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Haditha: Mörderische Helden

Für Amerikas Ansehen war es das verheerendste Massaker des Irak-Kriegs: In Haditha starben 24 Zivilisten, getötet von US-Marines. Einige der Soldaten stehen jetzt vor Gericht - und kommen womöglich wieder einmal davon.

Von Jan Christoph Wiechmann

Die Geschichte war ein Albtraum. Eine Katastrophe für Amerikas Ansehen. Ein Schandmal, wie es das U.S. Marine Corps nie erlebt hatte in den 232 Jahren seiner Existenz. Also verschwieg man diese Geschichte. Man vertuschte sie. Man fälschte sie. Doch sie fand ihren Weg in die Medien und die Welt: Am 19. November 2005 begaben sich US-Marines unter Führung von Sergeant Frank Wuterich in Haditha auf einen kaltblütigen Rachefeldzug; sie töteten 24 Iraker, unter ihnen drei Frauen und sieben Kinder, ein Massaker, so nannte man es, das My Lai des Irak.

Es gab die passenden Fotos zur Geschichte, es gab Überlebende und Zeugen und bald auch einen Bericht der Militärermittler, 3500 Seiten dick, er beschrieb Hinrichtungen und deren Verschleierung. Im Pentagon sprach man von Exekutionen, im Kongress von einem "schlimmeren Kriegsverbrechen als Abu Ghreib", und für den Rest der Welt passte das Massaker ohnehin ins Bild, das sie sich gemacht hatte von diesem hässlichen Krieg. Der Fall schien entschieden. Im Mai dieses Jahres wurde das Verfahren beim Militärgericht eröffnet, acht Marines waren ursprünglich angeklagt, 75 Zeugen geladen, vier Monate anberaumt, es begann, so betonten alle: der größte, der wichtigste Prozess in der Geschichte des Marine Corps. Doch schon dann schieden sich die Geister. Es ging, so sagten die einen, um Amerikas Ehre, um eine Demonstration gelebter Demokratie. Es handelte sich, sagten andere, um einen Schauprozess, eine Vernichtungskampagne der Medien gegen Amerikas beste Söhne. Nur ein Wort fehlte im Sturm monströser Worte: Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für die irakischen Opfer.

Er kommt und geht, wann er will, war nie in U-Haft

Dann begannen die Merkwürdigkeiten. Es machten sich Starverteidiger ans Werk, dazu patriotische Vereine und Generäle, und nach und nach ließ das Militär einzelne Anklagen fallen, gegen den ersten Täter, Sergeant Dela Cruz, auch den zweiten, Lance Corporal Sharatt, und einen Offizier, Captain Stone. Der Fall Haditha geriet ins Stocken, die Geschichte vom Massaker bekam Risse, und sucht man nach Gründen, muss man hinein in Gerichtssaal I von Haus 53435 auf der Militärbasis Camp Pendleton, es ist Ende Juli, die Tage sind mild, ein kalifornischer Sommer. Um 10.30 Uhr betritt die Hauptperson den Saal, Frank D. Wuterich, 27, gebräunt und muskulös. Er setzt sich freundlich grüßend auf den Platz neben mich. Wuterich trägt seine Wüstenuniform aus dem Irak und den Seitenscheitel eines vergangenen Jahrhunderts, und bewegt er sich auf seinem Stuhl, wabern Wolken eines würzigen Aftershaves durch den Saal.

Zwei Reihen vor ihm, auf der Anklagebank, sitzt Lance Corporal Tatum aus Oklahoma, der Angeklagte Nr. 4, ein bulliger Kerl mit fleischigem Nacken. Tatum soll in Haditha sechs Iraker aus kurzer Distanz erschossen haben, darunter drei Kinder. Wuterich ist gekommen, um sich auf seine eigene Anhörung vorzubereiten. Er hat, so der Vorwurf, 18 Iraker auf dem Gewissen. Es ist beklemmend, neben ihm zu sitzen, dem Rädelsführer, dem vermeintlichen Kindermörder, angeklagt nach Artikel 118 Militärgesetzbuch wegen mehrfachen Mordes, der junge Vater dreier Töchter. Er kaut Zimtkaugummi und inspiziert seine Fingernägel, und einmal, als der Anwalt die Erschießung eines irakischen Mädchens nachzustellen versucht, muss er lachen. Er ist - beklemmender noch - ein freier Mann, er kommt und geht, wann er will, war nie in U-Haft, nicht einen Tag. Seine Kameraden im Saal grüßen ihn stets herzlich, selbst die Ankläger und Zuschauer, man verteilt Spendenaufrufe und Handzettel - "Gott schütze unsere Marines".

