.

Es sind vielleicht 20 000 Menschen, sie werden "swetskije ljudi" genannt, die aus der mondänen Welt, Menschen im Licht. "Wir sind zwar jung, aber wir sind nicht infantil", sagt die ehemalige Fechterin Olga Sluzker, 38, die vor zehn Jahren mit dem Aufbau ihrer Fitnessclub-Kette "World Class" begann. "Wir sind die erste Generation, die ihren Kindern etwas hinterlassen wird. Uns treibt ein wildes Verlangen nach Erfolg. Wir wollen Ergebnisse sehen."

"Beständigkeit", "Stil" und "Public Relations"

Also lässt sie sich von ihrem Freund Helmut Newton fotografieren und hängt ihr Porträt neben die "Big Nudes" des Meisters ins Büro. Speist in Restaurants, über deren ultraminimalistisches Design selbst verwöhnte New Yorker staunen würden - wenn die sich nach Moskau trauten. Die Preise sind ohnehin auf Weltniveau. Den Westen mit seinem Schnickschnack kann sich "Generation Russia" locker leisten. Sie bittet Luciano Pavarotti zum Konzert und zahlt 2000 Dollar für eine Eintrittskarte. Sie perfektioniert die Gesetze des globalen Kapitalismus. Und ihre Lieblingswörter heißen "Beständigkeit", "Stil" und "Public Relations".

Folgerichtig gestaltet Roustam Tariko, 41, seine Biografie zur Endlos-Werbekampagne. Der Junge aus einer Kleinstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan war 17, als er 1979 zum ersten Mal nach Moskau kam und die U-Bahn als Wunder bestaunte. Er verdiente sein erstes Geld mit dem Verkauf von Schokoladeneiern der Marke "Kinderüberraschung". Als Generalimporteur schaffte er Martini ins Land, für umgerechnet 50 Dollar pro Flasche. Innerhalb eines Jahres verdiente er die erste Million. 1992 gründete er die Firma Roust Inc. Und seitdem geht es für Tariko steil nach oben. Jeder siebte Moskauer, rechnet er, sei bereits Kunde seiner Bank.

In Kooperation mit russischen Ladenketten lockt er zur Finanzierung von Fernsehern, Stereoanlagen, Waschmaschinen - mit Krediten zwischen 200 und 600 Dollar, bei Zinsen bis zu 29 Prozent. "Ich trage das Risiko. Das muss bezahlt werden, okay?" Wer dreimal pünktlich seine Rate abzahlt, erhält automatisch eine Kreditkarte mit einem Kreditrahmen von bis zu 4000 Dollar. Und wird Dauerkunde seiner Bank. Seine Gewinne im Ausland investieren? "Kommt nicht infrage. In Russland kann ich viel mehr Geld verdienen, okay?"

Ein Leben wie ein Bilderbuch

Tariko will das neue russische Leben verkaufen, Genuss und Stil, ein Gefühl, das er verkörpern muss. So blättert er sein Leben auf wie ein Bilderbuch: Joggt jeden Morgen durch den Wald. Wird bald Vater von Zwillingen. Mietet eines der Häuser des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi an der Costa Smeralda. "Eine Zufallsbekanntschaft", sagt er, man könne sich recht gut leiden. Lässt seine Freunde Pool-Partys a la russe feiern, mit Kaviar und Champagner satt und stets mit blonden Mädchen. "Jetzt erzähle ich Ihnen eine lustige Geschichte", sagt er oft. Zu oft.

Seine Geschäfte bescheren ihm einen Nettogewinn von rund 15 Millionen Dollar pro Jahr. Die Mafia? "War nie ein echtes Problem. Wir bezahlen unsere Steuern. Und wir sind so groß, dass man uns in Ruhe lässt, okay?" Tariko gilt als gnadenloser Entscheider. Die etablierten Moskauer zeigten sich entsetzt, als er innerhalb von zwei Jahren vier Spitzenmanager feuerte. Das war neu für Russland.

