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Nach Syrien und dem Irak: Warum der IS auch in Pakistan auf dem Vormarsch ist

24 Menschen kamen am Samstag beim jüngsten Anschlag einer IS-nahen Terrorgruppe im pakistanischen Kurram-Tal ums Leben. Die Tat wirft die Frage auf, ob es die Terrormiliz schafft, sich künftig auch in Pakistan zu etablieren. 

Männer löschen nach einer Bombenexplosion ein brennendes Auto

Bei dem Anschlag auf einen Markt im Kurram-Tal in Pakistan starben 24 Menschen. Hier löschen Männer ein brennendes Auto

Es war einer der größten Anschläge in Pakistan in diesem Jahr. Und einer der grausamsten: Er traf vor allem Frauen, die auf einem Markt Winterkleidung kauften. 24 Menschen starben bei dem Bombenanschlag im Kurram-Tal im Nordwesten des Landes am Sonntag. Zu der Tat bekannte sich die Extremistengruppe Lashkar-e Jangvi al-Almi, die mitteilte, man habe Schiiten treffen wollen. Die sunnitische Vereinigung ist für einen Großteil der konfessionellen Gewalt in Pakistan verantwortlich. Das Kurram-Tal wird vorwiegend von Schiiten bewohnt und war schon oft Ziel von Anschlägen. So weit nichts Neues. 

Allerdings hat Lashkare-Jangvi al-Almi im Frühjahr auch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Gefolgschaft geschworen. Und die Rechtfertigung, die die Gruppe für den Anschlag gebrauchte, weist in eine beunruhigende Richtung: Man habe Rache nehmen wollen dafür, dass Schiiten aus Kurram als Söldner in Syrien für das Regime von Präsident Baschar al Assad kämpften. Und somit gegen den IS. 

Kann sich der IS in Pakistan festsetzen

Der Anschlag wirft die Frage auf, ob der IS es schafft, sich nach Syrien und dem Irak nun auch in Pakistan festzusetzen.

Der pakistanische Innenminister Nisar Ali Khan sagt regelmäßig, der IS sei nicht in Pakistan präsent. Das pakistanische Militär wiederum betont, man fahre eine Null-Toleranz-Politik. Bei jüngsten Militäroffensiven habe man auch IS-Kämpfer erwischt. Seitdem vor fast genau einem Jahr Islamisten eine von der Armee betriebene Schule in der nordwestpakistanischen Stadt Peshawar überfielen und mehr als 130 Kinder töteten, geht die pakistanische Armee recht energisch gegen Islamisten vor. Das ist auch erfolgreich. Die Zahl der Anschläge und zivilen Todesopfer ging im Jahr 2015 stark zurück. 

Allerdings richteten sich die Operationen vor allem gegen Taliban-Gruppen - jene islamistische Kämpfer, die in den vergangenen Jahren schwere Angriffe auf den Staat verübt hatten, unter anderem auf die Armeeschule im Dezember vergangenen Jahres. 

Weitere Taliban-Gruppen könnten sich dem IS anschließen

Sie richteten sich weniger gegen jene Extremisten, unter denen der IS in den vergangenen Monaten zunehmend Unterstützer gefunden hat: sunnitische Gruppen, die sich auf den interkonfessionellen Kampf gegen die schiitische Minderheit im Land konzentrieren. Lashkar-e Jangvi ist die bisher größte Gruppe, die dem IS Gefolgschaft geschworen hat. Weitere kleinere Gruppen sind die in der Großstadt Karachi beheimateten Ansar ul-Khalifa und Abtal ul-Islam sowie die Jundullah-Gruppe aus der südwestpakistanischen Provinz Baluchistan.  

Diese Gruppen böten dem Islamischen Staat einen fruchtbaren Boden, sagt der Sicherheitsanalyst Hussein Soharwordi, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Peshawar. "Hier kann er durch seine Narrative vom Heiligen Krieg der Sunniten gegen die Schiiten Punkte machen." Und er könne weitere Anhänger finden. Es bestehe vor allem die Gefahr, dass versprengte Mitglieder der jüngst vom Militär zerschlagenen Taliban-Gruppen sich nun einfach dem IS anschlössen. 

Weniger Toleranz gegenüber islamistischer Gewalt

Der pakistanische Taliban-Kommandeur Shahidullah Shahid hatte das im vergangenen Jahr bereits getan. Bald darauf wurde er durch eine Drohne getötet. In diesem Jahr hat der IS den pakistanischen Taliban-Kämpfer Hafiz Said Khan zu seinem Stellvertreter in der Region ernannt. Er sei aber von Militäroffensiven über die Grenze nach Afghanistan getrieben worden, hieß es aus Sicherheitskreisen. 

Viele Pakistaner sagen, sie hätten es satt, als Terrorexportland Nummer Eins wahrgenommen zu werden. "Wir kämpfen uns aus diesem Schlamassel heraus!", sagen sie. Das Schulmassaker vor einem Jahr habe viel dazu beigetragen, dass alle Toleranz gegenüber islamistischer Gewalt aus der Gesellschaft verschwunden sei. Zu den eigenen Altlasten in Sachen Extremismus mit dem Islamischen Staat nun noch eine neue hinzuzufügen - undenkbar. 

Das Pew-Recherche-Institut hat aber erst vor einem Monat in einer Studie eine beunruhigende Entdeckung gemacht. Pew hatte unter Muslimen in elf Ländern nach der Einstellung zum IS gefragt. Überall lehnte eine überwältigende Mehrheit die Terrormiliz ab. In Pakistan waren es nur rund 30 Prozent. 62 Prozent hatten keine Meinung.

mod / DPA