"Mann, du weißt nichts über Krieg"

Manchmal wirkt die Anhörung in Haus 53435 wie ein großes Familientreffen. In den Verhandlungspausen, auf dem langen Flur, reden wir. Wuterich wirkt erstaunlich gelassen, er spricht mit sanftem Blick und bedächtiger Stimme, über unbeschwerte Kinder und seine stillgelegte Zukunft, ein intelligenter Mann, der Gegenentwurf zur dumpfen Killermaschine, die alle Welt gern sieht in GIs. Doch an diesem Tag sage ich, dass ich mit ihm über das Massaker sprechen möchte. "Ich darf keine Interviews geben", erwidert er. "Kein Interview, Staff Sergeant Wuterich, nur eine Frage: Empfinden Sie eigentlich Reue? Sie haben kleine Kinder getötet, aus nächster Nähe?" Da bleibt er stumm und lächelt trotzig, der einzige Satz, der ihm entfährt, ist: "Mann, du weißt nichts über Krieg." Der Satz fällt oft in diesem Sommer. Drei Monate sind vergangen seit Beginn der Anhörungen, und zur Geschichte vom Massaker hat sich still und leise, vorgebracht von Anwälten und Kameraden, eine zweite Version, eine Gegenversion gesellt: Die Marines verübten kein Massaker, sie verfolgten Aufständische, und in einem normalen Häuserkampf kam es auch zu zivilen Opfern, oder wie sie es nennen: "Kollateralschäden".

So stehen sich vor Gericht plötzlich zwei grundverschiedene, zwei unversöhnliche Versionen gegenüber - in den Worten des Gerichtsvorsitzenden: "War es eine Exekution - oder die angemessene Anwendung von Gewalt?" War es Willkür oder Selbstschutz? Doch es geht um mehr: um den Krieg und was er aus Menschen macht. Ums Militär und was es aus der Wahrheit macht. Um ein Schandmal und wie man es ausradiert: Haditha. Der 19. November 2005 ist ein strahlender Samstag, die Luft klar, der Himmel blau, ein Tag wie gemalt, wird Wuterich später sagen. Ab 6.05 Uhr, noch ist es dunkel, führt er eine Patrouille durch Haditha, die Kleinstadt am Euphrat, 130 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Er ist älter als die meisten anderen, seit 1997 ein Marine, doch im Feld war er nie. Er bildete Rekruten im Nahkampf aus, während Männer seiner Einheit schon in Falludscha kämpften, in Schlachten mit filmreifen Titeln wie "Hell House". Sie töteten mit MGs, sie warfen Granaten, sie schossen Mörser, sie wandten es an, das ganze Arsenal militärischer Vernichtung. Falludscha, so bekommt Wuterich zu hören, hat einen Hauch von Iwo Jima, von Khe Sanh, von den großen Schlachten der Väter, es ist der Thrill ihres Lebens, das Heldenepos für die Enkel, der Eintritt in die Geschichtsbücher. Als seine Männer in der Wirklichkeit waren, war Wuterich in der Heimat. Das schmerzt.

