GESPERRT Obamas Halbschwester Eine starke Afrikanerin


Nur zu wenigen hat Barack Obama wohl ein so enges Verhältnis wie zu seiner Halbschwester Auma. Und sie kann ihm mehr als alle anderen über Deutschland erzählen: Sie hat hier 16 Jahre gelebt und ihren Doktor gemacht.
Von Steffen Gassel; Cornelia Fuchs, Susanne Sterz

Diese Frau ist ein Hammer!" Wenn Asha Noppeney an ihre Freundin Auma Obama denkt, bekommt sie leuchtende Augen. "Sie ist eine starke Frau, zielstrebig und fleißig. Wer sie einmal kennengelernt hat, vergisst sie nicht." So wie der 53-jährigen Bayreutherin geht es vielen, denen Barack Obamas Halbschwester während ihrer 16-jährigen Studienzeit in Deutschland begegnete. Auch ihr ehemaliger Professor erinnert sich gern an seine Doktorandin: "Auma war die beste afrikanische Studentin, die ich je hatte", sagt Alois Wierlacher aus Walldorf bei Heidelberg. "Und eine stattliche Person." Zum Rigorosum im Rahmen ihrer Promotion im Fach Deutsch als Fremdsprache erschien sie 1996 in einem prachtvollen kenianischen Fürstengewand vor der Prüfungskommission.

Auma Obama kam im Januar 1960 in einem Dorf in Kenia zur Welt - eineinhalb Jahre früher als ihr berühmter Halbbruder. Der gemeinsame Vater hatte ihre Mutter während der Schwangerschaft verlassen und war zum Studium in die USA aufgebrochen. Dort lernte er wenig später seine zweite Frau kennen, die im August 1961 Barack gebar - das dritte von insgesamt acht Kindern, die Obama senior mit vier verschiedenen Frauen hatte.

Die deutsche Sprache wird der jungen Kenianerin schon früh zum Tor zur Welt. Mit 17 lernt Auma am Goethe-Institut von Nairobi Deutsch. 1980 kommt die 20-Jährige mit einem Stipendium nach Deutschland. Von ihrem Vater, inzwischen mit seiner dritten Frau nach Kenia zurückgekehrt, hat sie sich nicht verabschiedet, aus Angst, er würde ihr die weite Reise verbieten. Nach einem Sprachkurs in Saarbrücken studiert sie von 1981 an in Heidelberg und beginnt 1988 eine Doktorarbeit in Bayreuth. 1990 schafft sie als eine von zwölf unter Hunderten Bewerbern die Aufnahmeprüfung im Fach Regie an der renommierten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Parallel zum Studium jobbt sie als Dolmetscherin auf Messen, arbeitet für die Bayreuther Lokalzeitung "Nordbayerischer Kurier" und gibt politische Seminare für die Friedrich-Ebert-Stiftung.

1982 treffen sich Obama und Auma das erste Mal

Mehrmals ist Auma Gast im "Presseclub" der ARD, so auch Anfang 1996 nach einem Brandanschlag auf ein Lübecker Asylantenheim mit zehn Toten. "Wenn jeder weiß, dass so etwas passieren kann - wieso tut keiner was?", fragt sie da in fließendem Deutsch in die Runde. "Warum stellt man nicht die Frage: Wieso passieren solche Dinge? Es geht doch darum, dass man hier (als Ausländer) sicher ist. Dass ich weiß: Ich kann hier leben, ohne dass mein Haus abgebrannt wird."

Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Rostock- Lichtenhagen: Diese Zeit der schlimmsten Exzesse gegen Ausländer seit dem Krieg prägt die Afrikanerin. Von ausländerfeindlicher Gewalt bleibt sie zwar verschont, doch ständig halten Polizisten sie an und wollen ihre Personalien sehen - weil sie eine Schwarze ist.

Von Deutschland aus reist Auma nach dem Tod des Vaters 1982 in die USA. Seit Monaten haben sie und ihr Halbbruder einander Briefe geschrieben - jetzt wollen sie sich das erste Mal treffen. Auma ist nervös. Sie quartiert sich bei einer deutschen Freundin ein, bei der sie unterschlüpfen will, falls sie und "Barry" sich nicht verstehen. Den Moment, als die beiden sich am Busbahnhof von Chicago begegnen, beschreibt er später in einem Buch so: "Ich umarmte meine Schwester und hob sie hoch, und wir lachten und lachten, während wir einander ansahen. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich sie liebte." Nur sein Spitzname gefällt Barack Obama nicht. Er bittet Auma: "Don't call me Barry."

"Sie sind sehr, sehr innig miteinander"

Die Geschwister unterhalten sich über den gemeinsamen Vater, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist - und über Deutschland. "Die Deutschen denken gern, sie seien Afrikanern gegenüber sehr liberal", sagt Auma. "Aber wenn man an der Oberfläche kratzt, sieht man, dass sie immer noch die Einstellungen ihrer Kindheit haben. In deutschen Märchen sind die Schwarzen immer die bösen Kobolde."

Dieses Thema lässt Auma auch in den folgenden Jahren nicht los. In Berlin, wo sie in der Gneisenaustraße in Kreuzberg wohnt, wird sie Anfang der 90er Jahre Mitglied einer glamourösen Clique schwarzer Frauen aus der Business- und Kunstszene. Dort trifft sie die aus den USA stammende Opernsängerin Jocelyn B. Smith. "Für uns schwarze Frauen war dieses Zusammensein eine Art Erholung, ein Ort, wo du so sein konntest, wie du bist, wo du nicht ständig aufpassen musstest, was du sagst", sagt Smith. "In den Gesprächen ging es viel um schwarzes Selbstbewusstsein und um unsere afrikanischen Wurzeln."

Als der Bruder aus Amerika Ende der 80er Jahre nach Kenia reist, um seine Verwandtschaft kennenzulernen, wird sie zur Türöffnerin. Mit einem hellblauen VW-Käfer, aus Deutschland importiert, fahren die beiden durch Nairobi.

1996 geht sie nach England und heiratet dort. Mit der heute elfjährigen Tochter aus dieser inzwischen geschiedenen Ehe spricht Auma in ihrer kenianischen Muttersprache Luo, damit die sich auch im Land ihrer Vorfahren zurechtfindet. Dort lebt und arbeitet Auma Obama seit 2007 als Ostafrika-Koordinatorin der Hilfsorganisation Care.

Zu ihrem Bruder Barack hat Auma seit dem ersten Treffen in Chicago vor mehr als 25 Jahren ein enges Verhältnis. "Sie sind sehr, sehr innig miteinander", sagt Aumas britischer Ex-Mann Ian Manners. Im Nominierungswahlkampf der Demokraten im US-Staat Ohio ist sie sogar an seiner Seite aufgetreten. Ihr alter Professor in Walldorf freut sich über das neue Engagement seiner ehemaligen Doktorandin: "Jetzt landet sie da, wo ich sie immer gern gesehen hätte: in der Politik."

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