GLOBALISIERUNG Gipfel der Gewalt - Das Fiasko von Genua


Ein Toter und 500 Verletzte: In der zweitägigen Schlacht beim G8-Gipfel in der italienischen Hafenmetropole eskalierten Gewalt und Gegengewalt wie nie zuvor in der Geschichte des Protests gegen die Globalisierung. Aus stern Nr. 31/2001.

Ho pieta», sagte der Vater des Toten. Er habe Mitleid mit dem 20-jährigen Carabiniere-Anwärter aus Kalabrien, der mit zwei Schüssen aus einer Parabellum Kaliber 9 seinen Sohn getötet hatte: Der Polizist sei ja selbst noch so jung.

Auch das Opfer gehörte zu dieser Generation: Carlo Giuliani, 23, der seinen Ersatzdienst bei Amnesty International geleistet hatte, ein Junge aus geordneter Mittelstandsfamilie. Der Vater ist ein bekannter Gewerkschaftsführer in Genua. »Carlino«, wie die Freunde aus der Punker- und Autonomenszene der Stadt seinen Sohn nannten, war vor knapp zwei Jahren zu Hause ausgezogen, hatte das Studium geschmissen und war wegen kleiner Drogen- und Gewaltdelikte mit der Polizei in Konflikt gekommen. Seine Radikalisierung muss dem Vater entgangen sein: »Carlo wollte immer nur die Gerechtigkeit.«

Doch am Ende hatte sich der Sohn ausgerechnet für die Hardliner im breiten Spektrum der No-Global-Aktivisten entschieden. Auf der kleinen Piazza Alimonda in Genuas gutbürgerlichem Stadtviertel Foce, wo maskierte Demonstranten einen Jeep der Carabinieri mit Holzlatten und Eisenstangen angriffen, war er, einen Feuerlöscher wurfbereit in den Händen, auf das Auto der Polizisten zugelaufen, bevor die tödlichen Schüsse fielen.

Fast 20 000 Mann aus Polizei- und Heereseinheiten hatte der italienische Staat eingesetzt, um die Regierungschefs von den 100 000 Demonstranten abzuschotten, die zu den Gipfeltagen in die ligurische Hafenstadt gereist waren. Doch die Nerven lagen blank - auf beiden Seiten der Front. Knapp 1000 Vermummte, oft noch halbe Kinder, angereist aus ganz Europa und gerüstet mit Motorradhelmen, Handys und selbst gebastelten Gasmasken, suchten die Schlacht: Pflastersteine flogen, Molotowcocktails verwandelten ruhige Vorstadtstraßen in ein Flammenmeer. Mit Eisenstangen und Baseballschlägern zertrümmerten die Chaoten Schaufenster und Telefonzellen, Autos wurden umgestürzt und angezündet, Tankstellen und Bankfilialen demoliert. Wo der »Schwarze Block« durchzog, hinterließ er eine Schneise der Verwüstung - alles im Namen des Kampfes für eine gerechtere Welt.

Via Tolomaide

In der Via Tolomaide stürmten sie ein Büro des Autovermieters Sixt, rissen Telefonanlagen und Computer aus den Wänden und schleuderten sie auf die Straße. Im Viertel Marassi plünderten sie Einkaufsmärkte und zerlegten das Postamt. Ein Angriff auf das Stadtgefängnis scheiterte. Ihre Strategie war so einfach wie wirkungsvoll: Sobald Polizeieinheiten mit Tränengas und Schlagstöcken vorrückten, suchten die Chaoten Schutz in der überwiegend friedlichen Masse der Protestierer, die so immer wieder zwischen die Fronten geriet.

Denn auch die Ordnungshüter waren auf totale Konfrontation eingestellt. Sie schlugen wahllos zurück: Pazifistische Frauengruppen, die ihre weiß bemalten Handflächen zum Zeichen der Gewaltlosigkeit hochstreckten, wurden rücksichtslos getreten, Aktivisten, die in Sitzblockaden passiven Widerstand leisteten, brutal zusammengeknüppelt.

In der Nacht zum Sonntag, als die meisten Demonstranten bereits auf der Heimreise waren, räumte eine Hundertschaft noch einmal gnadenlos auf unter den Gipfel-Stürmern: Mitten in der Nacht überfielen sie die in einer Schule eingerichteten Schlafsäle des »Genoa Social Forum«, der Dachorganisation der Anti-G8-Kampagne: Mit der Begründung, hier seien Gewalttäter des »Schwarzen Blocks« versteckt, hieben sie auf die Wehrlosen in ihren Schlafsäcken ein, stellten sie wie Schwerverbrecher an die Wand und traktierten sie, wie das junge Hamburger Pärchen Lena Z. und Niels M., mit Fußtritten und Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit. Zeugen erinnern sich, dass erst ein höherer Polizeioffizier sie stoppte: »Hört auf! Ihr bringt die Leute ja noch um!« Am Nachmittag danach lagen noch 20 Verletzte im Krankenhaus San Martino, darunter 14 Deutsche.