Das Leben trug ihn nie auf die große Bühne

Das Leben ist immer ein bisschen vorbeigerauscht an Frank D. Wuterich. In seiner Heimatstadt Meriden in Connecticut beschreiben Freunde und Lehrer den adoptierten Jungen als "Musterschüler", als "Führungspersönlichkeit", der "Frankie", er leitete die Theatergruppe, er spielte Fußball und Gitarre, er spielte Baseball und Jazz. "So einen Sohn wie Frankie hätte ich auch gern", sagt, in seinem Rathaus schwärmend, Bürgermeister Mark Benigni, der ihn einst unterrichtete. "Der folgt stetig seinem Weg." Doch die Realität hielt sich selten an Frankies Träume. Er wollte Musiker werden, am Konservatorium studieren, schaffte dies jedoch nicht. Er trat den Marines bei, um im Orchester zu spielen, doch auch der Plan schlug fehl. Das Leben trug ihn nie auf die große Bühne, die er für sich auserkor. Das ändert sich am 19. November im Irak. Wuterich beschließt, die Fahrtroute zu ändern, es ist 6.50 Uhr, die Sonne steigt auf, er will nördlich über die River Road fahren und dann westlich auf die Chestnut Road. Manchmal ändern Marines ihre festen Routen, um den Gegner zu irritieren, doch in Haditha ist es ruhig, viel ruhiger als erwartet.

Vier Monate zuvor verloren Marines der Lima Company binnen drei Tagen 20 ihrer Männer (stern Nr. 20/2006), doch jetzt treffen sie auf "keinerlei Widerstand", erinnert sich vor Gericht Wuterichs Vorgesetzter, Staff Sergeant Fields. Sie schlagen die Zeit tot mit Videos und Gameboys und Pornos, sie bekämpfen den Alltag wie einen alternden Feind. Wuterich unterhält die Truppe mit seiner Gitarre, den Dave-Matthews-Songs "Dancing Nancies" und "Gravedigger", "you should ... never have to bury your own babies" - eine Zeile wie ein Vermächtnis. So jedenfalls lautet die offizielle Fassung der Kilo Company, 3. Bataillon, 1. Marine-Regiment, doch es gibt eine andere, eine verborgene, nicht anzutreffen im Gerichtssaal I. Sie ist zu vernehmen in einer kleinen Bar am Rand von Kansas City in Missouri. Dort sitzt auf einem kleinen Holzstuhl Edward Mouse, der Sanitäter der Einheit, ein Berg von Mensch mit mächtigen Tattoos auf dem ganzen Körper, selbst eines auf der Unterlippe: "SHUT UP". Mouse hat das Marine Corps verlassen, deswegen könne er reden, sagt er, und er redet ohne Pause, er redet stundenlang: "In Wahrheit war die Ruhe in Haditha die Hölle. Wir standen alle noch unter dem Eindruck von Falludscha, und dann war es plötzlich furchtbar ruhig. Wir wollten Action. Wir sind Krieger, Mann. Unsere Leute haben den Kick gesucht, sich Drogen und Alkohol reingezogen, es war ein totaler Kollapsder Disziplin. Sie sind in die Häuser der Iraker gegangen und haben sich das Zeug geklaut, was immer sie kriegen konnten.

"Erst schießen, dann Fragen stellen"

Einige haben gesagt: Lasst uns jemand aufschlitzen, damit endlich mal was los ist." Es ist 7.16 Uhr, Wuterichs Konvoi befindet sich in der Chestnut Road auf dem Rückweg ins Lager "Sparta", die Stadt ist wie ausgestorben, als eine ferngezündete Landmine das Fahrzeug Nr. 4 zerfetzt und den Himmel - so Wuterich - schwarz, braun und grau färbt. Zwei Marines werden schwer verletzt, der dritte stirbt: Lance Corporal "TJ" Terrazas, erst 20, ein lustiger, beliebter Kerl aus Texas. Seine Körperteile verteilen sich in einem Umkreis von 30 Metern, die Beine stecken noch im Wagen, die Augen vergraben im Hinterkopf - so kommt der Tod im Irak. Bis hierher gibt es vor Gericht nur diese eine Version der Ereignisse, doch nun teilt sie sich auf. Die eine, die des Massakers, ist zu hören am 30. August, Tag 1 der Anhörung Nr. 5, "United States gegen Sgt. Wuterich". Es betritt den Saal: Sergeant Dela Cruz, 24, ein schmaler Marine mit wässrigem Blick, der Kronzeuge, der Trumpf des Staates. Er beschreibt unter Eid, wie sie am Tatort einen weißen Opel gestoppt haben und die Insassen herauskommandierten, vier Studenten und den Fahrer, die späteren Toten Nr. 1 bis 5. "Die fünf Männer standen dort, mit erhobenen Händen, als Wuterich sie einfach erschoss. Dann habe auch ich sie mit MG-Salven besprüht." Dela Cruz stockt ein wenig. Er scheint außer Atem. Er hechelt. "Ich weiß, das war schlecht, aber ich war wütend, dass TJ tot war, so urinierte ich auf einen der Köpfe." Stille. Seine Worte kleben im Saal, Urin auf den Leichen, das schmerzt auch den Richter. Doch angeklagt wird Dela Cruz nicht, er erhielt Immunität im Tausch für die Wahrheit.

