VG-Wort Pixel

Jagd nach dem Top-Terroristen Wo steckt Osama bin Laden?


Seit Jahren wird der Chef der Terrororganisation al Kaida gejagt. Aber weder Spezialeinheiten noch verwirrte Einzelkämpfer konnten Osama bin Laden bislang aufspüren. Eine Chronologie.
Von David Weyand

Bewaffnet nur mit einem Dolch, einem Schwert und einer Pistole wandert Gary Faulkner, 50, über Berge und durch Täler im pakistanischen Teil des Hindukusch nahe der afghanischen Grenze. Etwas ungewöhnlich ist auch das sonstige Reisegepäck des bärtigen Kaliforniers. Er trägt Nachtsichtgläser, eine Nachtsichtkamera und christliche Bücher bei sich. Faulkner ist auf einer heiklen Mission: hinter jedem Hügel, in jeder Steinhöhle könnte das Böse lauern. Auf eigene Faust will er den Mann aufspüren, den Tausende Geheimdienstler und Militärs seit neun Jahren vergeblich suchen: Osama bin Laden, der vermeintliche Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001. Kurz vorm Übertritt an der grünen Grenze in die afghanische Provinz Nuristan stoppen pakistanische Soldaten den wagemutigen James-Bond-Verschnitt im Juni diesen Jahres.

So absurd diese Geschichte auch klingt, sie passt zum Verschwinden und zur Suche nach dem Terrorführer. Was ist eigentlich über den Verbleib bin Ladens bekannt? Was gibt es für Vermutungen, was ist tatsächlich bestätigt?

Der Organisator des Terrors

Ab 1996 lebte bin Laden dauerhaft in Afghanistan. Hier fand er Unterschlupf, hier konnte er seine Terrorpläne aushecken. Die radikal-islamischen Taliban kontrollierten weite Teile des kriegsgeschüttelten Landes und al Kaida nutzte die Instabilität, um ungestört rund 50 Terrorcamps zu errichten. Wie viele tausend andere Gotteskrieger absolvierten auch Mohammad Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah, die drei kurzzeitig in Hamburg lebenden Terrorpiloten vom 11. September, dort eine paramilitärische Ausbildung. Vermutlich trafen sie dort auch Osama bin Laden und erhielten von ihm persönlich den Auftrag für die Anschläge. Zu dieser Einschätzung kommen jedenfalls die USA, beweise gibt es dafür nicht. Ihre Antwort ist jedenfalls eindeutig: "Operation Enduring Freedom". Mit Bomben und Drohen, vielen Zehntausend Soldaten und Spezialkräften bekämpfen sie seitdem al Kaida, zerstören ihre Terrorcamps und jagen Osama bin Laden.

Offenbar waren sie ihm schon sehr dicht auf den Fersen. Sie vermuteten den Terrorführer im unwegsamen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, dort wo ihn neun Jahre später auch Gery Faulkner suchen wollte. Ein ehemaliger Offizier der Delta Force, einer Spezialeinheit der US-Armee, sagte dem amerikanischen TV-Sender CBS, seine Männer hätten den Auftrag gehabt, bin Laden zu töten. Sie hätten seine Begleitgruppe bereits Ende November 2001 gesichtet, dann sei er aber entkommen. Im Dezember 2001 umkreisten amerikanische Elitesoldaten und afghanische Verbündete die künstlich angelegte Bergfestung Tora Bora im Osten des Landes nahe des Kyber-Passes. Nach tagelangen schweren Gefechten schlugen sie die Verteidiger nieder, konnten ihn aber trotz intensiver Suche, die sich bis in den Januar 2002 zog, auch nicht finden.

Spurlos verschwunden

Seitdem ist bin Ladens genauer Aufenthaltsort unbekannt. Allerdings gab es immer wieder Gerüchte, dass er nach Pakistan geflohen sei. Dort hält er sich möglicherweise im Grenzgebiet zu Waziristan auf. Im Februar 2004 hieß es beispielsweise, er befinde sich mit Gefolgsleuten in einem Berggebiet nahe der Stadt Quetta, was Pakistan und die USA aber umgehend dementierten. 2009 berichtet die "New York Daily News", die Suche nach Bin Laden konzentriere sich auf die pakistanische Region Chitral, unmittelbar an der Grenze zu Afghanistan.

Lebt Osama bin Laden überhaupt noch? Genauso, wie es immer wieder neue Meldungen über mögliche Aufenthaltsorte gab, so gab es auch Gerüchte, er sei längst tot. Erstmals behauptete dies ein namentlich nicht bekannter Talibanführer gegenüber einer pakistanischen Zeitung. Demnach sei bin Laden im Dezember 2001 an einer unbehandelten Lungenerkrankung gestorben und nahe Tora Bora beerdigt worden. Bekannt ist jedenfalls, dass bin Laden schon vor dem 11. September 2001 an einer Nierenkrankheit litt und regelmäßig auf eine Dialyse angewiesen war. Ob er die lebenswichtige Blutbehandlung auch auf einer jahrelangen Flucht bekommen konnte, ist fraglich.

Afghanistans Präsident Hamid Karzai sagte im Oktober 2002 in einem CNN-Interview, er glaube bin Laden sei nicht mehr am Leben. Die Regierung Pakistans äußerte ebenfalls Zweifel daran. Präsident Zardari sagte dem "Telegraph" aus London 2009, seine Sicherheitskräfte hätten keine Hinweise auf den Verbleib des Terrorführers. Diese Aussage ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, gilt es doch als erwiesen, dass der pakistanische Geheimdienst gute Kontakte zu radikalen Islamisten pflegt und möglicherweise auch eigene Interessen verfolgt. Im Dezember 2009 gab US-Verteidigungsminister Robert Gates zu, dass man seit Jahren keine gesicherten Informationen zum Aufenthaltsort habe.

25 Millionen Dollar Kopfgeld

Gegen die Todesnachrichten sprechen unterschiedliche Videobotschaften, die in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht wurden. Weißer Turban, langer Bart und in ein beiges Gewand gehüllt, meldet sich bin Laden etwa zum 6. Jahrestag der Anschläge vom 11. September zu Wort. Er spricht darin über den Wahlsieg des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy im Mai 2007 und über den drohenden Klimawandel. Das signalisiert die Aktualität seiner Worte. Auch im September 2009 kursiert ein Video auf dem vermeintlich bin Laden als Standbild zu sehen ist und worin er sich an die Europäer wendet und sie auffordert, ihre Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen. Vorerst zuletzt veröffentlichte al Kaida im Juni dieses Jahres ein Tonband, auf dem seine Stimme zu hören sein soll. Die Echtheit dieser und anderer Botschaften ist aber unklar.

Die USA geben der Suche nach ihrem Topfeind wohl nur noch wenig Erfolgschancen. Zwar steht bin Laden weiterhin auf der FBI-Liste der meistgesuchten Verbrecher, aber eine spezielle CIA-Einheit, die seit 1996 nichts anderes als die Suche nach dem Terrorführer zur Aufgabe hatte, wurde 2005 aufgelöst. Das Kopfgeld in Höhe von 25 Millionen Dollar (20 Millionen Euro) steht aber noch. War dies vielleicht Gary Faulkners Motiv, als er im Juni durch die pakistanischen Berge stapfte? Vielleicht wollte er sich aber auch nur persönlich für die Anschläge in New York und Washington rächen? Sicherheitskräften sagte er nach seiner Festnahme, dass Gott persönlich ihm den Auftrag gab.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker