Irak Amerikas End Game


Während im Irak die Gewalt eskaliert, streitet man in Amerika noch über den Begriff "Bürgerkrieg". Dabei wird immer deutlicher: die Supermacht verliert den Krieg. Was als Feldzug für die Freiheit begann, könnte in einer neuen Diktatur im Irak enden.
Von Katja Gloger, Washington

Der Nachrichtensender CNN tut es und auch die Kollegen von NBC sprechen es aus. UN-Generalsekretär Kofi Annan sagt es, die großen amerikanischen Zeitungen drucken das Schreckenswort, und die Mehrheit der US-Bürger ist ohnehin schon längst davon überzeugt: im Irak herrscht Bürgerkrieg. 100 Ermordete jeden Tag, der blutige Krieg der Milizen, Killerkommandos, abtrünnige Provinzen, eine machtlose Regierung – was soll das sein, wenn nicht Bürgerkrieg?

Nur einer weigert sich, der blutigen Wahrheit ihren Namen zu geben – der Mann, der diesen Krieg begonnen hat: US-Präsident George W. Bush. Beharrlich bleibt er bei seinen Standardbeschreibungen. Was im Irak passiert? "Religiös motivierte Gewalt". "Ein Kampf um Freiheit". "Eine Front im Krieg gegen den Terror". Basta. Das Gerede vom Bürgerkrieg, assistiert ihm das konservative Wall Street Journal, sei nichts weiter als "defätistische Rhetorik".

Semantische Erörterungen dieser Art mögen den Menschen in Bagdad als zynische Spielereien erscheinen – doch sie sind Politik pur. Denn wer von "Bürgerkrieg" spricht, der gesteht die Niederlage ein: der Krieg Amerikas im Irak ist verloren. Für die USA hat das End Game im Irak begonnen.

Iran, der Profiteur des Krieges

Längst haben die Fakten eine neue Realität geschaffen, und die rollt über den Herrn im Weißen Haus hinweg. Da hält Bush Gipfeltreffen in Amman, wird dort selbst von Iraks Premierminister Maliki versetzt. US-Militärs haben die riesige Anbar-Provinz westlich von Bagdad faktisch aufgegeben, sie gilt schon als Aufmarschgebiet der neuen Generation von al-Quaida. Und schlechte Nachrichten überall: der jordanische König warnt vor drei drohenden Bürgerkriegen in der Region. Im mehrheitlich sunnitischen Saudi-Arabien heißt es: falls die USA abziehen, werde man die sunnitische Minderheit im Irak militärisch und finanziell unterstützen. Und nebenan warten die schiitischen Mullahs in Teheran – der Iran ist der große Profiteur des Krieges.

Die amerikanischen Truppen dürfen nicht im Irak bleiben. Aber sie dürfen auch nicht abziehen.

Die "Baker-Hamilton-Kommission" soll nun den Ausweg aus auswegloser Lage zeigen, dem Präsidenten helfen, ihm gar eine Ehrenrettung ermöglichen, Unter Leitung des ehemaligen US-Außenministers James Baker sowie des honorigen Demokraten Lee Hamilton hat die Kommission Empfehlungen erarbeitet.

In der kommenden Woche werden sie vorgelegt, schon sind die wichtigsten Punkte bekannt: ein Teilabzug der Truppen ohne festen Zeitplan sowie eine diplomatische Initiative, die Syrien und den Iran einschließt. Man muss auch mit seinen Feinden reden, so das Credo der Kommission. Sicher wird der Bericht viele gute Ideen enthalten - doch möglicherweise kommt auch er schon zu spät.

Demokarten wollen Abzug in einigen Monaten

Erbittert diskutiert man über die Optionen, die man eigentlich gar nicht mehr hat. Der mögliche republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain will mehr Truppen in den Irak schicken, um die Lage zu stabilisieren, irakisches Militär auszubilden und den Wiederaufbau voranzutreiben. Die meisten Demokraten – auch ihr neuer Superstar Barack Obama - fordern den Abzug der Truppen in Etappen. Schon in vier bis sechs Monaten solle der beginnen. Nur so könne man Druck auf die irakische Regierung ausüben, selbst für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen.

Und Bush? Wir gehen, wenn der Job erledigt ist, sagt er. Wann? Wenn der Irak sich selbst regieren kann, in einem Jahr vielleicht. Redet sich die Lage schön. Hält sich fest an seinen Illusionen. Und sagt zugleich, eiskalt: die Probleme im Irak werden in seiner Präsidentschaft nicht mehr gelöst. Nie würde sich dieser Mann zugestehen, was er angerichtet hat.

Schlimmer als nach Vietnam

Neulich telefonierte der renommierte amerikanische Journalist George Packer mit einem Freund im Irak, einem Sunni. Man sprach über die Zukunft, was wohl passiere, wenn die amerikanischen Soldaten abziehen. Der Freund im Irak sagte ihm, dann werde er wohl die Terroristen von al-Quaida um Schutz vor den schiitischen Killerkommandos bitten müssen. Und dann würden wohl all die Iraker auf den Todeslisten stehen, die von einem neuen, einem demokratischen Irak zu träumen wagten: Menschenrechtler, Professoren, Geschäftsleute, Frauenrechtlerinnen, Journalisten, Politiker. Es werde nicht wie beim Abzug der Amerikaner aus Vietnam, schrieb Packer. Nein, es werde viel schlimmer: so wie damals in Kambodscha, nachdem die Roten Khmer das Land erobert hatten. Als sie systematisch Zehntausende umbrachten.

Die Zukunft? In ferner Zeit, am Ende eines Bürgerkrieges werde sich ein neuer starker Mann erheben, orakeln die Experten. Ein neuer Diktator, der das Land mit tyrannischer Gewalt befrieden werde. Ein Diktator, von den USA stillschweigend unterstützt. Anders als Saddam Hussein aber werde dieser neue Herrscher wohl keinen Schnurbart tragen.

Das End Game hat begonnen.


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