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Gutachten zum Arafat-Tod: Legenden sterben nicht einfach so

Im Körper des verstorbenen Jassir Arafat wurde Polonium gefunden. Wurde der Palästinenserführer vergiftet? Vielleicht. Leider wirft das zweite von drei Gutachten mehr Fragen auf, als es beantwortet.

Von Niels Kruse

Vermutlich ist Witwe Arafat keine gute Ratgeberin, wenn es um ihren verstorbenen Mann geht. Noch als der damalige Palästinenserführer im November 2004 auf dem Sterbebett lag, witterte sie eine Verschwörung: "Sie wollen ihn lebendig begraben", klagte sie in einem Interview und meinte damit nicht den notorischen Feind Israel, sondern die eigenen Leute: den jetzigen Präsidenten Mahmud Abbas unter anderem und überhaupt, die ganze zweite Führungsreihe, die nach seiner Ehre und seinem Erbe gierte. Dabei hatte Jassir schon damals seine als schwierig geltende Frau verstoßen, was sie nicht davon abhielt, unmittelbar nach seinem Tod die Theorie vom politisch motivierten Mord zu verbreiten. Suha Arafat glaubt bis heute daran.

Es wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn ihr Mann, die Legende, der "Vater aller Palästinenser" im Alter von 75 Jahren einfach so gestorben wäre. Denn hatte er während seines Exils in Nordafrika nicht schon immer Angst gehabt, vergiftet zu werden? Und waren seine Todesumstände nicht rätselhaft genug? Jedenfalls: Vor allem dank Suha stand plötzlich der Mordverdacht im Raum. Auch wenn es erste Vergiftungsgerüchte schon gab, als Arafat ins Pariser Krankenhaus eingeliefert wurde. Wochen später erklärten die französischen Ärzte nach einer Untersuchung, kein Gift, zumindest kein ihnen bekanntes, im Körper des Verstorbenen gefunden zu haben.

18 Mal mehr Polonium als normal

Der Tod Arafats ließ nicht nur seiner Frau keine Ruhe, auch das palästinensische Parlament forderte Aufklärung. Jetzt, Jahre später, gibt es zumindest einen Hinweis darauf, dass der legendäre Palästinenserführer tatsächlich keines natürlichen Todes gestorben ist - was den Fall aber leider auch nicht klarer macht. Wie bereits al Dschasira berichtete, kommt das Gutachten eines Schweizer Radiophysik-Instituts zu dem Ergebnis, dass die Konzentration mit radioaktivem Polonium in Arafats Gewebeproben 18 Mal höher ist als normal, was auf eine moderate Wahrscheinlichkeit hinweist, dass er vergiftet wurde. In anderen Worten: Die Experten sagen nicht, dass der frühere Palästinenserchef vergiftet wurde, sie können es aber auch nicht ausschließen.

Diese Ergebnisse stehen nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen, die Pariser Ärzte Ende 2004 gekommen waren. Denn Polonium ist so ziemlich das Gegenteil eines handelsüblichen Gifts. Es ist nicht nur extrem wirkungsvoll und extrem schwer nachzuweisen, sondern auch extrem selten und extrem teuer. Für die Herstellung braucht man einen Atomreaktor. Deshalb, so die gängige These, verfügen nur Staaten über Mittel und Wege, an Polonium zu gelangen. Warum also sollten Ärzte überhaupt danach suchen? So ähnlich war es auch im Fall des mit Polonium getöteten russischen Ex-Geheimdienstmitarbeiters Alexander Litwinenko. Erst als er alle Anzeichen einer Strahlenkrankheit aufwies, machte man sich auf die Suche nach dem Material - und wurde fündig.

Warum hätte Israel ihn ermorden sollen?

Statt aufzuklären, wirft die zweite von insgesamt drei Untersuchungen nur noch mehr Fragen auf. Etwa, woher stammt das Gift? Geht man davon aus, dass tatsächlich nur staatliche Organisationen über das erzartige Element verfügen, würde vermutlich wieder Israel in den Fokus geraten, dessen Geheimdienst schon seit neun Jahren im Verdacht steht, Arafat ermordet zu haben. Einen handfesten Grund dafür lieferte Israels damaliger Ministerpräsident Ariel Scharon, als er offen Arafats gezielte Tötung angedroht hatte, weil er ihn für Terroranschläge verantwortlich machte. Andererseits war der Palästinenser 2004 politisch bereits so angeschlagen, dass das sich ein Mord kaum noch "gelohnt" hätte.

Unklar ist auch die Rolle Russlands. Dort wurde das erste Gutachten veröffentlicht, und zunächst hieß es, man könne eine Polonium-Vergiftung ausschließen. Kurz darauf aber wurde die Aussage zurückgezogen. Und was passiert, wenn ausgerechnet die Franzosen, die noch am dritten Gutachten sitzen, ebenfalls Polonium nachweisen? Denn bis heute gilt es nicht als ausgeschlossen, dass Frankreich einen Mordanschlag gegen Arafat gedeckt haben könnte - beispielsweise aus Sorge vor einer weiteren Eskalation der Gewalt im Nahen Osten.

Legenden sterben nicht einfach so

Oder hatte die als verblendet verschriene Suha Arafat doch recht mit ihrer Verschwörungstheorie, wenn auch anders, als sie dachte? Dass nämlich die palästinensische Führung ihren Mann auf dem Gewissen hat? In ihrem Buch "The Murder of Yasser Arafat" kommen die beiden Autoren Matthew Kalman und Matt Rees zu dem Schluss, dass Arafat vermutlich einer Intrige höchster palästinensischer Kreise zum Opfer gefallen ist. Wie auch immer die Wahrheit lautet, es bleibt spannend - denn Legenden sterben nicht einfach so.