Unter Marines gilt Dela Cruz als Verräter, er hat gegen den Ehrencodex des Corps verstoßen, gegen das sakrale Motto der Elitekrieger, "Semper Fi", immer treu. Und so wird er nun im Gericht von den eigenen Kameraden demontiert, ein Beißreflex, ein Gruppenritual. Sein Platoon-Führer Fields sagt aus, Dela Cruz sei schon immer aggressiv gewesen, "hart wie Stahl", prügelte sich gar mit den eigenen Leuten. Wuterichs Anwälte nehmen ihn ins Kreuzverhör, sie bringen ihn zum Stottern und Wimmern, er verheddert sich in Widersprüche, und nach zwei Stunden verschwindet er gedemütigt aus dem Saal und mit ihm die Geschichte - sie wird abgetragen wie im Tagebau, Schicht für Schicht. Am Tatort in Haditha trifft gegen 7.45 Uhr Wuterichs Vorgesetzter ein, Platoon Lieutenant Kallop. Wuterich berichtet ihm, dass er die fünf Männer auf der Flucht erschoss. Er erzählt auch von Schüssen einer Kalaschnikow, die er aus Süden gehört habe, und erhält den Auftrag, die Häuser zu stürmen. Er führt seine Männer hoch zu einem kleinen Haus, 50 Meter hinter einem leeren Grundstück gelegen. "Erst schießen, dann Fragen stellen", befiehlt Wuterich.

"Das Blut spritzte bis an die Decke"

Dann dringen sie ein in das Heim des beinamputierten Rentners Abdul Hamid, 76. Keiner der Marines wird später aussagen, was in jenen Minuten passierte. Aber ein Mädchen wird sprechen, mit amerikanischen Medien, Eman Walid, sie ist neun. "Als Erstes gingen sie in den Raum meines Vaters, der den Koran las, und wir hörten Schüsse. Ich sah, wie sie meinen Großvater erschossen und meine Großmutter." Dann, so berichtet Eman, zielten sie in die Ecke, wo sich alle anderen Bewohner, noch in Nachthemden, versammelt hatten. Die Erwachsenen versuchten die Kinder zu schützen, Eman wurde am Bein getroffen, alle anderen, insgesamt sechs, starben, die Toten Nr. 6 bis 11, unter ihnen Emans vierjähriger Bruder Abdullah. Emans Worte sind das eindringliche Zeugnis einer Überlebenden, doch vor Gericht erscheint sie nicht. Das ist das Dilemma der Ankläger: Es gibt keine irakischen Zeugen im Saal, keine Empörung, keine Trauer. Die weite Reise sei zu gefährlich, lassen die Marines ausrichten, sie sei zu aufwendig - behaupten jene, die sonst Panzer um die Welt schicken und Satelliten in den Himmel. Der untersuchende Richter Lieutenant Colonel Ware, auch er ein Marine, auch er in Wüstenuniform, hält später fest: "Die Aussagen der Iraker sind unklar, Widersprüchlich und eigennützige Schlussfolgerungen." Es ist wie eine zweite Hinrichtung. Unter Führung von Wuterich ziehen die Marines weiter zum Haus des Zollbeamten Junis Salim, 43, es ist 8.10 Uhr. Sie stürmen auch dieses, Befehl ist Befehl, und erschießen acht Bewohner, Frauen und Kinder, eine große Familie, die Toten Nr. 12 bis 19. Es kommt einer Exekution gleich, erklären die Ermittler des Naval Criminal Investigative Service (NCIS) nach Studium von Fotos und ersten Vernehmungen. Doch - auch das ist merkwürdig - aufgezeichnet haben sie die Geständnisse nicht.

