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Kriegs-Vorbereitungen: Amerika marschiert

US-Präsident Bush treibt sein Land Richtung Krieg. Die meisten Amerikaner schwelgen mit ihm in Patriotismus, manche verurteilen seinen Kreuzzug.

Es ist der kälteste Tag seit Jahren in Savannah/Georgia, als Major Dana Schubert in ihrer sandfarbenen Wüstenuniform auf jene Maschine zugeht, die sie in wenigen Minuten an den Persischen Golf fliegen wird. Sie sollte jetzt an ihre Mission denken, an die Moral ihrer Truppe, die Verteidigung der Freiheit. Aber sie denkt an Carmen, ihre sechsjährige Tochter. Sie denkt an Carmens Locken. Und wie diese Locken tanzen, wenn Carmen lacht. Major Dana Schubert ist alleinerziehende Mutter.

Als sie vor wenigen Monaten von einer einjährigen

Stationierung in Südkorea zurückkam, hat Dana ihrer Tochter versprochen, dass sie nun bei ihr bleiben werde. Als sie abends dann aber immer häufiger über Kriegsplänen saß, begann Carmen schon etwas zu ahnen. Und als schließlich vor drei Wochen der Einsatzbefehl kam, hat Dana Schubert, 38, ihrer Tochter gesagt: "Mama muss gegen die Bösen kämpfen, die in die Hochhäuser geflogen sind." "Wann kommst du wieder?", fragte Carmen. "Ich weiß nicht", antwortete Dana. "Es war die Wahrheit", sagt sie.

Hätte sie sich weigern sollen? Sie hat sich diese Frage gestellt. Aber sich weigern - nach mehr als 15 Jahren in der Armee? "Es ist halt mein Job", sagt sie. "Ich vertraue meinem Präsidenten." Sie sagt dies leise und freudlos, wie die meisten der 353 Soldaten ihres Bataillons, die an diesem kalten, sonnigen Nachmittag ohne jede Begeisterung, ohne ein Zeichen amerikanischen Hochmuts über das Flugfeld gehen. Keine Rumsfeldsche Rambo-Rhetorik. Keine Vaterlandsschwüre. Manchmal ist es ganz einfach.

Mehr als 13 000 ihrer Kameraden der 3. Infanterie Division wurden in den vergangenen vier Wochen vom Hunter Army Airfield ausgeflogen. Sie gehören zu den letzten ihrer Division. Wenn es zum Krieg kommt, werden sie mit Panzern von Kuwait aus angreifen. Dass es zum Krieg kommt, ist allen klar: Jason, der bereits im ersten Golfkrieg verwundet wurde. Sergeant Master Franklin, dessen zwei Ehen am Armeeleben scheiterten. Geoffrey, der erst 19 ist, aussieht wie 15 und spricht wie 13: "Ich vermisse meine Mama und meinen Papa und meine großen Schwestern." 352 Männer. Major Schubert ist die einzige Frau.

Es dämmert, als der Kommandeur zum Einstieg bittet.

Das Rote Kreuz verteilt Arztromane ("Judy - eine Liebe im Mai"), ein Geistlicher legt Broschüren aus ("Wo keine Bibel ist, ist keine Freiheit"). Dana Schubert setzt ihren Helm auf, in den sie ein Erinnerungsfoto ihrer Tochter geklebt hat. Sie hat Tränen in den Augen. Erst kürzlich wurde ihr das Sorgerecht für Carmen zugesprochen. Die wird nun wieder zu Danas Ex-Mann kommen. "That‘s life", sagt sie und verschwindet tief im Bauch der MD 11 auf dem Sonderflug in den Krieg.

Mehr als 185 000 US-Soldaten werden bis Ende dieser Woche am Golf stationiert sein. 50 000 weitere haben ihre Einberufung erhalten, vor allem Reservisten: Polizisten, Ärzte, selbst einige Großväter, die nie mehr damit gerechnet hätten, in einen Krieg ziehen zu müssen. Die Begeisterung im Land hält sich in Grenzen. Nur gut die Hälfte der Amerikaner ist bisher überzeugt von der Notwendigkeit eines Krieges. Mal 20 Prozent mehr. Mal 20 Prozent weniger. Je nach Umfrage. Und Sender. Und Region.

