Irak-Krise "Bringt Saddam zurück!"


Die US-Politik im Irak steckt in in einer Sackgasse. Die "Los Angeles Times" schlug sogar vor, den Diktator Saddam Hussein wieder an die Macht zu bringen, um so das blutige Chaos zu beenden. Viele US-Medien erwarten eine Niederlage wie in Vietnam.

Schon beim NATO-Gipfel am Dienstag in Riga erwartet US-Präsident George W. Bush Ungemach angesichts wachsender Probleme in Afghanistan sowie skeptischer und widerborstiger Bündnispartner. Aber das dürfte ihn sicher weit weniger belasten als der Ausblick, ab Mittwoch in Amman mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki eine Antwort auf das blutige Chaos im Irak finden zu müssen. Noch schlimmer für Bush wäre es allerdings, wenn Al-Maliki, von Sunniten wie Schiiten bedrängt, das Treffen absagen, den US-Präsidenten düpieren und aller Welt den schwindenden Einfluss der USA im Irak demonstrieren würde.

In Washington wächst die Ratlosigkeit, Zeichen von Verzweiflung sind unübersehbar. Hektische Reiseaktivitäten und das hektische, parteiübergreifende "brain-storming" (Ideensuche) sind dafür Belege - wie auch der lauter werdende Ruf nach einem "starken Mann" für den Irak, nach einem Diktator mit eiserner Hand statt erfolgloser Experimente mit demokratischen Strukturen in einem arabisch- islamischen Kulturkreis.

Suche nach dem starken Mann

"Nötig ist ein starker Mann, die Demokratie ist gescheitert", meinte der Ex-Pentagon-Spitzenbeamte Joe Reeder in "Fox News". Die "Los Angeles Times" schlug sogar "das Undenkbare" vor: Saddam Hussein wieder die Macht zu übergeben, denn der "psychotische Massenmörder" habe zumindest bewiesen, dass er Irak unter Kontrolle halten könne. Schließlich "gibt es Schlimmeres als eine Diktatur, nämlich endloses Chaos und Bürgerkrieg", so die liberale Zeitung.

Bush ist in den USA einer der wenigen, der zuweilen etwas Optimismus für die Zukunft des Iraks demonstriert. Aber selbst seine große Hoffnung, dass die von Ex-Außenminister James Baker geführte, überparteiliche Arbeitsgruppe eine praktikable neue Strategie für den Irak aufzeigt, scheint zerplatzt. Die unabhängige Kommission ist laut der "Washington Post" heillos zerstritten. Die "New York Times" hatte spekuliert, dass die Baker-Gruppe empfehlen werde, Gesprächen mit den "Feinden" Iran und Syrien aufzunehmen - was nicht nur Neokonservative wie William Kristol schon jetzt als "Kapitulation" brandmarken. "Wenn wir Syrien den Libanon überlassen, Teheran erlauben, nuklear aufzurüsten und den Irak im Stich lassen... werden wir künftig weder gefürchtet noch respektiert", warnte er.

In der Sackgasse

Die US-Politik scheint in einer Sackgasse. "Ein Sieg im Irak ist nicht mehr möglich", meint selbst Ex-Außenminister Henry Kissinger, ein entschiedener Kriegsbefürworter. Aber auch Demokraten fürchten bei einem überhasteten US-Abzug neue Gefahren für den Westen. "Amerika kann keiner Nation Demokratie verordnen. Das ist die bittere Lektion", klagte der republikanische Senator Chuck Hagel. Die USA seien nun in einer "gefährlichen und isolierten Lage". Noch setzen manche - wie Senator John McCain - auf eine Truppenverstärkung. Da 80 Prozent der Gewalt im Irak auf einen 55-Kilometer-Radius um Bagdad entfielen, würde eine Truppenverstärkung um 50 000 Mann Stabilität bringen, glaubt der neokonservative Frederick Kagan.

Aber die Zweifel am Bush-Kurs selbst in seiner eigenen Partei sind enorm, auch seine Krisendiplomatie weckt Skepsis. Bush entschied erst vor wenigen Tagen, dass er trotz zahlreicher Video-Telefongespräche mit Al-Maliki diesen nun persönlich treffen wolle. "Nichts ersetzt die direkte Begegnung", begründete US-Sicherheitsberater Stephen Hadley den Nahost-Abstecher Bushs - bezeichnenderweise aus Sicherheitsgründen in der jordanischen Hauptstadt statt in Bagdad.

In Erwartung der Niederlage

Bush wird auf einen irakischen Regierungschef treffen, dessen dünne Machtbasis US-Analysen zufolge weiter zerbröckelt. Am Samstag warnte auch der mächtige Schiitenführer Muktada al-Sadr, einer der fragilen Stützen der Koalition von Al-Maliki, den Ministerpräsidenten zornig, Bush zu treffen. In Amman werden sich ein wohl ein ratloser Präsident und ein hilfloser Regierungschef gegenüber sitzen.

Die Furcht in den USA, im Irak ebenso kläglich zu scheitern wie in Vietnam vor 30 Jahren, wächst täglich. "Die Invasion im Irak wird in die Geschichte eingehen als eine nationale Sünde mit epischen Ausmaßen", schrieb Prof. Rosa Brooks in der "Los Angeles Times". "Alles was wir tun können, ist zu gehen und uns zu entschuldigen für den schrecklichen Schaden, den wir angerichtet haben."

Laszlo Trankovits/DPA


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker