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Griechenlands Außenminister: Entlastungsangriffe aus Athen

Griechenlands neuer Außenminister Stavros Lambrinidis besucht Berlin, um die Sparpläne seiner Regierung zu erläutern. Es ist nicht der Auftritt eines Demütigen.

Ein Ortstermin von Julia Prosinger

An diesem Mittwochmorgen schüttelt Stavros Lambrinidis, seit drei Wochen griechischer Außenminister, jede Hand, die er greifen kann. Denn er ist nach Deutschland gekommen, um nichts weniger zu tun als "die Meinung der Deutschen zu verändern", um Griechenland zu erklären.

Es gibt Obst und Kaffee aus Silberkannen im lindgrünen Hans-von-Dohnanyi-Saal der Deutschen Gesellschaft für Außenpolitik (DGAP) in Berlin. An den Decken hängen drei große Kronleuchter, an vier langen Frühstückstafeln sitzen Diplomaten und Wissenschaftler, es ist eine Veranstaltung, die Bürgerlichkeit und Solidität abstrahlt. "Ich bin die Außenminister für Griechenland und ich spreche kein Deutsch", sagt Lambrinidis zu Beginn, auf Deutsch. Dann erzählt er von dem schlechten Deutschlehrer, der ihn unterrichtet habe: Martin Schulz, Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei im Europäischen Parlament. Gelächter, Lambrinidis hat den Humor der Anwesenden getroffen.

Der Druck auf Griechenland wächst

Später am Tag wird Lambrinidis noch Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Cem Özdemir (Grüne) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) besuchen und die Lage besprechen. Nachdem das griechische Parlament vor zwei Wochen dem Sparpaket zugestimmt hatte, daraufhin zwölf Milliarden Euro erhielt, wird in Europa schon wieder über neue Finanzspritzen verhandelt. Die Rede ist von weiteren 120 Milliarden Euro; wie viel davon die EU, wie viel der IWF und welchen Anteil private Gläubiger, also Banken und Versicherungen, beisteuern, ist noch unklar. Ist Griechenland überhaupt noch zu retten? Oder ein Fass ohne Boden? Ruiniert der Staat die gesamte Eurozone? Die Steuerzahler haben Angst, der öffentliche Druck auf die europäischen Regierungen ist enorm.

"Niemand hier sollte Zweifel daran haben, wie dankbar Griechenland Deutschland für die Unterstützung ist", sagt Lambrinidis zu seinen Gästen und räumt ein paar Fehler ein. "Der öffentliche Sektor war ein schlimmer Krebs", sagt er, die Bürokratie, das Rentensystem, man hätte schneller privatisieren müssen, es brauche mehr Effizienz, mehr Wettbewerb.

Nach zehn Minuten hat Lambrinidis sein Mea clupa beendet, nun beginnt Phase zwei seiner Rede, die unter der Überschrift stehen könnte: Angriff ist die beste Verteidigung. Es sei doch ein großer Fehler, immer nur von den Versäumnissen Griechenlands zu sprechen, hebt der Außenminister an. Um Erfolge zu belegen, hat Lambrinidis Zahlen mitgebracht, Zahlen, die sonst niemand kenne. Das Haushaltsdefizit sei um fünf Prozent gefallen, seine Ausgaben habe Griechenland wie kein anderes EU-Land verringert. Den öffentlichen Sektor hätte die Regierung um 83.000 Angestellte verkleinert, statt 1000 gebe es nun 300 Verwaltungseinheiten, das Rentensystem komplett erneuert, politisch schwierige Schritte. "Stellen Sie sich das einmal in Deutschland vor", sagt Lambrinidis. Und: "Wir haben die olympischen Spiele organisiert."

Eine Kultur des Bestrafens

"Alle konzentrieren sich auf Griechenland, als ob das das Problem sei", sagt Lambrinidis. Es sei zwar eines, aber wichtiger sei doch die Frage nach zwei fundamentalen Werten in der EU: Solidarität und Verantwortung. "Europa steht am Scheideweg", doziert der Außenminister. Darüber müsse man sprechen in Zeiten, in denen der Euroskeptizismus explodiere, in denen es in Europa eine Kultur des Bestrafens und Anklagens gebe. Es sei, erklärt er, als läge der Patient, die Stabilität Europas, krank im Zimmer, die Mediziner aber, also die Politiker, würden sich nicht weiter um den Pflegefall kümmern, sondern mit der Presse sprechen. Kein Wunder, dass die Märkte den Patienten längst für tot hielten. "Diese Rhetorik vergiftet das Klima in Europa", sagt Lambrinidis. Klappe halten und zahlen, das wäre aus seiner Perspektive die bessere Lösung.

Die bessere Lösung für Europa, sagt er, denn "ich bin ein stolzer Euopäer". Seit Juni 2004 war Lambrinidis Mitglied des europäischen Parlaments, seit 2009 einer von 14 Vizepräsidenten des Parlaments, verantwortlich für Internationale Beziehungen. Sein Studium in Politikwissenschaft und Jura hat er in den USA gemacht. Mit dem griechischen Premier Giorgos Papandreou hat er schon früher als dessen Büroleiter zusammengearbeitet, im Außenministerium war er bereits Generalsekretär. Am 17. Juni dieses Jahres hat Papandreou bei seiner radikalen Kabinettsumbildung mit Lambrinidis einen weiteren alten Freund eingestellt.

Zu Gast bei Griechenland-Verstehern

Ob er seine Sache gut gemacht habe, will er nach einer Stunde wissen: Eigentlich würde er das Publikum gern bitten, "die Hände zu heben, wenn sie jetzt ein besseres Gefühl zu den deutsch-griechischen Beziehungen haben". Nichts regt sich im Saal, aber Eindruck hat seine Rede schon hinterlassen. "Sie müssen verstehen, dass Deutschland auch seine eigenen Probleme hat. Nicht nur Sie haben Sorgen", sagt ein Zuhörer, und das ist schon die härteste Kritik, die an diesem Mittwochmorgen artikuliert wird. "Ich bin sehr beeindruckt von Ihren Schritten", sagt ein anderer Zuhörer. Und die Vorsitzende der deutsch-griechischen Gesellschaft meint, dass nicht die Griechen, sondern die ganze EU sich verändern müsse. Die Griechen seien nur Sündenböcke.

Wie die Reaktionen wohl ausgefallen wären, wenn Lambrinidis nicht vor Diplomaten und Wissenschaftlern, sondern auf einem Marktplatz, in, sagen wir: Castrop Rauxel gesprochen hätte?

Lambrinidis ist zufrieden. Er schließt mit einem Appell: "Zeigen sie nicht mit dem Finger auf uns, lassen Sie uns stattdessen die Hände reichen. Dann haben wir unglaubliche Macht!" Und dann sagt er noch einen Satz, der wie ein Versprechen klingt, in seiner Situation aber billiger nicht zu haben ist. "Wenn Deutschland in einer ähnlichen Situation wäre", sagt der griechische Außenminister, "würden wir helfen."