Irak "Köpfen steht nicht im Koran"


Die Enthauptungen von Geiseln lassen den Islam als grausame Religion erscheinen. Der ägyptische Religionswissenschaftler Nasr Abu Zayd erklärt, woher die archaische Tradition wirklich kommt.

Muslimische Terroristen köpfen vor laufender Kamera ihre Geiseln. Vor zwei Wochen einen Amerikaner in Saudi-Arabien, vergangene Woche einen Südkoreaner im Irak. Danach haben sie drei Türken in ihre Gewalt gebracht. Warum köpfen Muslime so gern?

Hinrichtungen mit dem Schwert stammen aus der Beduinen-Tradition. Die ist den Menschen in den meisten muslimischen Ländern fremd. Köpfen und Islam gehört nur für jene zusammen, die den in Saudi-Arabien praktizierten Glauben für den wahren Islam halten. Aber es gibt große Unterschiede zwischen der Kultur etwa in meinem Heimatland Ägypten und der Kultur der Wüste auf der arabischen Halbinsel. Die Menschen in Europa machen immer den Fehler, den Islam als eine einheitliche Kultur zu sehen.

Islam und Beduinen-Tradition sind also die radikale Verbindung, vor der wir uns fürchten müssen?

Man muss sich anschauen, woher die Leute kommen, die solche Hinrichtungen praktizieren. Osama bin Laden zum Beispiel ist Saudi. In seinem Heimatland wird den Menschen von Kindesbeinen an ein sehr rigider Islam gepredigt. Die Welt wird in Muslime und Ungläubige aufgespalten. Das kann verheerend sein. Als etwa meine Nichte, die in Saudi-Arabien zur Schule gegangen war, nach Ägypten zurückkehrte, fand sie sich am ersten Schultag neben einem Christen wieder. Das hat sie so schockiert, dass sie nie wieder zu dieser Schule gehen wollte, weil es dort Leute gab, die in ihren Augen gottlos waren. Heute können sich viele auf der arabischen Halbinsel überhaupt nicht vorstellen, dass es Araber gibt, die keine Muslime sind.

Aber muss man "Ungläubige" deshalb gleich köpfen?

Muslime fühlen denselben Horror beim Anblick der Bilder des Koreaners wie alle anderen. Wer die arabischen Zeitungen liest, wird keinen Kommentar finden, der derart barbarische Akte rechtfertigt. Nicht mal die Folter der Amerikaner in den irakischen Gefängnissen gilt als Rechtfertigung dafür. Die Menschen lehnen noch aus anderem Grund solche Tötungen ab: Sie fürchten, dass die Scharfrichter eines Tages nach Hause zurückkehren und dort dasselbe mit den eigenen Leuten machen.

Trotzdem scheint es, als würden die Terroristen das Schwert als symbolische Waffe des Islam gegen Ungläubige einsetzen.

Das hat historische Gründe. Als unsere Religion im siebten Jahrhundert entstand, gab es in Arabien zwei Kulturen. Auf der einen Seite die der Händler, zu denen auch der Prophet Mohammed gehörte. Das war die Hochkultur. Auf der anderen Seite standen die Beduinen. Im Koran werden sie als scheinheilig bezeichnet, als keine richtigen Gläubigen. Für sie war das Schwert die wichtigste Waffe. Bis heute hat es bei ihren Nachfahren auf der arabischen Halbinsel eine besondere Bedeutung.

Aber wie kommt es, dass ausgerechnet dieser Beduinen-Islam solche Anziehungskraft besitzt?

Das begann in den siebziger Jahren. Der Ölpreis stieg. Saudi-Arabien wurde reich. Und mit Hilfe der Amerikaner wurde es der mächtigste Staat in der Region. Eine Herrscherdynastie mit Beduinen-Wurzeln bekam plötzlich geopolitischen Einfluss. Die Saudis nutzten ihr Geld, um in der ganzen arabischen Welt ihre Version des wahren Glaubens, den Wahhabismus, zu verbreiten.

Weshalb finden die Menschen diese rigide Form des Islam überhaupt attraktiv?

Überall in der arabischen Welt stockt seit damals die Entwicklung, die Idee des arabischen Nationalismus ist gescheitert. Die Menschen suchen nach einem neuen Halt, um das Vakuum zu füllen. Sie flüchten sich in die Tradition. Da kommen die Saudis mit ihrem puritanischen Konzept des Wahhabismus wie gerufen. Und der wirtschaftliche Erfolg scheint ihnen Recht zu geben. Es sieht aus, als seien sie reich geworden, weil sie gute Muslime sind.

Gehört zu dieser rigiden Form des Islam, den Westen zu hassen?

Die Anschläge vom 11. September haben alles verändert. Die Araber leben in dem Gefühl, der Westen führe einen neuen Kreuzzug gegen sie. Er sei darauf aus, Rache zu nehmen. Die ganze islamische Welt, nicht nur die arabische, sieht sich herausgefordert. Die Menschen dort glauben, dass der Krieg gegen den Terror in Wahrheit ein Krieg gegen den Islam ist. Sie leben in einem Klima der Angst. Und wer sich bedroht fühlt, sucht Schutz. Den bietet in dieser Situation die Religion.

In einem solchen Klima haben Leute wie Sie nichts mehr zu sagen?

