Irak Blutiger Auftakt zum Ramadan


Bei der blutigsten Serie von Anschlägen seit dem Sturz des irakischen Regimes im April sind am Montag mindestens 42 Menschen innerhalb weniger Stunden in Bagdad getötet worden. Das berichtete der arabische Sender El Dschasira.

Bei der blutigsten Serie von Anschlägen seit dem Sturz des irakischen Regimes im April sind am Montag mindestens 42 Menschen innerhalb weniger Stunden in Bagdad getötet worden. Das berichtete der arabische Sender El Dschasira. Irakische Behörden sprachen dagegen von 34 Toten und mehr als 230 Verletzten. Hauptziel der fünf Selbstmordattentate zum Auftakt des islamischen Fastenonats Ramadan war die Zentrale des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Als davor ein mit Sprengstoff beladener Krankenwagen explodierte, starben zehn Iraker, darunter zwei IKRK-Mitarbeiter. Weitere Autobomben detonierten vor vier Polizeistationen. Wer hinter den Anschlägen steht, wurde zunächst nicht bekannt.

Die Welt verurteilte das Blutbad auf das Schärfste. US-Präsident George W. Bush erklärte, die Angriffe auf das Rote Kreuz oder die Polizeiwachen zeigten, dass es den "kaltblütigen Mördern" nur darum gehe zu töten, gleichgültig wen. Die USA würden sich von den Anschlägen im Irak nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. "Je erfolgreicher wir sind (...), desto verzweifelter werden diese Kriminellen", sagte Bush am Montag in Washington.

"Vorgehen eher amateurhaft"

Nach Angaben der irakischen Behörden starben insgesamt acht Polizisten und 26 Zivilisten. Bei dem Angriff auf eine Polizeiwache seien auch zahlreiche Schulkinder verletzt worden. Es war einer der blutigsten Tage seit dem Ende der Kampfhandlungen im Irak. Bei einem Bombenattentat auf den einflussreichen irakischen Schiitenführer Ajatollah Mohammed Bakr el Hakim in der Stadt Nadschaf waren Ende August mehr als 80 Menschen getötet worden.

US-Militärsprecher Mark Hertling erklärte in Bagdad, die Attentäter hätten sich bei der Planung über den Zeitpunkt der Anschläge abgesprochen. "Davon abgesehen, war ihr Vorgehen aber eher amateurhaft." Gleichzeitig verdichteten sich die Hinweise, dass ausländische Terroristen an den Anschlägen beteiligt waren. Hertling sagte, ein Syrer sei bei dem Versuch festgenommen worden, vor einer fünften Polizeistation einen Sprengsatz zu zünden.

Auch die Bundesrepublik und ihre europäischen Partner verurteilten die Anschläge scharf. Die Attentate, besonders der Anschlag gegen die Rot-Kreuz-Zentrale, seien gegen das Interesse des irakischen Volkes gerichtet, sagte ein Regierungssprecher in Berlin. Der britische Premierminister Tony Blair machte "Terroristen und Kriminelle" dafür verantwortlich. Das französische Außenministerium sagte, es sei dringender denn je, die Souveränität des Iraks wieder herzustellen.

Fünf Iraker von US-Soldaten erschossen

Beim IKRK in Genf hieß es, es sei noch zu früh zu entscheiden, ob die Organisation ihre Mitarbeiter aus Bagdad abziehen werde. "Wir sind schockiert und verurteilen diesen Anschlag", sagte eine Sprecherin. Das Bundesinnenministerium in Berlin prüft nach eigenen Angaben, ob die vier deutschen Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) aus Bagdad abgezogen werden sollen. Die deutsche Hilfsorganisation HELP, die als eine der wenigen deutschen humanitären Organisationen noch im Irak mit internationalen Mitarbeitern vertreten ist, will ihre Arbeit fortsetzen.