Mitten in Texas, in einer Gegend, wo die Dörfer immer kleiner werden und die Flaggen immer größer, sitzt der alte Cowboy Jesse Bishop über einer Tasse Zucker mit etwas Kaffee und verkündet die Taktik für den Krieg: "Einmarschieren und auslöschen." Sein Tischnachbar Thomas Aguilar empfiehlt: "Erst auslöschen, dann einmarschieren." Sie tragen Cow- boyhüte. Sie spielen Karten. Es ist acht Uhr früh an einem Sonntag in der einzigen Tankstelle von Crawford/Texas, der Wahlheimat George W. Bushs.

Jesse Bishop und Thomas Aguilar gehören zu jenen 65 Prozent der Amerikaner, die glauben, dass Saddam Hussein etwas mit den Anschlägen vom 11. September zu tun hat. Sie gehören zur großen Mehrheit im Land, die glaubt, dass Gott dem Präsidenten in diesem Krieg zur Seite stehen wird. Und zur kleinen Minderheit, die ab und zu mal ein Wort mit dem Bürger Bush, ihrem hemdsärmligen, Unkraut jätenden Nachbarn, wechseln. Über Unkraut. Und Gott. Und Amerika. "Ich sehe in Ihren Augen, wie sehr Sie unser Land lieben", hat Aguilar ihm neulich zu ihm gesagt. "Ja, das stimmt", hat Bush geantwortet. "Ich sehe in Ihren Augen, dass Sie auch Gott unendlich lieben", hat Aguilar nachgeschoben. "Sie haben so Recht", hat der Präsident gesagt.

Er hatte feuchte Augen, der Präsident.

Wenn George Bush am Wochenende in Begleitung dreier Hubschrauber auf seine 1600 Morgen große "Prairie Chapel Ranch" nach Crawford fliegt, steht Thomas Aguilar im Garten, zwischen einer großen amerikanischen und einer noch größeren texanischen Flagge, und salutiert. Der Landschaftsarchitekt lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem Haus am Ortsrand, in dem es mehr Bibelsprüche gibt als Staubflecken. "Die Welt ist viel einfacher, als man immer glaubt", sagt Aguilar. So wie er ab und zu seine Kinder mit einem Gürtel schlagen müsse, wenn sie nicht gehorchen, müsse man auf Saddam einschlagen. "Gott hat schon so manches böse Volk auslöschen lassen", sagt er mit sanfter, friedvoller Stimme. Nur eines, sagt Thomas Aguilar, bringe ihn um den Verstand: "Ich würde so gern für mein Land kämpfen. Oh, Lord, ich wäre so gern dabei."

Gott ist allgegenwärtig in diesen spannungsgeladenen Wochen. Der Präsident zitiert Gott am Morgen und am Abend und am Kabinettstisch. Viele protestantische Kirchen vor allem im Süden der USA schlagen sich auf die Seite der Militärpolitik. Die katholische Bischofskonferenz kommt in einem "Statement on Iraq" zu dem Schluss, der Einsatz von Militär müsse "eindeutige Erfolgsaussichten haben" und dürfe keinen Schaden anrichten, der größer sei als der, den das "Böse" verursacht habe. Es ist ein schwammiges "Ja, aber" zum Krieg.

Father John Grange hat seinen Standpunkt.

Er steht in der St. Jerome`s Church, südliche Bronx, und tauft ein Kind. Er predigt in fließendem Spanisch. In der Predigt fallen immer wieder die Worte "Guerra" und "Paz", Krieg und Frieden. Er fühlt sich dem Frieden verpflichtet. Grange, 64 Jahre, rötliche Haare, irische Abstammung, ist ein Mann der Straße. Aufgewachsen in der Bronx, Priester aus Leidenschaft. Es ist eine arme Gegend, geprägt von Immigranten, die nicht viel mehr mitbrachten als einen Traum. Sie lieben ihn dort. Der Father sagt Dinge, die die amerikanischen Kardinäle und Bischöfe so nicht sagen würden. Er erinnert an Don Camillo: Hört, was die Kirche zu sagen hat - und tut dann das Gegenteil.

