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Kenia: Betrogen und vertrieben

Bis vor ein paar Wochen galt Kenia als Hort der Stabilität, demokratisch und auf dem Weg zu wirtschaftlichem Wohlstand. Nun steht das Land am Rand eines Bürgerkriegs. Nach den umstrittenen Wahlen sind alte Konflikte wieder aufgebrochen.

Von Christian Parth und Arnaud Brunet

Allein die Nachrichten von einem neuen Angriff in der vergangenen Nacht versetzen Ebrahim Sirari in Angst und Schrecken: Krieger vom Stamm der Kalenjin umzingelten die Kirche von Madaragon, eine gute Stunde entfernt von seinem Unterschlupf. Etwa hundert junge Männer mit Pfeil und Bogen pirschten sich im Schutz der Dunkelheit an die Verschläge und Zelte heran, in denen etwa 600 Menschen vom Volk der Kikuyu Zuflucht gefunden hatten. Der Pastor öffnete die Pforten seines Gotteshauses für die Männer, Frauen und Kinder. Als die Krieger abzogen, waren mehrere Häuser und Hütten niedergebrannt und mindestens fünf Kikuyu tot.

Für Ebrahim Sirari ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Krieger auch wieder auf ihn Jagd machen. Er schlief bereits tief und fest, als vor drei Wochen gegen 20 Uhr seine Tür aufgebrochen wurde. Vor seiner Pritsche standen etwa 15 Männer. Sie brüllten und schrien. Er konnte gerade noch sehen, wie sie seinen Fernseher und den kleinen Gaskocher nach draußen trugen, dann wurde ihm schwarz vor den Augen. Er spürte Fäuste und die scharfen Klingen von Macheten, die tiefe Wunden in sein Fleisch schnitten. Fast 20 Minuten prügelten die Männer auf Ebrahim Sirari ein, stachen ihm mit Messern in Arme und Beine. Dabei brüllten sie immer wieder: "ODM, ODM".

Sirari versteht nichts von Politik

Ebrahim, 26, sitzt auf der Wiese vor dem Gotteshaus "Sacred Heart of Jesus" in Eldoret im Rift Valley West-Kenias. Neben ihm heulen Frauen und schreien hungrige Kinder. Einige Männer in Anzügen, einst erfolgreiche Geschäftsleute, lehnen an der Kirchenmauer und sind bemüht, Würde zu wahren. Fast alle sind sie Mitglieder des Stammes der Kikuyu und haben auf der Flucht vor den zornigen Kriegern der Kalenjin beinahe alles verloren. Ebrahim Sirari versteht nicht viel vom Kämpfen und von Politik schon gar nichts. Einen Monat vor der Wahl am 27. Dezember hatte er seinen Personalausweis verloren und somit das Recht verwirkt, seine Stimme abzugeben.

Natürlich hat er gehört, dass Präsident Mwai Kibaki und seine Partei der Nationalen Einheit (PNU) die Wahlen manipuliert haben sollen. Und dass die Anhänger des Oppositionsführers Raila Odinga und seine ODM, Orange Democratic Movement, jetzt Gerechtigkeit fordern. Doch dass Menschen sich deshalb umbringen, hat er nicht für möglich gehalten. Er sei doch nur einfacher Arbeiter, der gelegentlich Bars putzt. Seine Bleibe war bis zum Tag nach der Wahl eine Wellblechhütte mit Fernseher und einem Gaskocher für drei Euro im Monat. Jetzt sitzt er hier ohne Obdach. Aus seinem Gesicht stechen die blauen Fäden empor, mit denen die Ärzte seine Schnittwunden versorgt haben. Er humpelt, und wenn er spricht, dann nur ganz leise, weil der Schmerz nicht mehr als flüstern zulässt. Ebrahim ist Flüchtling in seinem eigenen Land, und der einzig sichere Ort für Menschen wie ihn ist in Eldoret derzeit der Kirchengrund der "Sacred Heart of Jesus". Aber wie lange noch?