In Falludscha, 70 Kilometer westlich von Bagdad, erschossen US- Soldaten nach Angaben von Augenzeugen fünf Insassen eines Kleinbusses. Die Soldaten hätten das Feuer eröffnet, nachdem in der Nähe ein Sprengsatz explodiert sei. Die Soldaten hätten wild um sich geschossen und den zufällig vorbei fahrenden Bus getroffen, berichteten Augenzeugen ausländischen Fotografen.

Wolfowitz entging Anschlag nur knapp

Bagdad wurde am Abend von einer weiteren Explosion erschüttert. Der Hintergrund war zunächst unklar. In der irakischen Hauptstadt war am Sonntag wegen des Fastenmonats die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben worden. US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz war in der Stadt am selben Tag knapp einem Raketenangriff entgangen. Bei dem Angriff auf das Hotel "Raschid" kam ein US-Oberst ums Leben.

In der Nacht zum Montag waren zwei US-Soldaten getötet und zwei weitere Amerikaner verletzt worden, als ihre Patrouille in Bagdad mit einem Sprengsatz angegriffen wurde. Ferner starb ein US- Militärpolizist bei einem Mörsergranatenangriff auf ein Gefängnis im Westen Bagdads. Zwei Soldaten wurden dabei nach US-Angaben verletzt.

Chronik der jüngsten Anschläge in Irak

Seit Monaten sind die Besatzungstruppen in Irak und ihre Einrichtungen immer wieder Ziel von Bombenanschlägen. Im folgenden eine Chronik der folgenschwersten Attentate der letzten Monate.

7. August: Ein Bombenanschlag auf die stark gesicherte jordanische Botschaft in Bagdad kostet 19 Menschen das Leben. Unter den Opfern sind auch zwei Kinder.

19. August: Vor dem UN-Hauptquartier in Bagdad explodiert eine Bombe. 23 Menschen kommen ums Leben, darunter auch der UN-Sondergesandte für Irak, Sergio Vieira de Mello.

29. August: Eine Autobombe detoniert vor einer Moschee in der Stadt Nadschaf. Mehr als 85 Menschen werden getötet. Unter den Opfern ist auch der schiitische Geistliche Mohammed Bakir el Hakim.

22. September: An einer Polizeikontrolle vor dem UN-Hauptquartier in Bagdad sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft. Er und ein irakischer Polizist kommen ums Leben. 19 Menschen werden verletzt.

25. September: Eine Bombenexplosion beschädigt ein Hotel, in dem der US-Fernsehsender NBC untergebracht ist. Ein somalischer Wachmann wird getötet, ein NBC-Mitarbeiter wird leicht verletzt.

9. Oktober: Ein Selbstmordattentäter rast mit seinem Auto in eine Polizeiwache im Bagdader Stadtteil Sadr. Mit ihm kommen neun Menschen ums Leben.

12. Oktober: Zwei Selbstmordattentäter sprengen sich vor dem Hotel "Bagdad" mit zwei Autos in die Luft. Mindestens acht Menschen kommen ums Leben, 32 werden verletzt.

14. Oktober: Ein Selbstmordattentäter sprengt sich vor der türkischen Botschaft in einem Auto in die Luft. Dabei kommen der Fahrer sowie eine in der Nähe stehende Person ums Leben, 13 Personen werden verletzt.

26. Oktober: Bei einem Raketenangriff auf das Hotel El Raschid in Bagdad, in dem US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz und seine Begleiter während ihres Irak-Besuchs untergebracht sind, wird ein US-Soldat getötet, weitere 18 Menschen werden verletzt.

27. Oktober: Ein Selbstmordattentäter bringt einen mit Sprengstoff beladenen Krankenwagen vor dem Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Bagdad zur Explosion. Zwölf Menschen sterben nach Angaben des Roten Kreuzes in Genf, darunter zwei irakische Mitarbeiter. Bei einer Serie von weiteren Detonationen kommen rund 27 Menschen ums Leben.


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