Richtig Geld verdienen wird er mit Lebensversicherungen für den wachsenden Mittelstand. "Der russische Konsument erwacht gerade erst. Wer ihm eine Versicherung für sein Leben anbieten kann, wird König sein. Mit meinen Produkten und Dienstleistungen beeinflusse ich also die soziale Entwicklung in meinem Land. Wir erziehen die Menschen zu einem besseren Leben. Und eines Tages werde ich Präsident Putin bitten, mir dafür eine MiG-29 zu schenken, okay?" Moskau ist ungerecht.

Wirtschaftsboom dank hoher Ölpreise

Die Wirtschaft boomt, vor allem dank der hohen Ölpreise. In der Hauptstadt verdichten sich die Profite aus den Rohstoffexporten. Hier werden 21 Prozent des russischen Bruttosozialproduktes gemacht. Das Moskauer Durchschnittseinkommen beträgt 5500 Dollar pro Jahr. Das scheint wenig - und ist doch dreimal so hoch wie im Rest des Landes. So koppelt sich Moskau immer weiter ab vom Rest der russischen Welt.

Dort sterben die Dörfer, trinken sich die Menschen zu Tode. Ölbarone, Rohstoff-Oligarchen und ihre Finanzclans verteilen die Reichtümer nach ihren Interessen. Ohne ihr Wohlwollen geht für Präsident Putin nichts - so wie umgekehrt ohne Putins Einverständnis auch für sie nichts geht. Doch wenn einer wie der acht Milliarden Dollar schwere Ölmagnat Michail Chodorkowskij (Yukos) diesen ungeschriebenen Vertrag zwischen Politik und Geschäft bricht, wenn einer unbequem wird oder nicht teilen will, dann gibt es Ärger mit dem Staatsanwalt. "Wir leben in einem Stadium des aufgeklärten Feudalismus", glaubt der Moskauer Schriftsteller Wladimir Sorokin.

Die von ihm beklagte "Kultur der Dinge" bahnt sich ihren Weg, unaufhaltsam. Entlang der Ausfallstraßen der Städte haben sich die Menschen ihr Stückchen Land gekauft. Hier pflanzen sie Bäume. Ziehen Zäune, bauen ihre Häuser. Angesichts der Schlangen vor den Kassen des französischen Supermarktes Auchan im Einkaufszentrum "Mega Mall" fühlen sich die Moskauer an Sowjetzeiten erinnert. Mit einem Unterschied: Damals gab es eine Kasse. Bei Auchan stehen 83. Moskau ist süchtig nach Luxus.

Automobile, Diamanten und Klamotten

"Promotory" organisieren die Events. Lassen auf Präsentationen echte Dollarscheine von der Decke regnen. Sortieren die VIPs, zahlen für nette Presse. In Hochglanzmagazinen a la "Vogue" werden die Boutiquen-Eröffnungen des Monats zelebriert: Automobile von Maserati, Diamanten von Graff, Uhren von Chopard, Klamotten von Dior, Chanel, Louis Vuitton. Die Luxuskette "Mercury" macht schon heute 300 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr. Ihre Einkäufer werden in Mailand und Paris hofiert wie früher die aus den USA. Schließlich gibt die Moskauer Kundin bei einem "leichten Shopping" leicht einige 10 000 Dollar aus. Und als Werbeträger der wirklich teuren Produkte fungiert zurzeit eine Studentin des Instituts für Internationale Beziehungen, die ungeniert verkündet: "Der Mann, der mir dicke Armbänder schenkt, wird es nicht bereuen."

Innerhalb von zwei Jahren hat sich die blonde Xenia Sobtschak in der Moskauer Szene nach oben katapultiert. Markenbewusst vermarktet sie sich als russisches "it-girl" mit lokalpatriotischem Akzent: "Was ich in den Moskauer Boutiquen kaufe, erstaunt hier niemanden mehr. Doch im Ausland machen meine Kleider Furore."

Es heißt, sie habe sich konsequent jenen aufstrebenden jungen Geschäftsmann zum Gefährten erkoren, der während einer Party in Saint-Tropez Champagner im Wert von 135 000 Dollar über ihre Brüste gegossen haben soll. Den rentablen Ruhm hat sie ihrem Namen zu verdanken - Xenia ist die Tochter des populären ehemaligen Petersburger Bürgermeisters Anatolij Sobtschak, des politischen Ziehvaters von Wladimir Putin. Kurz unterbricht sie ihr Endlosgeplauder am Handy: "Mein Stil ist harte Arbeit. Man braucht eine Menge Rückgrat, um so weit zu kommen."