Nach der Messe sitzt er in seiner Wohnung und löffelt mexikanische Suppe aus dem Stehrestaurant gegenüber. Er schüttelt den Kopf: "Die Kardinäle haben keine Eier. Diese Leute gehören in den Vatikan, hinter Schreibtische. Sie haben den Kontakt verloren zu den Menschen." Father Grange hat die jungen Männer der Bronx in den Krieg ziehen sehen - "die Armen voran" - und nicht mehr zurückkehren. "Die Reichen sterben seltener im Krieg. Sie gehen erst gar nicht hin."

Und dann hört Grange den Präsidenten ständig reden von Gut und Böse und immer wieder von Gott. Bushs Gott ist ein amerikanischer Gott. Das erzürnt den Vater. "Wer gibt ihm das Recht? Wer, glaubt er, ist er? Mein Gott will keinen Krieg." Grange wird nicht viel tun können, das weiß er, er ist nur ein Mann der Straße, südliche Bronx. Er hofft auf andere, stärkere, gewichtigere Stimmen.

Nur einige Kilometer Luftlinie entfernt,

in einem der wohlhabendsten Viertel des Landes, auf der Upper West Side Manhattans, sitzt Harry Belafonte im Caf? Luxembourg. Um die Ecke lebt er. Vor ihm stehen Toast und Kaffee. Belafonte ist 75, er sieht immer noch blendend aus, reist durch die Welt, singt und spricht. Seine Stimme ist unverwechselbar. Sie ist heiser, sie hat Gewicht: "Bush ist kein rational denkender Mann. Diese Irrationalität durchdringt seine gesamte Administration. Wir fühlen uns wie Anhängsel einer Politik, die keine Achtung hat für andere. Es ist genau diese Art von Arroganz im Umgang mit Diplomaten und anderen Ländern, die uns isoliert. Wir stürzen Regierungen, die uns nicht gefallen, wir destabilisieren ganze Regionen, wenn uns danach ist. Wir benutzen unsere CIA, um Schaden anzurichten. Wir schicken Truppen. Und wir hören nicht auf."

Kaum ein Prominenter hat so deutlich Stellung bezogen wie er. Hollywood-Star Sean Penn schaltete Zeitungsanzeigen und reiste in den Irak, der Schauspieler Martin Sheen hält Bushs Politik für einen Rachefeldzug, Oscar-Preisträgerin Jessica Lange schämt sich für ihren amerikanischen Pass, Dustin Hoffman und Richard Gere wettern gegen den Krieg, die Streisand mäkelt wie eh und je. Belafonte ist anders, er wird nie müde. Er poltert mit heiserer Stimme. Sein Kaffee wird darüber kalt.

"Bush glaubt, er habe ein imperiales Recht. Er glaubt an das alte Sprichwort: Kontrolliere, was das Volk weiß, und du kontrollierst, was das Volk tut. Aber es gibt auch ein asiatisches Sprichwort, das lautet: Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut. Dieser Bush ist getrieben von übersteigerter christlicher Ideologie. Wir führen doch hier unseren eigenen Dschihad. Sie haben längst die Trennung von Staat und Kirche aufgegeben und damit eine gefährliche Grenze überschritten. Ich glaube fest, dass Bush meint, er habe exklusiven Zugang zu Gottes Gehörgang. Das ist Größenwahn."

Vor Wochen hat Belafonte Colin Powell und Condoleezza

Rice als "Haussklaven" bezeichnet, die allzu eilfertig ihrem Master Bush dienten. Das war eine gewagte Metapher, landesweit musste er Schelte einstecken, von links und rechts. Er entschuldigte sich nicht, weil es nichts zu entschuldigen gab. Sein Toast ist jetzt auch kalt.

"Ich sehe Colin Powell,und ich denke: Der Kaiser trägt keine Kleider. Powell ist nicht gegen den Krieg und gegen Töten. Er hat es in Grenada gemacht, er hat es in Panama gemacht, er machte es beim ersten Golfkrieg. Er ist Soldat, er ist Profi. Vergiss die Hautfarbe. Seine ursprüngliche Zurückhaltung war kein Akt des Gewissens, sondern der Strategie."