So nimmt der Hauptermittler im Zeugenstand Platz, Spezialagent Michael Maloney, eingeflogen vom US-Stützpunkt Okinawa, Japan. Maloney ist so etwas wie die Hauptwaffe der Ankläger, ihre letzte Hoffnung. Er leitete vier Monate nach der Tat die Untersuchungen in Haditha mit 70 Sonderermittlern und beschreibt in der nüchternen Sprache eines Gutachters, wie Tatum und Wuterich Kinder hinrichteten in den kalten Minuten zwischen 8.10 und 8.16 Uhr: "Sebea saß leicht aufrecht, der Schütze stand am Fuß des Bettes. Sie versuchte sich noch wegzubewegen, als sie erschossen wurde. Man erkennt die Eintrittswunde am linken Ohr." Für einen Moment presst Wuterich seine Fingerkuppen aneinander, bis sie blutleer sind. Er schluckt. Man sieht ihn schlucken. "Zainab erhielt einen Kopfschuss, Teile ihres Gehirns hingen an der Südwand." Wuterich schielt unruhig zur Seite. Er fühlt sich beobachtet. In der Reihe vor ihm besehen Gutachter Tatortfotos, die Beweisstücke 56 und 57, Blutlachen sind zu erkennen, auch Gehirnteile und Leichen. "Tatum und Wuterich schossen auf Zainab, als sie sich in eine kniende Position begab", fährt Maloney fort. "Das Blut spritzte bis an die Decke." Maloney macht eine Pause. Zum ersten Mal ist es totenstill im Saal. Wuterichs Anwalt flüstert: "Die Klimaanlage ist ziemlich kalt", aber Wuterich reagiert nicht. Er starrt auf den Boden. Es sieht nicht gut aus für ihn und seinen Kameraden Tatum.

"Die Marines befahlen uns, das Gebiet zu räumen"

Doch da schlägt Zimmermanns Stunde, Jack Zimmermann, 65, Starverteidiger aus Houston und ehemaliger Marine, der einzige Akteur im Anzug in diesem Saal voller Uniformen, in diesem Saal in Tarnwüstenbeige. Dieser Jack B. Zimmermann, angeheuert von Tatum für den Sold von drei Jahren, nimmt Maloney nun auseinander: "Kann man sagen, es war der dreckigste Tatort, den Sie je untersucht haben?" - "Er war alles andere als makellos, ja."- "Die Hauswände waren doch schon renoviert worden, als Sie eintrafen?" - "Ja." - "Und Sie hatten nur sieben Minuten für die gesamte Untersuchung in Haus 2?" - "Die Marines befahlen uns, das Gebiet zu räumen. Es war zu gefährlich." - "Eigentlich haben Sie den Tatort also nur anhand von Fotos untersucht. Dafür hätten Sie gar nicht in den Irak fahren brauchen." Zimmermann blickt triumphierend durch den Saal, in erleichterte Gesichter, ein Heimspiel. Er brauchte jetzt starke Gegenspieler, Ankläger von Format, doch es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses Falles, dass ihm gegenüber drei oft unschlüssige Militärstaatsanwälte sitzen, einige noch nicht mal geboren, als Zimmermann schon in Vietnam kämpfte. Nicht ihr Renommee brachte sie hierher, sondern die Rotation in der Großbehörde Militär.

Sie wirken wie Pennäler, eingeschüchtert vom Schulhoftyrannen, und er ist noch nicht fertig: "Ist es richtig" fragt Zimmermann Maloney, "dass Sie nicht einen biologischen oder ballistischen Beweis gefunden haben?" - "Ja." - "Sie haben auch keine Autopsien durchführen können?" - "Stimmt, weil die Iraker die Körper aus religiösen Gründen nicht freigaben." Es gab also keine DNA-Spuren, fährt Zimmermann fort, keine Fingerabdrücke, die Beweise gingen verloren in den Wirren des Krieges, in den Ritualen des Islam - lost in religion. Gekonnt wendet er die forensische Norm der USA auf den Krieg an, "CSI Miami" in Haditha, so zerlegt er die Geschichte in einem klimatisierten Container Kaliforniens, 12.000 Kilometer entfernt von der Front. Es gab keine Schmauchspuren an Schläfen, kein einziges Anzeichen für ein Massaker, es war nämlich Notwehr, es war der Krieg, so ist er nun mal, grausam und kalt - der Krieg. Das ist das Problem der Ermittler. Sie füllten 3.500 Seiten, sie rekonstruierten den Fall, sie verhörten Dutzende Marines. Doch sie haben keine Tonbänder. Sie waren spät am Tatort. Sie fanden wenig Beweise. Sie sehen nicht immer gut aus vor Gericht.