Der Aufruhr in Genua drang nur gedämpft zu den großen Acht in ihrer streng bewachten Abgeschiedenheit durch. In Urlaubsstimmung war der gebräunte Kanzler mit Familie von der Adria angereist. Wie die anderen Regierungschefs - mit Ausnahme des auswärts logierenden US-Präsidenten - hatten die Schröders ihre Edelsuite auf dem Luxusliner »European

Vision» im Hafen von Genua bezogen: mit Goldsäulen, künstlichen Wasserfällen und Panoramablick auf das ausgestorbene Hafenviertel, geschützt von Boden-Luft-Raketen des Typs «Sword» und stählernen Abfangnetzen unter dem Schiffsrumpf. Während Gattin Doris und Tochter Klara im Bord-Pool planschten und sich in weiße Frotteeware mit dem Kanzler-Monogramm kuschelten, während sich die Herren zum mehrgängigen Arbeitsessen im prachtvollen Palazzo Ducale einfanden, flogen vor der Sperrzone schon die ersten Molotowcocktails.

»Keine Automaten«

Erst am Abend, als die tödlichen Schüsse gefallen waren, schwand die gehobene Konferenzstimmung: »Wir sind doch keine Automaten«, bekannte Gerhard Schröder, »wir waren entsetzt.« Trotzig geißelten er und sein britischer Kollege Blair die »Gewalt der Straße«, doch zugleich buhlten sie um Treffen mit Größen der Anti-Global-Szene. Schröder zog sich U2-Sänger Bono an Land (»Ein ernsthafter, problemorientierter Mensch«), der englische Premier konterte mit Popstar Bob Geldof. »Ich kann schließlich nicht mit 100 000 Leuten reden«, rechtfertigte der Kanzler seine Wahl. Die meisten Regierungschefs schienen bis zum Ende des Gipfels nicht wahrhaben zu wollen, dass ihre Gespräche und deren mageren Resultate außerhalb ihres Hochsicherheitstrakts die Weltöffentlichkeit allenfalls am Rande interessierten. So beschwerte sich Tony Blair lauthals darüber, die Medien berichteten über die Krawalle auf der Straße und die bedeutende inhaltliche Arbeit der G8-Runde nur noch »im Verhältnis zehn zu eins«.

»Wegen dieser acht Schwachköpfe so viel Aufhebens, so viel Chaos«. Kopfschüttelnd mussten die Lehrerin Silvia Giacobini und ihre Nachbarn in Genuas Zentrum mit ansehen, wie der Gipfel ihre Stadt in geradezu surrealistischer Weise zweiteilte: Drinnen, wo die hohen Herren tagten, hatte die professionelle Paranoia der Sicherheitsexperten eine Geisterstadt geschaffen. Die wenigen, die nicht rechtzeitig aufs Land geflohen waren, konnten nur mit Passierschein ihre Häuser verlassen. Auf Schritt und Tritt mussten sie sich ausweisen, wenn sie auf der Suche nach einem offenen Lebensmittelladen durch ihr menschenleeres Viertel irrten. Schikanöse Verhöre drohten dem, der nicht zusätzlich einen gültigen Personalausweis vorzeigen konnte. Wer die »verbotene Stadt« verlassen wollte, musste streng bewachte Checkpoints passieren, wenige Durchlässe in den vier Meter hohen Stahlgittern. »Das ist unsere Berliner Mauer«, klagte der Rentner Luca Alfieri, »eine Schande!«

Draußen, jenseits der »Roten Zone«, stiegen derweil dunkle Rauchsäulen auf. Wo die Chaoten wüteten, mussten die Bewohner hilflos zusehen, wie außer den verhassten Symbolen des »Schweinesystems« auch ihre bescheidenen Fiats und Motorini in Flammen aufgingen. »Ich bin doch nicht Berlusconi«, sagte Luciano, der stoppelbärtige Gemüsehändler an der Piazza Paolo da Novi vor dem qualmenden Wrack seines Lieferwagens, »wieso vergreifen sich diese Arschlöcher ausgerechnet an uns?«

Wachsende Verstörung über die Eskalation auch in den Reihen der 100 000 Demonstranten von Genua. Die große Mehrheit wollte ohne Gewalt gegen das Elend der Dritten Welt und die »Profitgier« der multinationalen Konzerne protestieren, doch viele hatten für sich die Frage der Abgrenzung nicht geklärt: War Steine werfen noch zulässige Randale oder schon jenseits der Grenze massiver Gewaltanwendung? Waren die Typen vom »Schwarzen Block« beherzte Vorkämpfer, denen man den Rücken freihält, oder durchgeknallte Hooligans, die man isolieren müsste? Die Abiturienten Glenn und Gesche aus Bremen waren zu ihrer ersten Auslandsdemo nach Genua gereist, um »mit vielen zusammen zu sein, die die Welt verändern wollen«.

