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Gewalteskalation im Jemen: Ein Land am Rande des Bürgerkriegs

Präsident Ali Abdallah Saleh gerät immer mehr unter Druck: Ein Aufstand von Stammeskriegern setzt die Regierung unter Zugzwang. Die Stammesmiliz hatte in der Hauptstadt Sanaa zuletzt Regierungsgebäude besetzt. Die Bundesregierung zeigt sich über die anhaltende Gewalt besorgt.

Durch einen Aufstand von Stammeskriegern im Jemen gerät die Regierung von Präsident Ali Abdallah Saleh immer stärker unter Druck. Salehs Regierung warnte am Mittwoch vor einer Eskalation der Gewalt, sollten die Anhänger von Stammesführer Scheich Sadek el Ahmar nicht mehrere von ihnen besetzte Regierungsgebäude in der Hauptstadt Sanaa räumen. Dort kam es erneut zu Gefechten zwischen der Stammesmiliz und Sicherheitskräften. US-Präsident Barack Obama und die Bundesregierung riefen Saleh auf, sein Versprechen einer geordneten Machtübergabe zu halten.

Mitglieder der Hasched-Föderation unter Scheich Sadek el Ahmar besetzten das Gebäude der staatlichen Fluggesellschaft Yemenia und versuchten, das Innenministerium zu stürmen. In der Nacht hatten sie bereits stundenlang das Gebäude der amtlichen Nachrichtenagentur Saba unter ihrer Kontrolle. In der Stadt waren erneut heftige Schusswechsel zu hören. Die Regierung stellte die Stammeskrieger vor ein Ultimatum: Sollten sie die besetzten Gebäude nicht freiwillig räumen, würden sie gewaltsam dazu gezwungen.

Scheich Amar ist Chef der Föderation der Hasched, des größten Stamms des Landes, dem auch Präsident Saleh angehört. Scheich Ahmars Vater war Salehs wichtigster Verbündeter, sein Sohn aber schlug sich im März auf die Seite der Protestbewegung. Auslöser der jüngsten Gefechte war offenbar die Weigerung des Präsidenten, ein vom Golfkooperationsrat ausgearbeitetes Abkommen für eine geordnete Machtübergabe im Jemen zu unterzeichnen.

Zentrum der seit Montag andauernden Gefechte ist das Viertel El Hasaba im Norden der Hauptstadt, wo sich das Anwesen von Scheich Ahmar befindet. Anhänger des Scheichs berichteten, eine Rakete habe am Dienstagabend das Haus getroffen, dabei habe es Tote und Verletzte gegeben. Bei den schweren Gefechten wurden seit Montag nach AFP-Zählung mindestens 44 Menschen getötet. Allein am Dienstag starben 38 Menschen.

Die Opposition fordert seit Januar den Rücktritt des seit bald 33 Jahren regierenden Präsidenten. Dieser verweigerte jedoch immer wieder in letzter Minute seine Unterschrift unter den Fahrplan des Golfkooperationsrats für einen friedlichen Übergang. Im Jemen sind Schätzungen zufolge 60 Millionen Waffen in Privatbesitz - rund drei pro Einwohner. Nach Angaben aus Stammeskreisen kann Scheich Ahmar rund 10.000 Kämpfer mobilisieren.

Der Golfkooperationsrat rief beide Seiten zur Zurückhaltung auf. In London forderte US-Präsident Barack Obama Präsident Saleh auf, sein Versprechen "umgehend" einzulösen und den geordneten Rückzug anzutreten. Auch der Sprecher des Auswärtigen Amts, Andreas Peschke, appellierte an Saleh, "nicht länger auf Zeit zu spielen" und seine Macht abzugeben. Die Bundesregierung sei "sehr besorgt über die gefährliche Eskalation" im Jemen und rufe beide Seiten zur Zurückhaltung auf, sagte Peschke in Berlin. Er warnte mit weiteren Maßnahmen der EU, sollte Saleh seinen "Starrsinn" nicht ablegen.

Angesichts der Gefechte wagen sich seit zwei Tagen deutlich weniger Demonstranten auf den Platz vor der Universität, den die Protestbewegung seit Monaten besetzt hält. Einige wollen sich nach eigenen Angaben Scheich Ahmar anschließen. Viele aber flohen mit ihren Familien vor den Kämpfen aus Sanaa.

cjf/ste/AFP / AFP