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Erste Runde der Präsidentenwahl Bolsonaros Etappenerfolg: Brasilien stehen heiße Wochen bevor

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro entlockt das Ergebnis der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ein Lächeln
Überraschend knapper Rückstand: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro entlockt das Ergebnis der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ein Lächeln
© Evaristo Sa / AFP
Lula da Silva hat die erste Runde der Präsidentenwahl in Brasilien gewonnen. Doch Jubeln kann der legendäre Linke nicht. Sein Vorsprung war deutlich kleiner als vorhergesagt, es kommt zur Stichwahl. Und das Momentum liegt bei Amtsinhaber Bolsonaro.

In den Tagen vor dieser Schicksalswahl setzte sich in den Umfragen ein Szenario durch: Lula da Silva, legendärer Kandidat der Linken, gewinnt schon im ersten Wahlgang. Alle seriösen Meinungsforschungsinstitute sahen ihn bei mehr als 50 Prozent und seinen Rivalen, den rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, bei lediglich 36 Prozent, was für einen Sieg gereicht hätte.

Es hat nicht gereicht.

Nach Auszählung der Stimmen erhielt Lula 48,5 Prozent und Bolsonaro 43,4 Prozent, auf die anderen Kandidaten entfielen zusammen etwa sieben Prozent. Es geht also in die Stichwahl am 30. Oktober.

Brasilien stehen heiße Wochen bevor

Lula versus Bolsonaro 2.0. Links gegen Rechts. Der Ex-Präsident gegen den aktuellen Präsidenten. Welten liegen zwischen ihnen. Brasilien stehen heiße vier Wochen bevor. Schon jetzt spekulieren Experten, dass die Stimmen der unterlegenen Kandidaten im zweiten Wahlgang an Lula gehen müssten und er damit der nächste Präsident sein sollte.

Aber diese Analyse könnte – genauso wie die Umfragen – zu kurz greifen. Der Bolsonarismus ist stark, viel stärker als erwartet, und fühlt sich in seinem Urteil bestätigt: Die Medien und Umfrageinstitute bevorzugten Lula, die WählerInnen jedoch ließen sich davon nicht beeindrucken. Bolsonaros Kandidaten in den Bundesstaaten schnitten überraschend gut ab und werden ihm eine Mehrheit im Kongress ermöglichen. Und sie werden in der Stichwahl alles für ihn geben. Die Arbeiterpartei PT und ihre Kandidaten hingegen hatten zu kämpfen – genauso wie alle anderen Parteien.

Gerettet haben Lula sein Charisma und der Nordosten des Landes, aus dem er kommt. Traditionell eine arme Gegend und Hochburg der Linken, hat diese Region ihm den knappen Vorsprung erst ermöglicht.

Die Ergebnisse in den bevölkerungsreichen Bundesstaaten São Paulo und Rio de Janeiro jedoch müssen Lula, der São Paulo sein Zuhause nennt, große Sorgen bereiten. Viele in der Mitte wählten dort Bolsonaro. Nicht nur die Evangelikalen und Reichen und alten weißen Männer und Fanatiker am rechten Rand.

Brasilien ist wie die USA ein gespaltenes Land mit einem starken konservativen Flügel, dem die gesellschaftlichen Veränderungen zu weit gegangen sind. Und der vieles von dem, was Bolsonaro anrichtete, anders sieht als die Europäer. Die Abholzung im Amazonas? Kein wichtiges Thema. Die vielen Covid-Toten? Hatten andere Staaten auch. Die Krise? Gab es auch vorher schon. Autoritarismus? Hat was für sich.

Das Momentum liegt nun bei Bolsonaro. Gespräche mit Wählern in Rio am Wahlabend bestätigen das: Es ist ein gefühlter Sieg für Bolsonaro, sagen Anhänger beider Kandidaten, obwohl er sechs Millionen Stimmen weniger erhielt als Lula. Seine Unterstützer gehen nun mit viel Energie in diese Stichwahl. Ein Szenario, das keiner für möglich hielt, ist nun keineswegs ausgeschlossen: der Rechtspopulist Jair Bolsonaro wird trotz verheerender Bilanz wiedergewählt als Präsident der fünftgrößten Demokratie der Welt.

Ob ihm das gelingt oder nicht, sollte sich keiner mehr trauen vorherzusagen. Die Institute lagen wieder mal daneben. Klar ist: Der Bolsonarismus in Brasilien ist ähnlich stark wie der Trumpismus in den USA. Ihn zu bezwingen, verlangt alles. Wenn das einer schafft, dann nur Lula.

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