"Wir sind Brüder bis in den Tod"

Nur eines kann auch Zimmermann nicht entkräften. Unter den Opfern sind kleine Kinder. Laut der Gefechtsordnung ROE, Punkt 1a, sind Marines gehalten, ihre Ziele vor dem Angriff zu identifizieren. Warum, fragen Militärexperten, Kriegsveteranen und auch Richter Ware - warum haben die Marines kleine Kinder erschossen? In Momenten wie diesen springen ihnen die Kameraden zur Seite - "Semper Fi", immer treu. "Die Sicht war grauenhaft, es war dunkel und staubig", erklärt Lance Corporal Tatum. "Wir hörten Schüsse aus einer AK-47", bezeugt Corporal Stafford. "Das geringste Zögern kann deinen Tod bedeuten", erläutert Staff Sergeant Fields. So pendeln ihre Aussagen zwischen Wahrnehmung und Wunschdenken und tragen die Geschichte in jene Grauzone, in der Marines befugt sind abzudrücken. "Was erwartest du denn?", sagt Stafford später. "Man hat uns immer eingetrichtert: 'No man left behind', keiner bleibt zurück, wir sind Brüder bis in den Tod." Für die Männer der Kilo Company geht es um mehr als die Wahrheit. Es geht auch darum, was von ihnen in Geschichtsbüchern bleibt: Falludscha oder Haditha.

Wuterichs Feldzug ist um 8.16 Uhr noch nicht beendet, in Haus 4 erschießen er und Lance Corporal Sharatt vier weitere Iraker, die Toten Nr. 20 bis 23, ein weiterer Mann, die Nr. 24, wird auf einem Hügel erschossen. Wuterich kehrt zurück ins Lager Sparta und verfasst einen Bericht, und am nächsten Tag gibt ein Militärsprecher bekannt: "Bei einer Explosion gab es 15 Tote und bei dem anschließenden Feuergefecht acht tote Aufständische." Es ist Wuterichs ersehnter Auftritt, die große Bühne, er wird befördert und für die "Navy Achievement Medal" vorgeschlagen, darin heißt es: "Seine ruhige und selbstsichere Entschlussfreudigkeit verhinderte ohne Zweifel weitere Verletzte und Tote bei Marines und unschuldigen Zivilisten." Erst als die Bürger Hadithas aufbegehren, zahlen die Marines eine Kompensation: Sie entrichten 15-mal 2500 Dollar für die toten Zivilisten in den Häusern 1 und 2 plus 250 Dollar pro verletztes Kind plus Hausschäden. Macht 38.000 Dollar in bar. Als Schuldeingeständnis sehen sie das aber nicht. Womöglich gibt es ein weiteres Motiv für die Taten, doch vor Gericht hört man nichts davon, nicht ein einziges Mal in vier Monaten. Man hört davon an langen Abenden, in Kneipen, weit entfernt von Camp Pendleton, wenn viel Bier fließt und Hemmungen schwinden. Man hört es von Corporal Boswood in Long Beach, der die Marines verließ, von Corporal Stafford, der heute in South Carolina lebt und Rekruten das Kämpfen lehrt. Stafford musste die Leichen abtransportieren an jenem Tag.