Fast täglich sterben Menschen

Beinahe vier Wochen ist es nun her, seit Kenia daran gescheitert ist, demokratische Wahlen abzuhalten. Lug und Trug soll die Stimmabgabe gewesen sein, behauptet ODM. Und tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Ergebnisse zugunsten von Präsident Mwai Kibaki manipuliert worden sind. Seitdem herrscht der Mob in Kenia, denn Kibaki hat sich trotz internationaler Proteste eilig für fünf weitere Jahre vereidigen lassen und seine Truppen wie Kampfhunde auf die Widerständler gehetzt. Beinahe täglich sterben Menschen im Kugelhagel der Polizei, die mit Kalaschnikows und scharfer Munition gegen die Demonstranten vorgeht. In Kisumu hat ein Polizist vergangene Woche vor laufender Kamera einen wehrlosen Mann erschossen. In den Slums von Nairobi wurden mehrere Kinder durch Schüsse getötet. In Eldoret, wo in den Straßen das Feuer brennender Autoreifen flackert, stürmte Kibakis berüchtigte Sondereinheit GSU sogar ein Krankenhaus und sprühte Tränengas in den Eingang. Ein Großteil der Belegschaft ist in Panik weggelaufen. Rund 255 000 Menschen sind in Kenia ohne Bleibe.

Das Blutvergießen in den Straßen befeuert die Wut der ODM-Anhänger auf die herrschende Klasse. Wie Ebrahim Sirari gehört Kenias Präsident Kibaki dem Volk der Kikuyu an. Deshalb haben die Anhänger Odingas die Jagd auf seinen Stamm eröffnet. In Eldoret haben sie Menschen und Häuser mit Benzin übergossen und angezündet. Haben Kikuyu die Köpfe abgeschnitten, sie aufgespießt und die Holzpflöcke als Warnung in den Straßenrand gerammt.

Die Kikuyu schwärmten aus

Die Wahlen haben dem Hass Nahrung gegeben, der seit Jahrzehnten in den Seelen der Bewohner schwelt, und so einen Stammeskrieg neu entfacht. Nach der Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1963 wählte das Volk Jomo Kenyatta zum ersten Präsidenten. 15 Jahre herrschte der Kikuyu und verschaffte seinem eigenen Volk zahlreiche Privilegien. Er wollte, dass die Kikuyu aus ihrer Heimat in Zentralkenia in alle Richtungen ausschwärmen, um sich niederzulassen. Er gab ihnen Geld, damit sie auch im Rift Valley Land von den verarmten Kalenjin erwerben konnten, die hier wie Nomaden lebten. Die Kikuyu eröffneten Geschäfte, Hotels, Restaurants. Sie bauten das Matatu-System aus, jene 60.000 Kleinbusse, die den öffentlichen Personentransport des Landes regeln. Ihre Kinder besuchten Schulen und Universitäten. Viele Kalenjin dagegen konnten nicht einmal lesen und schreiben. Das Einzige, wovon sie etwas verstanden, war der Maisanbau und die Aufzucht von Kühen.

Im Jahre 1978 keimte Hoffnung auf. Daniel arap Moi wurde Präsident von Kenia. Doch der Kalenjin enttäuschte seine eigenen Leute, indem er sich wie ein Diktator aufführte, Menschen folterte und weiter mit der Kikuyu-Elite paktierte. 2002 haben die Kalenjin deshalb Mwai Kibaki ihre Stimmen gegeben, doch auch er hatte für die Eingeborenen des Rift Valley nicht viel übrig.

"Kikuyu sind schlechte Menschen", sagt Julius Rotich. "Sie haben uns alles genommen, uns unterdrückt, verachtet, und deshalb werden wir sie endgültig aus unserem Land vertreiben. Mit allen Mitteln." Es sind rund 50 Kilometer Fahrt über zerklüfteten Asphalt bis zum Haus von Julius Rotich. In der Region "Burnt Forest" stehen Kikuyu am Straßenrand mit Stühlen und Tischen, Dinge, die sie gerade noch aus ihren Häusern retten konnten, bevor sie von wütenden Kalenjin abgefackelt wurden. Jetzt hoffen sie, dass sie irgendwer mitnimmt nach Osten, gen Sicherheit. Die Fahrt führt vorbei an der Kirche, wo 35 Kikuyu lebendig verbrannt wurden. Auf den Feldern sind Kalenjin bereits dabei, den Mais ihrer Feinde zu ernten.

