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Kim Jong Nam: Wie aus Nordkoreas Diktator-Erben ein Staatsfeind wurde

Vaters Liebling wuchs im 10.000-Quadratmeter-Zimmer auf, wurde später verstoßen und flüchtete ins chinesische Exil. Es half nichts, offenbar wurde er Opfer einer Intrige des eigenen Bruders - Blick auf das Leben des Kim Jong Nam.

Von Janis Vougioukas, Shanghai

Eigentlich war es in den vergangenen Jahren still geworden um Kim Jong Nam, den im Exil lebenden Playboy und Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Dass die Machtkämpfe und ­Familienfehden des Kim-Clans noch nicht ausgefochten sind, erfuhr die Welt Anfang vergangener Woche, als er mitten in der Abflughalle des Flughafens von Kuala Lumpur vergiftet wurde, offenbar durch zwei Frauen. 

Wurde Kim Jong Nam Opfer seines Bruders?

Manche sahen in Kim Jong Nam gar einen Reformer und Nachfolger für seinen Bruder, sollte die nordkoreanische Regierung eines Tages gestürzt werden. Doch obwohl Kim alle Machtansprüche in den letzten Jahren immer wieder bestritten hat, geht Südkoreas Geheimdienst davon aus, dass Kim der "Paranoia" seines kleinen Bruders zum Opfer fiel. 

Jahrelang wussten nur wenige nordkore­a­nische Kader überhaupt von der Geburt Kim Jong Nams im Mai 1971, des ersten Sohns des ehemaligen Staatschefs Kim Jong Il. Seine Mutter war die Schauspielerin Song Hae Rim. Sie verließ ihren Ehemann, als Kim Jong Il ihr den Hof machte - zum Missfallen von Kim Jong Nams Großvater, dem Staatsgründer Kim Il Sung.

Kim Jong Il und Kim Jong Nam

Der junge Kim Jong Nam (r. vorne) im Alter von zehn Jahren. Links neben ihm sein Vater Kim Jong Il, der Mitte der 90er-Jahre die Staatsführung übernahm. In der hinteren Reihe: Kims Schwägerin Song Hae Rang mit ihren beiden Kindern


Doch Kim Jong Il war stolz auf seinen ältesten Sohn. Er schlief oft neben ihm, ließ ihm ein 10.000 Quadratmeter großes Spielzimmer bauen, und einmal setzte er ihn an seinen Schreibtisch und sagte: "Von diesem Ort wirst du eines Tages die Befehle er­teilen." So berichtete eine Verwandte, die 1982 ins Ausland floh. 

Einsam hinter den Palasttoren von Pjöngjang

Acht Jahre lebte Kim einsam hinter den Palasttoren in Pjöngjang, bis er nach Moskau geschickt wurde, wo er einige Zeit auf internationalen Schulen des kommunistischen Bruderstaates verbrachte. Später beklagte sich Kim über den Zustand der Toiletten dort. Seine Schulzeit beendete er in Genf, wo er Englisch, Deutsch und Französisch lernte. "Weil ich im Westen ausgebildet wurde, habe ich in jungen Jahren die Freiheit genossen und liebe es heute noch, frei zu sein", schrieb er später in einer E-Mail an einen japanischen Journalisten. 


Ende der 80er-Jahre kehrte Kim in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang zurück und begann eine Karriere im ­Ministerium für Staatssicherheit. Damals hungerten Millionen im Land. Kim Jong Nam begleitete seinen Vater zu Fabrikinspektionen, auch zu Exekutionen von Managern, die angeblich das Volk bestohlen hatten. Immer wieder sprach Kim damals über Reformen und Marktwirtschaft. Oft kam es zum Streit mit seinem Vater, der drohte, ihn ins Arbeitslager zu schicken. 

Trotzdem sah es lange so aus, als werde Kim Jong Nam seinen Vater eines Tages beerben. Das änderte sich erst, als er 2001 am Flughafen von Tokio festgenommen wurde. Den Grenzbeamten war sein gefälschter Pass aus der Dominikanischen Republik aufgefallen. Kim reiste in Begleitung zweier Damen und seines damals vier­jährigen Sohnes. Am Arm trug er eine ­Rolex, im Gepäck bündelweise Bargeld.

Kim Jong Nam

Kim Jong Nam im Mai 2001 am Flughafen von Tokio, nachdem er mit einem gefälschten Pass nach Japan einreisen wollte


Er wolle nach Disneyland, sagte er der Polizei. Nach drei Tagen wurde Kim freigelassen. Doch die ganze Welt lachte damals über die irre Diktatorenfamilie, die sich vergnügte, während das Land hungerte. 

Kurz danach zog Kim ins Exil nach China. Er verbrachte Monate in Fünf-Sterne-Hotels in Singapur und der Kasino-Metropole Macau und postete gern Bilder von sich vor luxuriösem Ambiente. In seinen seltenen Interviews äußerte er sich kritisch über die Politik seines Bruders, der "kein Pflichtgefühl und keine Ernsthaftigkeit habe". Nordkorea werde eines Tages an Korruption kollabieren, sagte er einem ­japanischen Journalisten. 

Im Exil aus Angst vor Bruder Kim Jong Un

Sein jüngerer Bruder Kim Jong Un führt das Land inzwischen mit der gleichen Strenge wie einst der Vater. Mindestens 140 Kader und hohe Regierungsbeamte hat er hinrichten lassen, angeblich durch Flammenwerfer oder Luftabwehrgeschütze. 2013 ließ er seinen Onkel Jang Song Thaek ­wegen staatsfeindlicher Tätigkeiten töten. Der galt als Stimme der Vernunft. Seitdem soll Kim Jong Nam im Exil aus Angst vor seinem Bruder versteckt gelebt haben. 

Das südkoreanische Militär plant nun, die Brüder und Schwestern im abgeschotteten Norden über den brutalen Mord an Kim Jong Nam zu informieren - mit Lautsprecherdurchsagen entlang der Grenze.