Jagd nach dem reichen Mäzen

"Löwinnen der Nacht" wie Fräulein Sobtschak lassen den Chauffeur gegen zwei Uhr vor dem "Kabaret" vorfahren, einer Kellerdisco mit Separees. Vor neun Monaten eröffnet, nur für Clubmitglieder, die Flasche Bordeaux kostet 1500 Dollar. Die Frauen sehen alle gleich aus: jung, langbeinig, blonde Mähne. Der Mini superkurz, das weiße Täschchen von Dior, Botox in den Gesichtsmuskeln und Paraffin in den Lippen. Auf der Jagd nach dem reichen Mäzen tanzen sie auf den Tischen.

Gern parkt Moskaus goldene Jugend das neue Cabrio auch vor dem "Schambala". Geöffnet an zwei Nächten in der Woche: "Face control", Gästelisten, DJs aus New York und Themenabende wie "Independence Day" oder "Porno, Porno, Porno", bei dem der Live-Geschlechtsverkehr aus juristischen Gründen hinter der Bühne stattfinden muss. Zwei, drei Stunden lang drängt sich das verwöhnte Publikum, das Handy am Ohr. Moskau macht atemlos.

Als würde der lahme Kapitalismus des Westens durch einen Beschleuniger gejagt. In Moskau langweilt selbst ein Produkt wie "t.A.T.u.", was so viel heißen soll wie "Die da liebt die dort". Aus zwei Mädchen der piepsigen Kindersingtruppe "Zappelphilipp" schuf ein autistisch anmutender Kinderpsychologe ein Duo, das weltweit Kasse macht - mit angeblich lesbischem Sex zwischen Schulmädchen.

"Sie dürfen in Riga knutschen!", titeln die Zeitungen. "In London dürfen sie nicht knutschen!" "Auftrittsverbot in Tokio!" "Drehverbot auf dem Roten Platz!" Auf der Bühne geben die Sängerinnen Julia Wolkowa und Lena Katina, beide 18, die Rebellinnen. Zeigen in ihrem Videoclip angeblich echte Masturbation: "Wir alle machen einfache Bewegungen", heißt es auf ihrer Homepage, "ihr müsst lernen, es zu genießen."

"Ich mache, was ich will"

Die Medien im Ausland erkennen auf "pädophile Fantasie", gar "Kinderpornographie". Nach minutenlangem Schweigen gefällt sich Produzent Iwan Schapowalow mit der Antwort: "Ich mache, was ich will." Er habe Medizin studiert, als Kinderpsychologe in einem Provinzkrankenhaus gearbeitet, sich dann als Regisseur von Reklamefilmen versucht. Angeblich gaben ihm Kinderpornografie-Seiten im Internet die Idee zu einer Mädchenband. Beim Casting 1999 fielen ihm die beiden Schülerinnen Julia und Lena auf, damals knapp 15. "Es kostete nur 300 Dollar, sie zu finden." Er lieh sich Geld und drehte die ersten Musikvideos: "Ich zeige zwei Mädchen, die sich aufrichtig lieben. Der Rest ist doch nur die Leere eurer Fantasie im Westen."

Als "Russen-Lesben" wandern sie durch die Hitparaden. Und sind doch nur zwei Moskauer Mädchen, wütend, verausgabt, überfordert, schon reden sie von Trennung. Es ist Mitternacht, Julia - "Ich habe noch nie ein Buch gelesen" - murmelt was von Bauchschmerzen, einsilbig spult die rothaarige Lena ihre Antworten ab. "Die meisten Interviews mit uns sind erfunden. Wir protestieren jedenfalls gegen alle Verbote." Lena raucht. Darüber dürfe man aber nicht berichten. "Das schadet unserem Image." Vor Fragen nach Sex ekelt sie sich. Wie zynisch Moskau ist.

