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Rede in Ankara Fall Khashoggi: "Erdogan setzt darauf, das saudische Herrscherhaus zu zermürben"


Im Fall des getöteten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi sind auch nach der Rede Recep Tayyip Erdogans viele Fragen offen. Zeitungskommentatoren glauben, dass der türkische Präsident neben der Aufklärung auch noch andere Interessen verfolgt. Die Presseschau.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte angekündigt, die "nackte Wahrheit" im Fall des getöteten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi zu enthüllen. Nach seiner mit Spannung erwarteten Rede bleiben jedoch etliche Fragen offen. Insbesondere äußerte sich Erdogan nicht dazu, wie genau Khashoggi zu Tode kam und wer hinter dem Verbrechen im Istanbuler Konsulat Saudi-Arabiens steckt. Auch angebliche Audio- und Videoaufnahmen der Tat erwähnte er nicht (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen).

Kommentatoren deutschsprachiger Zeitungen glauben, dass hinter der Rede Erdogans mehr steckt als Aufklärungswille.

Pressestimmen zum Fall Jamal Khashoggi

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Jamal Khashoggis Tod dürfte die türkische Führung aufrichtig erschüttern. Der saudische Publizist hatte Verbindungen in höchste Regierungskreise; als er verschwand, verständigte seine Freundin einen Berater des türkischen Präsidenten. Die mutmaßliche Ermordung Khashoggis im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ist außerdem peinlich für Ankara. Die Tat lässt die Türkei schwach aussehen, unfähig, auf ihrem Territorium für Sicherheit zu sorgen. Zugleich ist die Affäre außenpolitisch nützlich für Erdogan. Gerade im Westen ist sein Ansehen schwer angeschlagen, dort gilt er vielen als launischer, zuweilen erratischer Autokrat, der Oppositionelle einsperren lässt. Nun aber soll ein saudisches Killerkommando einem Dissidenten mit der Knochensäge zu Leibe gerückt sein; da erscheint der türkische Staatschef gleich in milderem Licht."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Sehr viel schlauer ist man nach der Rede des türkischen Präsidenten nicht. Die Details im Fall Khashoggi, die Erdogan angekündigt hatte, lieferte er nicht. So steht eigentlich nur einigermaßen sicher fest, dass der saudische Journalist im Istanbuler Konsulat seines Landes ums Leben kam. Ob das die ungewollte Folge einer Schlägerei war, wie das jetzt in Riad dargestellt wird, oder ein gezielter, noch dazu barbarisch verübter Mord, wie es türkische Berichte nahelegen, lässt sich von außen nicht seriös beurteilen. Unwahrscheinlich erscheint allerdings, dass die Saudis auf Erdogans Forderung eingehen, den Verdächtigen in der Türkei den Prozess zu machen."

"Frankfurter Rundschau": "Entgegen seiner vollmundigen Rhetorik überzeugte Recep Tayyip Erdogan auch diesmal nicht als Menschheitsgewissen, Journalistenbeschützer und staatsmännischer Aufklärer, sondern präsentierte sich erneut als Meister des doppelbödigen Machtpokers. Aus Sicht der türkischen Führung ist der Schaden im Verhältnis zu Saudi-Arabien nur noch zu begrenzen, wenn Mohammed bin Salman als Thronfolger gehen muss. Und so setzt Erdogan darauf, das Herrscherhaus durch Enthüllungen und internationale Empörung zu zermürben."

"Badisches Tagblatt" (Baden-Baden): "Erdogan hat auch gestern nicht alles gesagt, was er vermutlich weiß, er hat wiederum nur angedeutet, was der türkische Geheimdienst gegen Mohammed bin Salman und dessen Auftragsmörder in der Hinterhand hat. Und alle Erklärungsversuche aus Saudi-Arabien wirken, kaum veröffentlicht, fast umgehend nur noch peinlich. Das Königshaus ist in der Defensive – und wird nicht so schnell aus ihr herauskommen, wenn es nicht bereit ist, große Opfer zu bringen. Welche Opfer Erdogan dabei im Sinn hat, ist noch unklar."

"Neue Zürcher Zeitung": "Man kann Erdogan sicher zugutehalten, dass er am Dienstag in seiner Rede vor dem türkischen Parlament den Mord an Khashoggi – viel klarer und schärfer als alle anderen Staatschefs bisher – "politisch" und "barbarisch" nannte. Doch zu glauben, dass der Machtmensch Erdogan dies allein im Sinne der Wahrheitsfindung tat, wäre naiv. Tatsächlich streiten die Türkei und Saudi-Arabien schon seit langem um die Vorherrschaft im sunnitisch-muslimischen Lager des Nahen Ostens. (...) Vor dem Hintergrund dieses Machtkampfs ist der Skandal um Khashoggi für Erdogan pures politisches Kapital. Solange Saudi-Arabiens Kronprinz im Westen seinen Glanz verliert, kann sich der türkische Präsident dem Westen als verlässlicherer und zivilisierterer Partner präsentieren."

wue AFP

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