Julius ist der Stolz der Mutter

Die Mutter von Julius Rotich empfängt mit frischer Kuhmilch und einem milden Lächeln. Fünf Kinder hat sie zur Welt gebracht, Julius, 27, ist der Zweitgeborene und ihr ganzer Stolz. Sein Porträt hängt gerahmt im Wohnzimmer gleich neben den Jesus-Gemälden. Ihr Sohn sei gesegnet, sagt die Mutter. Er hat es zu etwas gebracht, sein Studium der Forstwirtschaft an der Moi-Universität zu Eldoret steht kurz vor dem Abschluss.

Im Moment sind es andere Prüfungen, die der gläubige Katholik zu bestehen hat. Er ist Anführer eines Kriegerbatallions der Kalenjin. Rund 30 Männer stehen unter seinem Kommando, bewaffnet nur mit Pfeil und Bogen. In der ganzen Region haben sich die Krieger formiert. Die Klan-Ältesten haben sie gerufen und für den Krieg geweiht. Die Alten haben für sie in die Zukunft geblickt und einen großen Sieg prophezeit. Nun sind sie bereit, die Mission zu erfüllen: die Vertreibung der Kikuyu aus dem Rift Valley.

Tief in den Wäldern um Eldoret warten Tausende Krieger in kleinen Einheiten auf ihre Einsatzbefehle per SMS. Kalenjin greifen nur nachts an und nur mit Pfeil und Bogen, weil sie so nahezu lautlos töten können. Einige der Geschosse, die sie derzeit im Akkord aus Holz und Nägeln fertigen, sind in selbst angerührtem Gift getränkt. Wer getroffen wird, bläht in wenigen Minuten auf wie ein Brot im Backofen, sagen sie und lachen.

Julius’ Einheit ist ein verwegener Haufen. Manche stinken nach Busaa, einem selbst gebrannten Fusel, den sie oft bis zur Besinnungslosigkeit in sich hineinschütten. Der jüngste Krieger ist gerade einmal 14 Jahre alt. Nur wenige Minuten nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse sind sie losgezogen, getrieben vom Zorn auf die Kikuyu-Gemeinde, die den Erfolg Kibakis feierte. Drei Tage und Nächte tobte der Kampf entlang der staubigen Straße. Auch die Kikuyu hatten sich für den Ernstfall gewappnet. Mit traditionellen Schilden wehrte ihre erste Frontreihe die Pfeile der Kalenjin ab. Dahinter waren Männer mit Steinschleudern positioniert. Säckeweise schleppten Kikuyu-Frauen die Munition aus den Lagern heran. Zweimal wurde Kommandeur Julius von Steinen getroffen. Stundenlang verharrte er auf einem Baum, weil er vor Schmerz seinen Bogen nicht mehr spannen konnte. Dann aber erwischte er selbst einen Kikuyu. Der Pfeil bohrte sich tief in den Bauch seines Feindes. Als sie den Verletzten vom Schlachtfeld zogen, konnte Julius das Gesicht erkennen. Es war ein Mann, den er seit Jahren kannte. Fast täglich kam er ins Dorf der Kalenjin, um Mais von ihnen zu kaufen.

Die Leichen verrotten

Als der Kampf nach drei Tagen zu Ende ging, flohen die Kikuyu ins Hinterland. Die Leichen der Gefallenen verrotten in den Wäldern. Von den meisten sind nur noch Knochen übrig, weil sich gierige Straßenhunde längst über sie hergemacht haben.

"Gerne würden wir Kibaki selbst auslöschen", sagen die Krieger. Als sich der Präsident vor zwei Wochen mit dem Hubschrauber einfliegen ließ, um inmitten der Zerstörung seine Stammesmitglieder zum Ausharren zu ermutigen, haben die Kalenjin ernsthaft über ein Attentat nachgedacht. Doch zu gut sei er geschützt gewesen. Deshalb haben sie in der Nähe kurzerhand ein Kikuyu-Haus in Brand gesteckt. Als Kibaki den aufsteigenden Rauch bemerkte, stieg er zurück in seinen Helikopter und flog davon. Weil er sich weigert, seinem Konkurrenten Odinga das Zepter zu überlassen, muss nun jeder einzelne Kikuyu dafür büßen. Auch in Flüchtlingslagern sollen sie sich nicht mehr sicher fühlen. "Wir wissen, dass sie unschuldig sind", sagt Julius. "Einige waren sogar unsere Freunde. Aber es muss sein. Wir werden weitermachen, bis die Gerechtigkeit siegt."

