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Interview

Deutscher IS-Kämpfer: "Ich habe niemals einem Menschen den Kopf abgeschlagen"

Der stern sprach in Syrien mit einem der ranghöchsten deutschen IS-Kämpfer. Der Mann nannte sich "Nihad" - doch alle Hinweise deuten daraufhin: Es ist Martin Lemke.

IS-Kämpfer Martin Lemke: "Ich habe niemanden geköpft"

Seine Gesichtszüge sind hager, seine Haare rasiert, er ist offensichtlich stark geschwächt. "Nihad" sitzt in Einzelhaft, bewacht von den kurdischen Kämpfern der Syrisch-Demokratischen Einheiten (SDF). stern-Reporter Steffen Gassel sprach eine Stunde lang mit dem Mann aus Sachsen-Anhalt, der bestätigte, sich länger in Leipzig aufgehalten zu haben, bevor er sich im November 2014 dem Islamischen Staat anschloss. Der stern geht davon aus, dass es sich bei dem Mann um den Deutschen Martin Lemke handelt - auch, wenn er dies im Gespräch nicht direkt bestätigen wollte. Durchaus bestätigt hat er aber seinen arabischen Kampfnamen "Abu Yasir al-Almani". Lemke soll als Mitglied der Sittenpolizei und des Geheimdienstes zur Führungsriege des IS-Kalifat gehört haben. Auch an Hinrichtungen soll er laut Aussagen anderer Kämpfer beteiligt gewesen sein.

"Nihad" über seinen Job beim IS-Geheimdienst

Angesprochen auf seine Rolle beim IS und seine eigenen Postings, in denen er das Köpfen eines Menschen verkündet, sagt der Deutsche: "Ich habe niemals einem Menschen den Kopf abgeschlagen." Zu seiner Rolle bei der islamischen Sittenpolizei erzählt er: "Ich war nur zehn Tage bei Hisbah, dann wurde ich dort weggenommen, weil ich es körperlich nicht schaffte. Ich war damals zehn Tage im Krankenhaus." Dass er beim Geheimdienst es IS beschäftigt war, bestätigt "Nihad": "Viele hassen den Geheimdienst, und ich selber hasse ihn mehr als die anderen. Wenn jemand sagt, ich war ein ranghohes Mitglied, hat er keine Ahnung. Ich war in einem technischen Büro und das war's. Meine Arbeit war mit Laptops und Handys. Ich habe Laptops formatiert, repariert, und Handys, USB-Sticks verschlüsselt, WhatsApp installiert." Er erzählt, dass es damals keinen anderen Deutschen beim Geheimdienst gab, er war der einzige. Jedoch bestritt er, bei Hinrichtungen in Raqqa mitgewirkt oder gefoltert zu haben – was ein Zeuge jedoch ausgesagt hat: "Dieser Mann ist ein Lügner. Ich war niemals in diesem Gefängnis. Ich habe niemals einen Menschen gefoltert. Ich war selber im Gefängnis und wurde schlecht behandelt."

Neben "Nihad" wurden auch zwei seiner Ehefrauen von den kurdischen Kämpfern gefangen genommen – darunter die inzwischen 19-jährige Leonara aus Sangershausen, die als 15-Jährige nach Syrien reiste, um sich dem IS anzuschließen. Sie wurde "Nihads" dritte Ehefrau. Er sagte zu den Vorwürfen, er habe sich am Sklavenhandel mit jesidischen Frauen beteiligt: "Für 800 Dollar habe ich sie weggeholt." Das Geld habe er einem ausländischen IS-Kämpfer gezahlt: "Ein Afrikaner, er hat sie geschlagen." Die Frau und ihre zwei Kinder seien in einem "schlechten Zustand" gewesen: "Wie sie heißt, weiß ich nicht. Ich habe nie mit ihr geredet." Er habe sie ins Krankenhaus gebracht, nach zwei Monaten habe er sie an einen Mitarbeiter dort übergeben, der sie zu ihrer Familie zurück bringen wollte. Zu der Frage, wie er sich zu der Tatsache stellt, dass der Islamische Staat offiziell Sklaven gehalten hat, antwortet der Deutsche: "Der IS hat viele verrückte Einstellungen und Ideologien. Was ich gelernt habe, die Sklavin im Islam, sie hat ein Recht auf Medizin, auf gute Behandlung. Das ist der Punkt, wo wir geholfen haben." Er selber, sagt "Nihad", habe die Frau nicht als Sklavin bezeichnet: "Was ich machen konnte, habe ich gemacht."

"Nihad" bietet Sicherheitsdiensten Hilfe an

"Nihad" will nun aus dem Stützpunkt der SDF-Miliz, in dem er gefangen gehalten wird, eine Botschaft an die Sicherheitsdienste nach Deutschland senden: "Ich möchte mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten, ich möchte helfen, ich möchte dafür arbeiten."

Sehen Sie hier das Video mit dem deutschen IS-Kämpfer "Nihad" alias Abu Yasir al-Almani.

tkr