Anderthalb Tage Busfahrt

Dafür hatten sie fast anderthalb Tage Busfahrt in Kauf genommen, darunter stundenlange, zermürbende Grenzkontrollen, bei denen die Beamten mit Plastikhandschuhen jedes Gepäckstück durchwühlten. Als Reiseverpflegung hatten die beiden Müsliriegel und Traubenzucker eingepackt, als psychologische Vorbereitung übten sich die deutschen Globalisierungsgegner im Bus in Bezugsgruppen-Dynamik, um sich im Demo-Getümmel besser beizustehen. Bei der Ankunft spätnachts in Genua regnete es in Strömen, der improvisierte Zeltplatz in einem Park versank im Schlamm, überall stank es nach Urin und Kot, doch die Aussicht auf die Belagerung der »Roten Zone« ließ den Adrenalinspiegel steigen.

»Die Mauer muss weg!«, skandierten sie am nächsten Tag, fest untergehakt bei Leuten aus ihrer Bezugsgruppe. Als das Absperrgitter zu schwanken begann, setzte die Polizei Tränengas ein, von der Seite rückte ein zweites Einsatzkommando mit Schlagstöcken an. Da blieb Glenn, Gesche und den anderen nur die Flucht - und ein neuer Versuch an einem anderen Absperrgitter. »We are winning«, skandierte Glenn. Zwar glaubt er eigentlich nicht daran, dass Demonstrationen die Welt verändern. Aber doch zumindest, meinte er, »macht es Spaß, sich nicht einschüchtern zu lassen«.

Doch nach den tödlichen Schüssen am Abend ist nichts mehr wie zuvor: Plötzlich ist Gewalt kein abstraktes Konzept mehr, sondern blutige Realität. Bei der Großdemonstration am Samstag, Höhepunkt der Anti-G8-Aktionstage, werden die Bruchstellen in der bunt gescheckten Bewegung deutlich: Mit Menschenketten versuchen die Gemäßigten, die radikalen Trupps des Schwarzen Blocks auszugrenzen, viele bemühen sich, mit den Chaoten zu diskutieren, wollen sie mit Worten davon abhalten, Scheiben zu zertrümmern und Polizisten mit Steinen anzugreifen.

Doch da sind auch die anderen, die ihre aggressiven Mitstreiter verteidigen, sich nicht zu »Helfershelfern der Bullen machen«

wollen. Durch Genuas Straßen hallen neue Sprechchöre: »Assassini, Mörder!«, schreien die einen und meinen die Polizei, »No violence!«, halten andere dagegen und meinen die Autonomen: Plötzlich steht der Gegner auch in den eigenen Reihen. Glenn und Gesche sind völlig verstört. Sie trotten im Demozug mit, Fragen nach dem Toten wehren sie ab. Jutta, ihre Reisegefährtin aus dem Bus, hat einfach Angst: »Ich demonstriere seit zehn Jahren - und habe mich immer sicher gefühlt.« Ein Wasserwerfer bringe sie nicht um, doch jetzt sei alles anders: »Das Ohnmachtsgefühl nimmt zu.«

Selbstkritik

Selbst den G8-Chefs dämmerte nach den Bildern von Tod und Zerstörung in Genua, dass es ein »Treffen hinter Panzerglas« künftig nicht mehr geben kann. Der Erste, der das aussprach, war Gastgeber Silvio Berlusconi. Auch Frankreichs Präsident Jacques Chirac übte Selbstkritik: »Wir müssen die Probleme ernst nehmen, die Zehntausende unserer Landsleute auf die Straße treiben.« Am deutlichsten wurde EU-Kommissionspräsident Romano Prodi: »Dieser Gigantismus und die Distanz zum Bürger machen einen Dialog fast unmöglich.«

Der deutsche Kanzler hingegen beharrte markig auf der Versammlungsfreiheit: »Wo kommen wir hin, wenn gewählte

Regierungschefs der wichtigsten Industriestaaten der Erde sich vorschreiben lassen, wann, wie und wo sie sich treffen.» Dennoch wollen es die Kanadier beim Gipfel im nächsten Jahr ein paar Nummern kleiner halten: Austragungsort ist Kananaskis in den Rocky Mountains - ein Bergdorf mit 350 Hotelbetten. In Genua war allein der US-Präsident mit einem Tross von 900 Mann angerückt.

»Piazza Carlo Giuliani« - das Straßenschild an der Piazza Alimonda ist mit dem Namen des Toten überpinselt. Die Blutlache wurde mit Sägespänen zugedeckt, Kerzen sind aufgestellt, daneben hat jemand abgeschossene Tränengaskartuschen und eine angekokelte Gasmaske drapiert. Die Stelle ist mit Blumen und Briefen übersät. Noch Tage nach dem Tod des Demonstranten pilgerten Gesinnungsgenossen dorthin wie zu einer Gedenkstätte. Für sie ist hier ein Märtyrer im gerechten Kampf gegen die Mächtigen der Welt gestorben. In Wahrheit ist der Ort ein Menetekel. Für beide Seiten.

Teja Fiedler, Daniela Horvath, Stefan Schmitz, Lorenz Wolf-Doettinchem


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