Die Parteien bezichtigen sich der Lüge

Während in Eldoret, Kisumu und Nairobi die Kämpfe anhalten, haben die Kontrahenten Kibaki und Odinga eine Propagandaschlacht angezettelt. Fast täglich schalten die Parteien ganzseitige Anzeigen in den großen Zeitungen, in denen sie sich gegenseitig der Lüge bezichtigen. "Kibaki hat die Wahl gestohlen", schreibt die ODM. "Wo bleibt denn euer Beweis?", fragt die Regierung und hält mit Zahlen und Grafiken dagegen. In Radiospots flehen traurige Kinderstimmen die Oppositionsführer an, ihre Massenproteste endlich zu stoppen. Denn alles, was daraus entstehe, sei noch mehr Gewalt mit noch mehr Toten.

Wie vielen Menschen die Wahlschlacht in Kenia das Leben gekostet hat, ist unklar. Seit Wochen hält die Regierung daran fest, landesweit habe es bisher 510 Tote gegeben. Mitarbeiter des Leichenschauhauses in Eldoret winken genervt ab. Ihre Kühlfächer sind längst voll. Die meisten Leichen liegen in weißen Säcken gestapelt auf dem Boden und faulen vor sich hin, manche enthauptet, verbrannt oder mit Pfeilen im Hals. Rund 1100 Tote seien es doch allein hier in Eldoret, sagen sie. "Warum sagt in diesem Land keiner die Wahrheit?"

Kenia steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg. Bis vor Kurzem noch war das Land Vorbild für ganz Ostafrika und Urlaubsidyll für jährlich rund 200.000 Deutsche. Jetzt zeigt sich, wie brüchig das Fundament ist, auf dem das politische System des Landes steht. Was für eine Demokratie soll das sein, die das Recht auf Demonstration verbietet, brüllen die Leute in den Straßen. Was für eine Demokratie ist das, in der jeder Geschäftsinhaber ein Bild des Präsidenten aufhängen muss, weil sonst Lizenzentzug droht? Seit Beginn des Chaos machen nicht einmal mehr Polizisten ein Hehl aus der Korruption, die den Fortschritt des Landes trotz 6,1 Prozent Wirtschaftswachstums seit Jahren hemmt.

"Wir sind korrupt"

"Wir geben es zu", sagen fünf uniformierte Kalenjin am Flughafen von Eldoret. "Wir sind korrupt." Schuld daran habe aber allein die Regierung, klagen sie. Monatlich bekommen sie gerade einmal 7000 Schilling, 70 Euro, ohne die Gaben von Drogendealern und Gangsterbossen könne keiner von ihnen eine Familie ernähren. Und jetzt verlange Kibaki von ihnen auch noch, auf die eigenen Leute zu schießen.

Und so werden selbst aus Freunden inzwischen Feinde. In Race Course, einem mittelständischen Stadtteil im Süden der Stadt, wohnt David Sittenei. Bei Tee mit Milch erzählt er von seinem Nachbarn Joseph Kamau. Beinahe 15 Jahre luden sie sich zum Essen ein, wenn sie an Festtagen eine Ziege schlachteten. Ihre Frauen hüteten gemeinsam Haus und Kinder. Noch immer teilen sie den Arbeitsplatz. Sittenei, 54, Kalenjin, ehemaliger Lehrer, arbeitet in der Schulabteilung der Gemeindeverwaltung. Kamau, 53, Kikuyu, dem seit einem Unfall an einer Schneidemaschine vier Finger an der rechten Hand fehlen, fährt seit 1990 den städtischen Leichenwagen, ein Peugeot 404 Pick-up, schwarz.

"Für mich ist dieser Mann ein potenzieller Mörder", sagt Sittenei und schlürft seinen Tee. "Niemals mehr könnte ich ihm meine Kinder anvertrauen. Ich muss Angst haben, dass er sie vergiftet." Kamau kann kaum fassen, was sein ehemaliger Freund da sagt. "Wenn er das glaubt, bitte schön", entfährt es ihm auf der Wiese vor dem Rathaus. "Aber war nicht sogar Sittenei dabei, als die Kalenjin mein Haus abgebrannt und mich fast umgebracht haben?" In einer Sache zumindest sind sie gleicher Meinung: Beide werden sich in diesem Leben nichts mehr zu sagen haben.

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