Es ist spät geworden, Belafonte muss los. Steht im Mantel da und sagt: "Ich bewundere dieses Deutschland. Ausgerechnet Deutschland. Das ist doch ein Phänomen. Ihr Deutschen seid der höchste Baum im Wald des Widerstandes." Es ist nicht gerade so, dass sich Bill Waite aus Indiana das Poster von Gerhard Schröder in die Küche hängen würde, neben das von Bob Dylan und den Simpsons. Es ist auch nicht so, dass er besonders viel über Schröder weiß. Er hat nur gehört, dass der deutsche Kanzler Widerstand leiste gegen Bush und Rumsfeld und Cheney, die "Achse des Bösen", wie Waite sie nennt. Und so ist Schröder für den Vietnam-Veteranen ein "wahrer Held", einer der wenigen, die etwas gegen diesen Krieg tun, wenn schon Bob Dylan und die Simpsons und 280 Millionen Amerikaner nichts tun.

"Die Mobilisierung ist unser großes Problem", sagt Waite. Der Universitätsdozent steht mit 50 000 Demonstranten vor dem Capitol in Washington. In New York waren es über 100 000. In Berlin 500 000. Waite trägt Jeans und Parka und ein Schild mit der Aufschrift "Bush hat nie gedient". Seine Frau trägt ein Banner "Cheney hat nie gedient". Eine Frauengruppe singt Spirituals, eine chinesische Sekte führt meditative Tänze auf, eine Obdachlosenorganisation greift Bushs Steuerpolitik an. "Die Vielfalt hier ist unglaublich", sagt Waite. Vielleicht ist die Vielfalt eher ein Problem.

Auf der Bühne stehen der Bürgerrechtler Jesse Jackson,

die Rocksängerin Patti Smith und einige Gestalten, die den USA Völkermord vorwerfen und den Spirit von Crazy Horse beschwören. Sie sind immer dabei, wenn es um Demos geht. Sie gehören zu Demos. Und die Demos gehören zu ihnen. Sie sind eins. Vielleicht ist das ein weiteres Problem.

Waite und die anderen Organisatoren hätten gern mal unverbrauchte Stars wie Talkmasterin Oprah Winfrey dabeigehabt. Sie haben es geschafft, einige Unternehmer und Republikaner einzubinden, noch aber sind es zu wenig. Selbst einige alte Friedensaktivisten sprechen diesmal von einem "gerechten Krieg" der freiheitsliebenden Welt gegen das Böse. "Natürlich ist Saddam böse", sagt Waite. "Bush ist aber auch böse, nicht so böse wie Saddam. Powell wiederum ist nicht böse, aber auch nicht so gut, dass er schon wieder gut ist." Das mit Good and Evil ist auch so ein Problem.

Eine bedeutende Kraft ist die Friedensbewegung nicht. Viele Medien ignorieren sie, und Bürger beschimpfen sie als antiamerikanisch. Waite trägt eine amerikanische Flagge um den Hals und eine ums Handgelenk und hat ein Schild gebastelt mit der Aufschrift: "Friede ist patriotisch." Doch als er nach der Demo zum Hotel geht, brüllen zwei Männer aus einem Auto: "Verräter!" Nach dem 11. September stehen Menschen, die gegen den Krieg sind, schnell im Verdacht, auch gegen Amerika zu sein. Das ist das größte Problem.

George Bush selbst hat dies postuliert

, als er kurz nach den Terroranschlägen sagte: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns." Dieser Satz lässt keinen Spielraum. Bis heute nicht. Bis heute leben die Menschen in den USA mit einem diffusen Gefühl der Angst. Die Regierung warnt vermehrt vor Anschlägen auf Hotels, Synagogen und U-Bahnen und hat Alarmstufe "orange" ausgerufen. Das steht für "hoch". Die Geheimdienste erklären, sie würden nun noch stärker auf potenziell Verdächtige achten. Vor allem auf junge, dunkelhaarige Männer. Auf Araber.

Dearborn ist eine graue Industriestadt nahe Detroit mit 100 000 Einwohnern, davon 30 000 Arabern. Wenn der Muezzin der "American Muslim Society" zur abendlichen Predigt ruft, kommen Hunderte. Die Männer tragen traditionelle arabische Gewänder und Palästinenser-Tücher oder Blue Jeans oder Jacken mit dem Abzeichen der "Dallas Cowboys" auf dem Rücken. Viele haben einen amerikanischen Pass. Viele sind hier geboren. Sie arbeiten in den Ford-Werken oder betreiben eigene Geschäfte. An den Türen kleben "United we stand"-Sticker, als müssten sie jedem Fremden versichern, dass sie gegen den Terror sind und treue Amerika-Freunde.

