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IS-Terror: Warum sind die Dschihadisten so schwer zu besiegen?

Rivalität von Sunniten und Schiiten, Konflikt von Türken und Kurden: Politische Faktoren behindern massiv den Kampf gegen den IS. Doch auch militärisch ist es schwer, die Terroristen zu stoppen.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat hat binnen weniger Monate große Gebiete in Syrien und dem Irak unter ihre Herrschaft gezwungen. Dass ihr bisher niemand überzeugend Einhalt geboten hat, hat sowohl politische als auch militärische Gründe.

Warum ist es immer noch so schwierig, den IS militärisch zu besiegen, obwohl sich nun sogar die USA am Kampf gegen die Terroristen beteiligen?

Die USA und ihre Verbündeten haben relativ lange abgewartet. In dieser Zeit ist es der Terrorgruppe nicht nur gelungen, Freiwillige aus aller Welt zu mobilisieren, sondern auch große Gebiete zu besetzen und schwere Waffen zu erbeuten. Außerdem schließt die Anti-IS-Allianz den Einsatz von Bodentruppen bisher kategorisch aus. "Alleine mit Luftstreitkräften wird ein Sieg gegen den IS aber nicht gelingen, denn die Terroristen haben sich bei ihrem Vormarsch ganz geschickt auf die Zentren entlang der Flüsse konzentriert, wo sie sich unter der Bevölkerung verstecken können", erklärt der Vizepräsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), Brigadegeneral a.D. Armin Staigis.

Das sehen auch die USA so: Im syrischen Bürgerkrieg fehle aber derzeit ein "williger, fähiger, effektiver Partner", um es mit der IS-Miliz am Boden aufzunehmen, konstatierte das Pentagon kürzlich.

Die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), die syrischen Kurden-Milizen, kurdische Bürgerwehren und die kurdischen Peschmerga im Irak kämpfen vor Ort gegen den IS. Könnten sie die Bodentruppen sein, die diese Luftangriffe flankieren?

Ja, aber diese Truppen sind zum Teil in einem desolaten Zustand, was Bewaffnung und militärische Ausbildung angeht. Das gilt in besonderem Maße für die FSA, die ja in den vergangenen Jahren sowohl von den Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad bekämpft wurde, als auch von radikalen Islamisten-Brigaden. Bis die Ausbildung und Aufrüstung dieser Truppen Wirkung zeigt, dürften nach Einschätzung von Experten noch einige Jahre vergehen. Deshalb hat US-Präsident Barack Obama auch davor gewarnt, im Kampf gegen den IS schnelle Erfolge zu erwarten.

Die USA wollen innerhalb eines Jahres rund 5000 moderate syrische Rebellen für den Kampf gegen die Dschihadisten ausbilden und ausrüsten. Generalstabschef Martin Dempsey räumte Ende September aber ein, dass eher bis zu 15.000 vom Westen unterstützte Rebellen benötigt würden, um die vom IS kontrollierten Gebiete im Osten Syriens zurückzuerobern.

Wichtigste Kraft im Widerstand gegen den IS im Irak sind die Peschmerga-Milizen. Die insgesamt rund 100.000 Kämpfer wachsen mehr und mehr zu einer klassischen Armee zusammen. 100.000 bilden den militärischen Arm, die weiteren 30.000 sind eine dem Innenministerium im nordirakischen Autonomiegebiet unterstellte Polizeitruppe. Der militärische Teil befindet sich allerdings noch im Umbau: Erst ein Drittel wurde bisher vom Peschmerga-Ministerium in Brigaden organisiert. Der Rest unterteilt sich nach wie vor in von Parteien kontrollierte Guerilla-Einheiten. Mittlerweile unterstützen viele Staaten die Peschmerga mit Waffenlieferungen im Kampf gegen den IS. Auch Deutschland liefert Waffen aus Bundeswehrbeständen.

Was sind die potenziellen Ziele für die Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeten?

