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Kampf gegen den IS: Die undurchsichtige Rolle der Türkei

Erst seit der Islamische Staat direkt vor der Grenze steht, erklärt sich die Türkei bereit, sich an der Anti-IS-Koalition zu beteiligen. Warum das lange Zögern? Und welche Rolle spielen die Kurden?

Von Niels Kruse

Türkische Panzer an der syrischen Grenze

Türkische Panzer an der syrischen Grenze

Nur selten geben Staatschefs einen Irrtum so offen zu wie nun Barack Obama in einem Interview mit dem TV-Sender CBS. Auf die Frage, ob seine Regierung die Fähigkeiten des Islamischen Staats unterschätzt habe, antwortete er rundheraus: "Ja, das trifft zu." Als einen der vielen Gründe nannte der US-Präsident den Bürgerkrieg in Syrien und das Chaos, das dort herrsche. Jahrelang hat der Westen tatenlos zugesehen, wie sich der Aufstand gegen Machthaber Baschar al Assad zum beispiellosen Blutvergießen entwickelte. Nun beherrscht IS knapp die Hälfte Syriens, steht vor der Grenze zur Türkei und macht das Nato-Mitglied damit zum Frontstaat im Kampf gegen die Terrorarmee. Das war es sicher nicht, was das Verteidigungsbündnis wollte, geschweige denn der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Nun muss er sich fragen lassen, wie es soweit kommen konnte. Die Rolle des Landes ist kompliziert – wie so vieles in Nahen Osten.

Warum hat die Türkei nichts gegen das Chaos in ihrer Nachbarschaft unternommen?

Lange hatte Erdogan das Erstarken der Islamisten in Syrien hingenommen. Die Opposition, wie etwa die Kurden, behaupten: er habe sie sogar unterstützt. Nach Beginn der Aufstände war es Ziel der Türkei, Baschar al Assad aus dem Amt zu fegen. Gründe dafür gab es genug: Erdogans beinahe schon persönliche Feindschaft zu Syriens Machthaber etwa. Sein Sturz hätte zudem den Einfluss der Türkei in der Region immens vergrößert. Außerdem bekämpften Teile der syrischen Rebellen die dortigen Kurden - was der kurdischen Autonomiebewegung auch in der Türkei geschadet hätte. Kurzum: Die Islamisten waren willkommene Feinde der Feinde Ankaras. Und daher schon fast wieder Ankaras Freund. "Die Türkei hat sich nie klar genug von den islamistischen Gruppen abgegrenzt und sie dadurch erst stark gemacht", sagt Kristian Brakel, Nahost-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Wieso beteiligt sich die Türkei immer noch nicht an Einsätzen gegen den IS?

Bislang begründete die Türkei ihre Zurückhaltung immer mit den 49 vom IS in Mossul gefangengehaltenen Geiseln. Darunter auch hochrangige Diplomaten. Um ihr Leben nicht zu gefährden, wollte sich die Regierung in Ankara nicht militärisch engagieren. Doch die Männer und Frauen wurden Ende September befreit, offiziell würde nun nichts mehr gegen den Beitritt zur Anti-Terror-Allianz sprechen. Beim Weltwirtschaftsforum in Istanbul sagte Erdogan jetzt auch, die Türkei könne bei dem Konflikt "nicht außerhalb" stehen. "Wir werden dort sein, wo wir sein müssen", sagte der Präsident, der selbst einen Einsatz von Bodentruppen nicht mehr ausschließen wolle. Die Zustimmung seines Volkes hat er: Laut einer Umfrage befürworten 52 Prozent der Türken eine Beteiligung am Kampf gegen den IS.

Welche Rolle spielen die Kurden?

Seit Jahren verhandelt die Regierung Erdogan mit der kurdischen Minderheit um eine Friedenslösung. Die Kurden kämpfen, teilweise gewaltsam, für einen eigenen Staat. Kurdische Minderheiten gibt es auch im Irak und in Syrien, dort sind sie einer der wichtigsten Gegner des IS. Die Bundesregierung stellt den irakischen Kurden Waffen zur Verfügung - sehr zum Verdruss der Türken. Denn in Ankara fürchtet man, dass sie die Waffen irgendwann gegen türkische Streitkräfte richten. Wie der "Spiegel" berichtet soll die türkische Armee in Syrien den dortigen Islamisten sogar Geld und Waffen zur Verfügung gestellt haben, um gegen syrische Kurden vorzugehen. Die wiederum sind mit der in der Türkei verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden. Beide Seiten kämpfen derzeit verbissen gegen den IS um die syrische Stadt Ain al Arab oder Kobane, wie die Stadt auf Kurdisch heißt. Sollte der Ort an den Islamischen Staat fallen, würde die Terrormiliz ein Drittel der syrisch-türkischen Grenze kontrollieren.

Unterstützt die Türkei die Kurden in irgendeiner Form?

"Der Kampf gegen den IS spült den türkisch-kurdischen Konflikt wieder an die Öffentlichkeit", sagt Kristian Brakel. Und führt zu absurden Konstellationen: Auf türkischer Seite hat die PKK ihre Anhänger aufgefordert, in Syrien und Irak gegen den IS zu kämpfen. Doch die Regierung in Ankara lässt die Kämpfer nicht ausreisen, weswegen die gegen diese Politik demonstrieren. Teilweise auch gewaltsam. Laut Tagesschau sollen kurdische Extremisten im Südosten der Türkei vor einigen Tagen einen Anschlag auf Polizeiwagen verübt haben, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Gleichzeitig nimmt die Türkei aber kurdische Flüchtlinge aus Syrien auf. Von 144.000 war zuletzt die Rede. Eine Zahl, die von der türkischen Regierung allerdings übertrieben sein soll. Laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sollen es sich nur um bis zu 20.000 Syrer handeln, die im Nachbarland Zuflucht suchen. Die tatsächliche Zahl bleibt unbekannt.

Wie geht die Türkei mit den syrischen Flüchtlingen um?

Der Bürgerkrieg und der IS-Vormarsch treibt eine Bugwelle von Abertausenden von Flüchtlingen vor sich her. Ziel der verzweifelten Menschen sind die ohnehin schon vollen Flüchtlingscamps an der syrisch-türkischen Grenze. Rund 1,5 Millionen Flüchtlinge leben mittlerweile in Zeltstädten - ein Umstand, für den die Türken bisher kein Mitleid eingefordert haben. Erst vor einigen Tagen forderte Staatschef Erdogan vor der UN in New York mehr internationale Hilfe. Erdogan sagte zudem, um die 900 Kilometer lange türkisch-syrische Grenze zu sichern und die zu Zehntausenden in die Türkei flüchtenden Syrer zu schützen, müssten Puffer- und Flugverbotszonen eingerichtet werden. Kritiker sprechen angesichts des Vorschlags davon, dass die Türkei plane, die ihr unliebsamen autonomen Kurdengebiete in Syrien zu menschenleeren "Pufferzonen" zu erklären.