Bis zum 11. September haben sie weitgehend friedlich in einer Art Parallel-Kultur mit ihren amerikanischen Nachbarn gelebt. Seitdem hat sich die Zahl der Übergriffe auf Muslime verzehnfacht. Junge Männer verlieren ohne Angabe von Gründen ihren Job; sie werden bepöbelt und zusammengeschlagen; sie werden wegen minderer Visa-Vergehen verhört, manchmal eingesperrt und gegebenenfalls deportiert. Und wenn sie doch freikommen, sagt der Rechtsanwalt Nabih Ayad, müssen sie sich schon mal auf einen Deal einlassen und für das FBI Landsleute bespitzeln. Ayad hat einen solchen Deal eingefädelt. Er ist nicht stolz darauf, aber sein Mandant ist frei. Vermeintlich frei.

Solche Geschichten machen die Runde überall im Land, wo Araber leben. Deshalb reden die Leute nicht mehr offen. Sie haben das Vertrauen verloren in die freie Rede und in Amerika. Und der bevorstehende Krieg macht alles noch schlimmer. Imad Hamad vom Amerikanisch-Arabischen Anti-Diskriminierungskomitee befürchtet, dass es den Arabern womöglich ähnlich ergehen könnte wie während des Zweiten Weltkrieges den Exil-Japanern, die damals interniert wurden. Kürzlich, bei einem turnusmäßigen Treffen mit Vertretern von FBI, Polizei und Einwanderungsbehörde, fragte er den anwesenden FBI-Vertreter, was dran sei an diesen Gerüchten. Und der stammelte nur: "Ich darf offiziell dazu nichts sagen."

Die Araber von Dearborn sind keine homogene Gemeinschaft. Es gibt die Jemeniten im Osten, die Libanesen im Süden. Und es gibt die Iraker, 5000 allein in der Stadt, die als Flüchtlinge kamen nach dem ersten Golfkrieg und die zerstritten sind in ihrer Haltung zum nahenden zweiten Golfkrieg. Imam Husham Al-Husayni vom "Karbalaa Islamic Center" befürwortet den Militäreinsatz. In der arabischen Gemeinde nennen sie ihn deshalb einen Ketzer. Vor der Predigt stellen Männer ein selbst gemaltes Plakat in die Mitte des neonbleuchteten Gebetsraumes. Es zeigt Saddam Hussein und Osama bin Laden beim Handschlag, darunter steht "Wanted". Der Imam deutet mit ausladender Geste in die Runde und sagt: "Schauen Sie nur, alle diese Männer haben Familienangehörige und Freunde verloren. Saddam hat sie umbringen lassen. Fragen Sie, fragen Sie schon!" Die Männer, junge und alte, hocken im Halbkreis um Husham Al-Husayni und erzählen von Mord, Gefängnis und Folter. Danach diskutieren sie über die schlimmsten Diktatoren - Hitler, Stalin, Pol Pot - und einigen sich auf Saddam. George W. Bush soll sie jetzt rächen. Vertrauen sie dem Präsidenten? Der Imam sagt: "Wir vertrauen niemandem. Aber wir wollen nach Hause. Verstehen Sie, nach Hause."

Ob Krieg oder nicht - Dearborn, Michigan, USA,

ist nicht mehr ihre Heimat. Für die amerikanischen Medien ist der Krieg längst beschlossene Sache. Seit Wochen läuft ihr "Showdown on Iraq", Fernsehsender haben sich im Golf die besten Hotels gesichert und martialische Jingles und Logos kreiert. Sie legen schon mal Marschmusik über Bilder amerikanischer Truppen und zeigen die schnellsten Flugzeuge, größten Schiffe, besten Panzer. Es ist wie eine Hitparade der militärischen Schlagkraft.