Monströse Festungen mit Kirche im hauseigenen Park

"Generation Russia" hat sich in Schukowka eingerichtet, dem kuscheligen Datschen-Dörfchen entlang der Rubljowskoje-Chaussee. Hier lebten früher Komponisten, Wissenschaftler und auch der Dissident Andrej Sacharow in Nachbarschaft zu Politbürobonzen und KGB-Offizieren. Heute wohnt Putin hier, Minister, Oligarchen. Hier "baut man sich", wie es auf Russisch heißt. Ein Quadratmeter Grundstück kostet bis zu 4000 Euro, die Architekten haben Millionenbudgets allein für die Inneneinrichtung. In den vergangenen Jahren entstanden neogotische Schlösser, venezianische Villen mit eigenem Zimmer für den Ferrari, monströse Festungen mit Kirche im hauseigenen Park. Heute allerdings ist in Schukowka eine gewisse Form der Bescheidenheit angesagt. Lichte Designerhäuser wie in den Hollywood Hills etwa oder meditative Parks.

Die elegante Zurückhaltung äußert sich etwa darin, dass der eigens nach den Wünschen der hübschen Millionärsgattin Tatjana Beljajewa gefertigte Bentley an den meisten Tagen des Jahres neben den beiden Lamborghinis in der Garage steht. "Wir müssen nicht mehr zeigen, was wir haben. Das ist wahrer Luxus."

Tatjana, 31, erzählt von ihrem Sohn Dmitrij, 10. Wie viele Kinder aus Schukowka besucht er eine auf Wirtschaft und Fremdsprachen spezialisierte Privatschule im Zentrum. Nach Schulschluss um 16 Uhr wird er von seinem Fahrer in den Fitnessclub gebracht, dort hat er viermal die Woche Tennis- und Schwimmunterricht.

Den Sommer verbringt er in einem Feriencamp in England, anschließend geht es nach Marbella, dann nach Sardinien oder Saint-Tropez. "Unsere Kinder werden wunderbare Kinder", weiß Tatjana, "wir geben ihnen eine super Ausbildung. Unsere Kinder werden Russland nicht verlassen. Sie werden echte Patrioten sein." Moskau will endlich stolz auf sich sein.

Brutalster Rebell der Moskauer Kunstszene

Ein neues Selbstbewusstsein schwebt durch die Stadt, der Stolz derjenigen, die den Umbruch überlebt haben. In einem baufälligen Haus der Nachkriegszeit rechnet der Künstler Oleg Kulik mit der Verlogenheit der vergangenen Jahre ab. Der brutalste Rebell der Moskauer Kunstszene kroch früher nackt auf allen vieren über die Straßen. Griff als wütende menschliche Bulldogge ahnungslose Passanten an - Kulik war die Fratze des hässlichen, unberechenbaren Russland Anfang der 90er Jahre. "Dabei waren viele von uns, auch ich, romantische Demokraten. Wir waren doch nur verzweifelte Wesen und fühlten uns wie weggeworfen."

Kulik ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann mit Brille, er sitzt in seiner winzigen Küche, zärtlich krault er die kleine Katze, gießt grünen Tee in winzige Tonschälchen. "Wir mussten die Jelzin-Ära überleben. Und hofften so auf den Westen. Dort schien uns das Leben ehrlicher, offener. Aber es kam anders. Der Westen möchte uns schwach sehen. So sind nun einmal die Gesetze des Kapitalismus. Diesen Realitäten mussten wir uns stellen. Wir haben gelernt."

Heute gehört Oleg Kulik zu den Stars der neuen russischen Kunst. Wird seine Fotomontagen und hyperrealen Wachsfiguren in der gewaltigen Berliner Ausstellung "Berlin-Moskau" zeigen, der grandiosen Gesamtschau moderner russischer Kunst. Seine "Madonna" etwa und die blonde "Tennisspielerin", die Anna Kurnikowa ähnelt. Figuren voller Präparationsnarben, aggressiv und verletzlich, zum ewigen Leben verdammt. "Wie entfremdet die Menschen bei euch leben, so voller Misstrauen. Wir sind unmittelbarer. Ich bin glücklich, daß ich nicht ausgewandert bin. Ich habe das neue Russland miterschaffen. Und vielleicht werden wir bald mitleidig mit dem Finger auf euch zeigen. Ist Russland etwa gefährlicher und unberechenbarer als die USA? Ihr müsst uns nicht lieben, ihr sollt uns respektieren." Moskau hat keine Zeit zu verlieren.

