Israel
Spermien-Entnahme nach Tod: Wie gefallene Soldaten noch Väter werden

Israel: Yotam Haim war Geisel der Hamas
Yotam Haim war Geisel der Hamas und wurde auf der Flucht aus dem Gazastreifen versehentlich von israelischen Soldaten erschossen. Jetzt wird er vielleicht noch Vater
© Picture Alliance

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Von über 250 gefallenen israelischen Soldaten wurde seit dem 7. Oktober nach ihrem Tod Sperma entnommen, um damit Kinder zu zeugen. Jetzt hat ein Gericht eine Zeugung erlaubt.

Iris Haim kennt den Schmerz, den der Verlust des eigenen Kindes bedeutet, in seiner ganzen Grausamkeit. Ihr Sohn Yotam war 28 Jahre alt, als er am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen aus dem Kibbuz Kfar Azza in den Gazastreifen verschleppt wurde. Später gelang ihm die Flucht, und er irrte fünf Tage lang gemeinsam mit zwei weiteren Geiseln durch den Gazastreifen – bis sie irrtümlich von israelischen Soldaten erschossen wurden.

Seine Eltern veranlassten damals, dass dem Leichnam ihres Sohnes Spermien entnommen werden, um sich die Möglichkeit zu erhalten, einen Enkel zu bekommen.

Israel: Vor dem 7. Oktober in Einzelfällen angewendet

Das ist ein Vorgehen, das in Israel schon lange Praxis ist – aber nur in Einzelfällen angewendet wurde. So berichteten die Medien in diesen Tagen von der elfjährigen Veronika Roshkov, die das Grab ihres Vaters besuchte. Der Soldat war 2002 bei einem Terrorattentat getötet worden. Die Mutter kämpfte jahrelang um die Genehmigung, dass mit den eingefrorenen Spermien ihres Sohnes und einer Leihmutter ein Kind gezeugt wird. 2017 war es soweit, und Veronika erblickte das Licht der Welt.

Die Eltern von Yotam, Iris und Raviv Haim, haben jetzt ebenfalls die Chance, dass ihr Sohn post mortem ein Kind zeugt – und auf diese Weise etwas von ihm weiterlebt. Ein Familiengericht in Beersheba entschied, dass eine künstliche Befruchtung bei einer Leihmutter stattfinden darf. „Hamas und Hitler wollten uns vernichten“, sagte Iris Haim nach der Entscheidung der Zeitung „Times of Israel“. „Technik kann uns helfen, neues Leben zu schaffen. Es bedeutet, dass wir uns mit dem Geschehenen auseinandersetzen und das Leben wählen.“ 

Es sind die eindringlichen Worte einer Mutter, die ein soziales Phänomen in Israel beschreiben. Die postmortale Spermienentnahme bei gefallenen Soldaten ist nach dem Massaker des 7. Oktober und dem folgenden Gazakrieg stark angestiegen. Bei 253 Gefallenen und 21 Zivilisten wurde die Entnahme bisher durchgeführt. In über 80 Prozent der Fälle waren es die Eltern, die die Maßnahme veranlassten, in den übrigen die Lebenspartner. 

Hürden für Nutzung des Spermas bleiben hoch

Dennoch bleiben die Hürden für eine künstliche Befruchtung mit entnommenem Sperma hoch. Früher sah die gesetzliche Regelung vor, dass lediglich Lebenspartner eine Entnahme veranlassen durften. Nach dem 7. Oktober reagierte die Regierung zügig und gestattete auch Eltern mit einer Sonderregelung, die Spermien ihrer Söhne sichern zu lassen. Für eine künstliche Befruchtung braucht es weiterhin eine richterliche Genehmigung – und das kann dauern. Und schließlich benötigt es eine Leihmutter, wenn keine Partnerin des Gefallenen das Kind austrägt. 

Ein großes Hindernis für Eltern und Lebenspartner bleibt der Nachweis, dass der Sohn zu Lebzeiten tatsächlich einen Kinderwunsch hatte. Das dürfte nicht immer leicht sein, gerade wenn die Gefallenen erst um die 20 Jahre alt waren. Nicht jeder junge Mann, der gerade mal volljährig geworden ist, äußert explizit vor Eltern, Angehörigen oder Freundinnen einen Kinderwunsch oder hat konkrete Pläne.

Iris und Raviv Haim berichteten, dass sie in der entscheidenden Sitzung vor dem Richter den Kinderwunsch ihres Sohnes überzeugend darlegten. Dass die Genehmigung des Antrages auf künstliche Befruchtung nur 15 Monate insgesamt in Anspruch nahm, haben die Haims wohl ihrer Prominenz zu verdanken. Das vermuten sie selbst. 

Prozess soll beschleunigt und automatisiert werden

Ihre Beliebtheit in Israel verdanken sie ihrem Verhalten nach dem Tod von Yotam. Statt die Soldaten und die israelische Armee nach dem Tod ihres Sohnes zu verurteilen, taten die Haims genau das Gegenteil: Sie trafen die Soldaten der Einheit, die ihren Sohn irrtümlicherweise erschossen hatte, und gaben ihnen keine Schuld, sondern trauerten gemeinsam. Besonders Iris Haim ist seitdem berühmt und beliebt. Für andere gilt: Häufig lehnt der Generalstaatsanwalt Anträge auf künstliche Befruchtung ab, oder es dauert Jahre bis zu einer Entscheidung. Seit dem 7. Oktober wurden erst drei Genehmigungen gewährt.

Die Ärztin Bella Savitsky, Professorin am Ashkelon Academic College, plädiert dafür, das komplette Verfahren zu beschleunigen und per Gesetz zu regeln. Die aktuelle Regelung, dass auch Eltern die Spermienentnahme veranlassen dürfen, muss Monat für Monat erneuert werden.

Zudem soll der Prozess der Spermienentnahme beschleunigt werden. Savitsky setzt sich dafür ein, Soldaten bei der Einberufung zu fragen, ob sie grundsätzlich dazu bereit seien. Das geschieht bisher nicht. Ist ein Soldat gefallen, müssen die Hinterbliebenen entscheiden. Die Gefallenen müssen zuvor geborgen und identifiziert werden.

Das kostet wertvolle Zeit. Die medizinische Empfehlung lautet, bis 36 Stunden nach dem Tod das Sperma zu entnehmen. Danach ist es nicht mehr brauchbar. Die Art des Todes und wie schnell der Leichnam gekühlt wird, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle für Qualität und Haltbarkeit der Spermien.

Savitsky weiß, wovon sie spricht. Ihr Sohn Jonathan fiel am 7. Oktober. Es dauerte 48 Stunden, seinen Leichnam zu identifizieren, zehn Stunden nahm die Bearbeitung ihres Antrags in Anspruch, den die Eltern vor Inkrafttreten der Sonderregelung noch stellen mussten. Insgesamt vergingen so 70 Stunden bis zur Entnahme. Es war zu spät, die Spermien waren unbrauchbar.

Quellen:Times of Israel”, „Haaretz“, „Ynet“, „taz

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