Eine Vielzahl junger Journalisten plädiert für diesen Krieg, Liberale der Baby-Boomer-Generation, Kolumnisten der Tageszeitungen "Washington Post" und "New York Times", der Magazine "Time", "Newsweek" und "New Yorker". "Der Präsident", schreibt Bill Keller von der "New York Times", "wird uns in den Krieg führen mit der Unterstützung zahlreicher Mitglieder der liberalen Ostküsten-Medien." Die übrigen Medien gelten ohnehin als handzahm. Die "New York Post" etwa geifert seit Wochen gegen Deutschland und Frankreich und gegen Liberale im Land. Ähnlich liest sich das in den Zeitungen aus der Provinz, wo die Sicht auf die Welt begrenzt ist. Die Welt ist Amerika und nicht viel mehr. Ari Fleischer, Sprecher des Weißen Hauses, hat die Journalisten einmal aufgerufen, erst Patrioten zu sein und dann Journalisten. Viele halten sich nicht daran. Manche schon.

Das Sternenbanner hängt an jeder Tür des Bürohauses südlich vom Times Square, New York. Es hängt mitten im Raum und an den Wänden und auch über dem Eingang. Auf den Schreibtischen stehen Tannenbäume in den Farben der Stars and Stripes und Schilder mit dem Aufdruck "United We Stand". Dies könnte ein Souvenirladen sein oder der Saal einer Patriotenvereinigung. Es ist die Zentrale von "Fox News Channel".

Auf unzähligen Bildschirmen läuft die Übertragung

einer Rede von Verteidigungsminister Rumsfeld. In der linken oberen Ecke des Bildes blendet Fox dazu die US-Flagge ein. Der Moderator lobt Rumsfelds klare Worte. Vorher hat ein anderer Moderator Bushs Einfühlungsvermögen gelobt und Deutschlands Antikriegshaltung belächelt. Fox News Channel könnte Bushs kleiner Hauskanal sein. Es ist der größte Nachrichtensender Amerikas.

Seit einem Jahr liegt Fox im Quotenkampf vor CNN. Nach dem 11. September hat sich der Sender mit unbändigem Nationalstolz den unbändigen Nationalstolz der Amerikaner zunutze gemacht und sich an die Spitze gesetzt. Geformt von dem früheren Wahlstrategen der Republikaner, Roger Ailes, gepuscht von den Millionen des Eigentümers Rupert Murdoch. Kürzlich stand ein Fox-Reporter vor dem UN-Gebäude und begann seinen Beitrag mit dem Satz: "Schlechte Nachrichten: Die Waffeninspektoren haben keine Beweise für Massenvernichtungsmittel gefunden."

John Stack ist Vizechef der Nachrichtenabteilung

bei Fox und sieht seinen Sender politisch in der Mitte. Er spricht von einem "fairen und ausgewogenen Produkt". Stack sitzt mit ausdrucksloser Miene und verschränkten Armen in seinem Büro. An der Wand hängt die Fahne der Sowjetunion, ein Souvenir. Er möchte nicht mit ihr fotografiert werden, sagt Stack. Es könne falsch verstanden werden. Er möchte auch nicht mit dem Bild Saddam Husseins fotografiert werden, das unweit der sowjetischen Fahne hängt. Es könne falsch verstanden werden. Es ist schwer, ihn falsch zu verstehen. Man muss ihn nur reden lassen: "Wir sind ein Nachrichtensender", sagt John Stack. "Aber wir sind auch Amerikaner. Wir halten uns voller Stolz für einen amerikanischen Sender. Ich bin nicht bereit, das aufzugeben."

In Stacks Bücherwand laufen auf vier Bildschirmen vier Nachrichtensender gleichzeitig. Manchmal, wenn Fox eine Sekunde langsamer als die Konkurrenz ist, wirft er die Fernbedienung gegen das Fenster. Und andere Male, wenn Fox wieder mal ein brennendes Auto in Wisconsin im Bild hat statt eines langweiligen europäischen Regierungschefs wie auf CNN, jubelt er vor Freude. "Es ist das, was die Amerikaner interessiert", sagt Stack. Außerhalb der großen Städte, wo Amerika noch Amerika ist. Wo Wahlen gewonnen werden. Wo Quote gemacht wird. Wo über Kriege entschieden wird.

Wenn der Krieg erst mal läuft, da sind sich alle einig, wird Amerika wieder zu patriotischer Hochform auflaufen. Soldaten. Cowboys. Geistliche. Prominente. Veteranen. Journalisten. Und Gott.

Michael Streck / print