"Leben auf der Kehrrichtschaufel"

Löst sich hastig von den Schatten der Vergangenheit. Schüttelt den Horror ab, begräbt die lähmende Angst, das "Leben auf der Kehrrichtschaufel", wie die Menschen sagen, wenn sie an die Sowjetunion denken. Wer aber erinnert an die Millionen Ermordeten?

Einer wie Wladislaw Mamyschew. Mit strahlendem Charme entlarvt er die faulen Mythen, die Lügen der Propaganda. Anfang der 90er Jahre wurde der Sohn einer Leningrader Parteisekretärin unter dem Pseudonym "Monro" mit neckischen Performances als schwule Marilyn Monroe berühmt. Das Perestrojka-Kind wäre beinahe an Drogen und Alkohol gestorben. Elf Jahre lang durfte er nicht ins Ausland reisen. Bis heute weiß er nicht, warum.

Beharrlich schlüpft er in jede provokante Rolle. Er ist Peter der Große und Buddha, er ist Dracula, Jesus, Brigitte Bardot und Napoleon. Im Herbst 2001 erschien er als Osama bin Laden. Er besuchte den Moskauer Flughafen ("hysterisches Gelächter") und kaukasische Händler auf einem Markt ("Man bot mir gleich Hilfe und Lebensmittel an"). Heute macht er voller Energie den "Anti-Hitler", einen Mann in weißem Smoking, mit Schnurrbärtchen und Seitenscheitel. "Peace" lässt er auf kleinen Stickern leuchten, so streunt er als Kämpfer gegen den Rassismus durch seine Stadt. Oder posiert als Ljubow Orlowa, Stalins tanzende Lieblingsschauspielerin, die als eine Art Marika Rökk die sowjetischen Massen manipulieren durfte - in Filmen wie aus Hollywood.

Und Putin? Will er auch mal Putin sein? Da schüttelt Mamyschew den Kopf und sagt: "Das macht mir Angst. Vielleicht hat Putin sogar Humor. Aber sein Apparat sicher nicht." Moskau verneigt sich vor Wundern.

In diesem Sommer hat die Stadt eine feengleiche junge Frau entdeckt, Natalja Wodjanowa, 20, das "Russian Supermodel" auf den Laufstegen in Paris, London und New York. Sie gibt Calvin Klein, Gucci und der Kosmetikfirma L'Oreal ein Gesicht. Wird verzückt verglichen mit der jungen Romy Schneider. Geboren in die Alltagshölle der Industriestadt Nischnij Nowgorod, wuchs Natalja als älteste von drei Töchtern mit den wechselnden Männern ihrer Mutter auf, mit Alkohol und Prügel. Man lebte in einem Zimmer. Natalja ging so gut wie nie in die Schule, verkaufte mit 15 Früchte an der Bushaltestelle "Die Glückliche". Hing rum in der "Model-Akademie" eines Freundes. Und wurde dort von einem Scout aus Paris entdeckt. Vor vier Jahren verließ sie das Land, an das sie sich als Albtraum erinnert. Lernte bei einem trunkenen Abendessen den ebenso jungen wie reichen Londoner Lord Justin Portman kennen. Heute sind sie verheiratet, haben einen Sohn, Lucas.

Ferne Heimat

Dann traute sich Natalja zum ersten Mal nach Moskau, zu den Menschen im Licht. Die umarmen, behüten und verzärteln sie. Als ob sie ihr etwas schuldig seien. Ein wenig verloren steht sie da während eines nächtlichen Banketts am Ufer der Moskwa. In der Ferne glitzern die beleuchteten Brücken. Sie hält sich fest am Arm ihres Lords. "Wie schwer es doch ist, nach Hause zu kommen", sagt sie. "Wie schwer und wie schön."

Dann sagt sie noch: "Ich werde Business machen in Moskau."

Katja Gloger / Mitarbeit: Wladimir Pyljow / print