Hauptziele sind IS-Kommandeure und Transporte mit schwerem militärischen Gerät durch unbewohntes Gebiet. Die IS-Kommandeure sind allerdings nur dann gut zu identifizieren, wenn man auch geheimdienstliche Informationen aus dem Konfliktgebiet hat. Das ist im Moment jedoch schwierig, weil westliche Geheimdienste kaum eigene Quellen dort haben und die Angaben lokaler Dienste oft mit Vorsicht zu genießen sind. IS-Militärkolonnen zu bombardieren ist schwierig, wenn sich die Terroristen bei Nacht bewegen.

Wie sieht es in der umkämpften syrischen Stadt Kobane aus?

"Die jüngsten Luftangriffe der Amerikaner im Raum Kobane sind eine positive Entwicklung, denn es hat sich gezeigt, dass sie in unbewohnten Gebieten schon in der Lage sind, dem IS erheblich zu schaden, vor allem wenn die Terroristen dabei sind, großes Gerät in eine neue Stadt zu verlegen", sagt BAKS-Vize Staigis. Dennoch konnten die Dschihadisten bislang nicht gestoppt werden. Seit Tagen gibt es erbitterte Straßenkämpfe in der Stadt. Mittlerweile soll der IS Aktivisten zufolge die Kommandozentrale der kurdischen Streitkräfte eingenommen haben. Die Eroberung von Kobane wäre für den Islamischen Staat strategisch wichtig. Er würde damit nicht nur ein großes zusammenhängendes irakisch-syrisches Gebiet, sondern auch weite Teile der Grenze zur Türkei kontrollieren.

Welche Rolle spielt die irakische Armee im Kampf gegen den IS?

Die irakische Armee hat im Moment vor allem den Auftrag, ein Vorrücken von IS-Milizen nach Bagdad zu verhindern. Dass die irakischen Truppen, deren Loyalität zur neuen Regierung auch nicht immer vollständig garantiert werden kann, die Terroristen aus dem Nordirak vertreiben werden, ist eher unwahrscheinlich. Medienberichten zufolge zählen sie mehr als 250.000 Soldaten, besitzen rund 400 Panzer und verfügen über Kampfjets und -hubschrauber. Gerade die Luftwaffe erweist sich jedoch als besonders schwach. Obwohl die Armee die Lufthoheit im Irak hat, konnte sie den IS bislang nicht stoppen. Luftwaffe und auch die regulären Bodentruppen sind nicht ausgebildet, um gegen Aufständische vorzugehen. Zudem fehlt es an Aufklärungsfähigkeiten.

Auch der Führung der Armee stellen Experten ein schlechtes Zeugnis aus. Der schiitische Ex-Regierungschef Nuri al-Maliki besetzte wichtige Posten mit Gefolgsleuten, nicht nach Qualifikation.

Besonders schlimm steht es um die Moral der irakischen Soldaten. Sie ist so schlecht, dass ganze Divisionen vor den Extremisten flüchteten. Uniformen und Ausrüstung ließen sie zurück. Jede vierte Kampfeinheit ist laut einem US-Militärexperten nicht mehr einsatzfähig. Sie wieder neu aufzustellen sei eine "Mammutaufgabe".

Immerhin verfügt der Irak über spezielle "Anti-Terror-Einheiten" mit einigen Tausend Mann. Sie sind nach Einschätzung eines weiteren US-Militärexperten sehr fähig.

Was bedeutet das alles für uns?

"Wir werden mit dieser Gesamtlage noch längere Zeit leben müssen", vermutet Staigis. Denn die Erfahrungen nach den letzten Militärinterventionen in Afghanistan und im Irak hätten gezeigt, "dass der militärische Sieg oft leichter zu bewerkstelligen ist, als die anschließende politische Konsolidierung".

Wer immer gegen den Islamischen Staat vorgeht, wird also einen langen Atem brauchen. Militärische Macht allein dürfte dabei nicht ausreichen. Der IS will die alte politische Ordnung zerstören und einen eigenen Staat aufbauen, den er "Islamisches Kalifat" nennt, und fasziniert mit dieser Idee vor allem jüngere Muslime. Wer ihn besiegen möchte, muss auch seine Vision zerstören.

mad/Anne-Beatrice Clasmann, DPA / DPA