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Kampf um Pandschir-Tal Taliban rücken vor – Widerstand hat angeblich 1000 Kämpfer eingeschlossen

Im Pandschir-Tal kämpft der Widerstand gegen die Taliban (Archivbild)
Im Pandschir-Tal kämpft der Widerstand gegen die Taliban (Archivbild)
© Jalaluddin Sekandar
Die Taliban haben eine Offensive auf die letzte Hochburg des Widerstands im Pandschir-Tal gestartet. Es scheint zu heftigen Kämpfen zu kommen, die Lage ist unübersichtlich.

Die radikalislamischen Taliban sind am Wochenende weiter in die letzte Bastion des Widerstands in Afghanistan vorgerückt. Die neuen Machthaber am Hindukusch meldeten schwere Kämpfe im Pandschir-Tal und nahmen Berichten zufolge das Dorf Anabah sowie weitere Gebiete der Provinz nördlich von Kabul ein. Aber auch die Widerstandskämpfer meldeten Erfolge. US-Generalstabschef Mark Milley hält angesichts der unübersichtlichen Lage im Land den Ausbruch eines Bürgerkriegs für "wahrscheinlich".

Trotz ihres schnellen Vormarsches inmitten des US-Truppenabzugs konnten die Taliban bisher eine Region nicht einnehmen - das Pandschir-Tal. Dort lieferten sich die Taliban und ihre Gegner weiterhin heftige Gefechte. Widerstandskämpfer haben den Taliban eigenen Angaben zufolge schwere Verluste zugefügt. Etwa 1000 Islamisten seien in der einzigen Provinz, die bisher noch nicht von den Taliban kontrolliert wird, nach der Blockade einer Fluchtroute eingeschlossen worden, schrieb der Sprecher der Nationalen Widerstandsfront, Fahim Daschti, am Sonntag auf Twitter.

Alle Angreifer seien getötet worden, hätten sich ergeben oder seien gefangen genommen worden, hieß es weiter. Zudem seien alle Taliban aus dem Bezirk Parjan vertrieben worden. Die Angaben konnten nicht von unabhängiger Seite überprüft werden. Der Taliban-Sprecher Bilal Karimi wiederum schrieb am Sonntag auf Twitter, die Islamisten kontrollierten nun fünf der sieben Bezirke der Provinz. 

Route durch Sprengung blockiert

Am Samstag hatten Bewohner des Tals erklärt, dass Widerstandskämpfer eine Sprengung durchgeführt hätten, um die Hauptroute durch das Tal zu blockieren. So seien vorgerückte Taliban-Kräfte eingeschlossen worden. Der Plan sei gewesen, diese dann von Positionen auf den Bergen anzugreifen. Der bisherige Parlamentarier Sal Mohammed Salmai Noori aus der Provinz Pandschir sagte, dass es Gefechte im Bezirk Schutul und Parjan gebe. Andere Gebiete im Tal seien unter vollständiger Kontrolle des Widerstands. 

Die beiden Bezirke liegen jeweils am Anfang und am Ende des Tales. Von einem Bewohner des Bezirkes Schutul hieß es, Taliban-Kämpfer seien in sein Dorf vorgedrungen und hätten mehrere geparkte Autos kaputt geschossen. Die meisten Zivilisten seien bereits davor in die Berge geflüchtet. Die Taliban-Kämpfer seien wieder abgezogen. Unbestätigten Berichten zufolge wurden sie am Weg aus Schutul aus dem Hinterhalt angegriffen.

Taliban veröffentlichten auch ein Video mit Kämpfern vor der Bezirksverwaltung von Schutul. Allerdings liegt diese an der Hauptstraße durch das Tal direkt hinter dem Taleingang, nicht im Zentrum Schutuls. Um dieses zu erreichen, muss man erst mehrere Kilometer lang eine enge Bergstraße hinauf und ins nächste Tal wieder hinunter fahren.

Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die in der Region ein Krankenhaus betreibt, teilte am Samstag mit, dass Taliban-Kämpfer in das Dorf Anabah eingefallen seien. "Viele Menschen sind in den vergangenen Tagen aus den umliegenden Dörfern geflohen", erklärte die Organisation. Eine kleine Zahl Verletzter sei im chirurgischen Zentrum in Anabah behandelt worden. 

Unbestätigten Berichten zufolge nahmen die Islamisten auch weitere Bezirke in der Region ein. Die Region war bereits in den 90er Jahren eine Hochburg des Widerstands gegen die Islamisten und fiel nie unter deren Kontrolle. Vor drei Wochen formierte sich in dem Tal eine neue Widerstandsbewegung unter Führung des Sohnes des 2001 getöteten afghanischen Kriegsherrn und Taliban-Gegners Ahmed Schah Massud. 

Afghanistan: Video soll Widerstandskampf gegen die Taliban zeigen

Widerstand meldet humanitäre Krise

Der Sprecher der neu gegründeten Nationalen Widerstandsfront (NRF), Ali Maisam Nasari, erklärte am Sonntag, dass der Widerstand im Pandschir-Tal "niemals scheitern" werde. Der ehemalige Vizepräsident Amrullah Saleh sprach allerdings von einer "humanitären Krise großen Ausmaßes" im Pandschir-Tal, da Tausende durch den "Angriff der Taliban" vertrieben worden seien. Die Aussagen lassen sich von unabhängiger Seite jedoch nicht überprüfen.

US-Generalstabschef Milley hält angesichts der Lage den Ausbruch eines Bürgerkriegs in Afghanistan für "wahrscheinlich". Er bezweifle, dass die Taliban es schaffen werden, ihre Macht zu festigen und eine funktionierende Regierung zu bilden, sagte Milley am Samstag (Ortszeit) dem TV-Sender Fox News. "Ich denke, dass zumindest die Wahrscheinlichkeit für einen größeren Bürgerkrieg sehr hoch ist." 

Ein solcher Zustand begünstige wiederum das Erstarken "terroristischer Gruppen" wie Al-Kaida oder des Islamischen Staats (IS). Mit einem "Wiederaufleben des Terrorismus" rechne er "innerhalb von zwölf, 24 oder 36 Monaten", sagte Milley. 

Taliban fordern diplomatische Anerkennung von Deutschland

In der Debatte um die künftigen Beziehungen zu Afghanistan forderten die Taliban von Deutschland diplomatische Anerkennung und finanzielle Hilfen. "Wir wollen starke und offizielle diplomatische Beziehungen zu Deutschland", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid der "Welt am Sonntag". Die Deutschen seien in Afghanistan immer willkommen gewesen. 

Schon zu Zeiten des Königreichs vor etwa einhundert Jahren hätten die Deutschen in Afghanistan viel Gutes bewirkt, sagte Mudschahid. "Leider haben sie sich dann den Amerikanern angeschlossen. Aber das ist jetzt vergeben", erklärte der Sprecher, der als künftiger Informationsminister der neuen afghanischen Regierung gehandelt wird.

FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff warnte hingegen die Bundesregierung, Forderungen der Taliban zu erfüllen. "Wir müssen mit den Islamisten im Moment ausschließlich über die Rettung weiterer Schutzbedürftiger reden, mehr aber nicht", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

US-Außenminister Antony Blinken will in der kommenden Woche in Deutschland mit Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) ein virtuelles Ministertreffen von 20 Ländern zu Afghanistan und dem Umgang mit den Taliban leiten. 

bak DPA AFP

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