"Klingt hartherzig, aber das Einzige was mich nervte, war das Blut an meinen Händen"

Er sortierte die Körper, Stück für Stück, die Kinder zuerst, und wenn er davon spricht, vom Packen, Verstauen und Tragen, klingt es wie Fließbandarbeit. Als die Leichensäcke ausgingen, nahm er Müllbeutel. "Es hat mich nicht berührt", sagt er. "Klingt hartherzig, aber das Einzige was mich nervte, war das Blut an meinen Händen." Er ahnt die Nachfrage des Reporters und entgegnet: "Ihr wisst nichts vom Krieg. Tag und Nacht hat man uns eingetrichtert: Geht und killt Iraker. Killt. Killt. Das ist unser Job, wir sind gut darin. Schon scheiße, dass Unschuldige starben, manchmal muss man eben ein Exempel statuieren. Nach der Sache in Haditha ist uns nichts mehr passiert. Das hat die Iraker abgeschreckt." Auch Staffords Freund Edward Mouse in Kansas City stützt diese Version. Doch über das Massaker kommt der Sanitäter bis heute nicht hinweg. Zwei Wochen danach versuchte er sich mit 300 Milligramm Valium umzubringen, wachte aber drei Tage später im Militärkrankenhaus Landstuhl in Deutschland wieder auf. "Ich sehe immer wieder unsere Leute, wie sie zurückkehrten von dem Einsatz. Sie waren total high und riefen: Denen haben wir es gezeigt. Einer prahlte, dass er mit der Taschenlampe die Vaginas der Toten ausleuchtete. Da wusste ich: das war's. Dafür bin ich nicht hier. Das hat mit Krieg nichts zu tun."

Als Mouse vor einem Jahr drohte auszupacken, setzten ihn Vorgesetzte unter Druck. Er verließ das Corps und zog zurück in die Heimat nach Missouri. Er baut heute Zäune und versucht irgendwie weiterzuleben, immer einen Schritt schneller als die Schatten der Vergangenheit. Es ist der 6. September 2007, der letzte Tag der Anhörung von Sergeant Wuterich, das Ende eines langen Sommers. Gefasst sitzt er zwischen seinen vier Anwälten, auf den entblößten Unterarmen die Tattoos von Schwertern und Schlangen. Mit fester Stimme erklärt er, dass er nur Befehle ausführte, nur seinen Job machte als US-Marine. "Erschossen Sie jemand in Haus 1?" fragt sein Anwalt Neal Puckett. -"Nein. - "Erschossen Sie jemand in Haus 2? - "Nein." - "Was fühlen Sie angesichts dessen, was passierte an jenem Tag?" Da nestelt Wuterich an seinem Ehering. Für einen Moment sieht es so aus, als könnte er weinen, die Opfer beweinen, vielleicht doch Reue zeigen. Dann sagt er: "Ich werde nie im Reinen damit sein. Einer meiner Männer wurde getötet." Danach geht er. Ein Held für die einen. Ein Kindermörder für die anderen. Die Entscheidungen im Fall Haditha trifft kein Richter, sondern Lieutenant General James Mattis, ein erfahrener Befehlshaber der Marines in Afghanistan und Irak.

"Macht verdammt viel Spaß, die zu erschießen"

Es gehört zu den Eigenheiten des Systems, dass das Militär selbst richtet, über Morde und Skandale, über Schandmale, über Geschichten. Mattis weiß, was auf dem Spiel steht. Nach dem Massaker von My Lai - mit ungleich mehr Toten - wurden Vietnamveteranen bespuckt und als "Baby Killer" beschimpft. My Lai veränderte den Blick auf den Krieg. Ein Schuldspruch schreckt die Jugend ab, den Marines beizutreten, er schreckt Marines ab, die Waffe zu ziehen. Bisher hat Mattis Anklagen fallen lassen, in seiner Begründung schrieb er: "Unsere Nation kämpft gegen einen verborgenen Feind, der sich unter unschuldigen Menschen versteckt. Diese Herausforderungen üben einen ungeheuren Druck auf unsere Marines aus. Die Erfahrung auf dem Schlachtfeld ist intellektuell nur schwer zu verstehen und emotional noch schwerer." Über Tatum und Wuterich entscheidet er in Kürze. Hält er die Anklagen für gerechtfertigt, kommen sie vors Kriegsgericht. Ein Indiz für seine Haltung gab Mattis im Februar 2005 bei einer Podiumsdiskussion über den Krieg in San Diego: "Bringt ziemlich Spaß, die zu bekämpfen", sagte er über die Feinde. "Das ist ein echtes Vergnügen. Macht verdammt viel Spaß, die zu erschießen. Ich bin gern dabei."

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