Warum sollten die Menschen mir folgen, wenn ich dazu aufrufe, den Koran kritisch zu lesen? Sie sagen mir: Wovon redest du bloß? Dieses Buch ist das Letzte, das uns noch Halt gibt. Und das willst du auseinander nehmen. Du zerstörst unseren Glauben, den wir brauchen, um uns zu verteidigen. Für diese Leute bin ich der Feind.

Vielleicht auch deshalb, weil Sie bestreiten, dass der Koran klare Handlungsanweisungen im Krieg gegen die "Ungläubigen" gibt.

In jeder Religion findet man Aufrufe zur Gewalt. Aber alles auf den Koran zu reduzieren ist falsch. Aus ihm wie aus den Hadithen, den gesammelten Aussprüchen und Taten Mohammeds, kann jeder die Textstellen und Verse heraussuchen, die davon sprechen, dass man Feinde töten darf und jagen, wo immer sie sind.

Und womöglich sogar köpfen.

Vom Köpfen steht im Koran Gott sei Dank nichts. Aber jeder sucht sich seine Lieblingszitate und reißt sie aus dem Zusammenhang. Ich könnte ihnen das Gegenteil in den heiligen Texten nachweisen. Nämlich, dass der Islam eine friedliebende, tolerante Religion ist. Und das kann ich auch noch mit Beispielen aus dem Leben des Propheten belegen. Man würde dann einen Teil der Biografie von Mohammed als vorbildlich hervorheben und müsste einen anderen Teil ignorieren. Diese dauernden Diskussionen mit Zitat und Gegenzitat habe ich satt. Wir müssen uns mit dem ganzen Koran auseinander setzen, dem Töten wie der Friedensliebe, der Toleranz wie der Aufforderung, alle Ungläubigen zu bekehren.

Warum passiert das nicht?

Weil viele Leute Angst davor haben. Dann würde zum Beispiel das Konzept der Scharia zusammenbrechen ...

... dass man auch heute nach Regeln des siebten Jahrhunderts leben soll, also eine Frau nur halb so viel wert ist wie ein Mann, Ehebrecherinnen gesteinigt werden können und Dieben die Hand abgeschlagen wird ...

Die Scharia enthält nicht nur Vorschriften für das Bestrafen von Dieben oder Ehebrecherinnen. Sie ist überdies ein Versuch, Regeln für eine gerechte muslimische Gesellschaft zu entwerfen. Dass etwa Frauen im siebten Jahrhundert als halb so viel wert wie ein Mann bezeichnet wurden, war fortschrittlich. Bis dahin konnten sie keinerlei Rechte beanspruchen. Die Scharia abzuschaffen wäre ein dramatischer Bruch mit einer uralten Tradition. Die meisten betrachten die Scharia noch heute als gottgegeben. Anzuerkennen, dass Menschen sie geschaffen haben, hieße, aus etwas Göttlichem etwas Alltägliches zu machen. Für Fromme kracht damit eine ganze Welt zusammen. Alle anderen sorgen sich, weil es in ihren Ländern keinerlei Institutionen gibt, die die Scharia ersetzen könnten. So haben wir zum Beispiel in Ägypten keinen Rechtsstaat. Recht ist dort stets das Recht der Reichen. Man kann die Scharia eben nur aufheben, wenn man etwas anderes an ihre Stelle setzt. Viele, die an ihr festhalten, tun es, weil sie nach Gerechtigkeit dürsten.

Der amerikanische Präsident George W. Bush will den Arabern Demokratie und Rechtsstaat bringen. Sie müssten doch sein größter Fan sein.

Nein. Wir haben nicht auf einen wie ihn gewartet, der uns erklärt, was Demokratie ist. Wir islamischen Liberalen arbeiten daran seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts.

Ohne allzu großen Erfolg, wie es scheint.

Ja. Aber Amerika kann uns dabei leider nicht helfen, Europa schon eher. Die USA nehmen den Islam und seine Probleme erst seit der Revolution im Iran wahr. Ihre Bekanntschaft mit unserer Religion begann mit Ayatollah Khomeini. Europa und die islamische Welt dagegen stehen seit dem achten Jahrhundert miteinander in Verbindung. Denken Sie nur an den Briefwechsel zwischen Harun al-Raschid und Karl dem Großen. Um uns helfen zu können, muss Europa aber erst einmal sein Verhältnis zu den USA klären.

Auch dann bleibt die Frage, ob sich liberale Intellektuelle wie Sie Gehör verschaffen können.

Ich lebe in Europa und habe als Theologe seit dem 11. September 2001 den Eindruck, dass alle Bemühungen islamischer Reformer wie weggewischt sind. Wir stehen wieder dort, wo die Liberalen vor 200 Jahren standen. Der Versuch, eine Brücke zu bauen zwischen der Religion und der Moderne, also der Demokratie und den Menschenrechten, scheint wenigstens vorübergehend gescheitert.

Haben Sie jede Zuversicht verloren?

Nein. Denn noch vor wenigen Jahren hielten viele Araber Saddam Hussein für einen neuen Saladin ...

... den Befreier von neuen Kreuzrittern aus dem Westen ...

Ich glaube, Saddam Hussein war der letzte Held in der arabischen Welt. Vor allem junge Menschen haben die Nase voll davon. Sie haben unter den Helden genug gelitten und träumen von einem großen Reformator.

Interview: Steffen Gassel, Hans-Hermann Klare print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker