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Eskalation: Lebensader und Zankapfel: Warum Kiew und Moskau den Konflikt um eine Meerenge riskieren

Der Krim-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine nimmt wieder an Schärfe zu. Anlass ist ein Ramm-Manöver in russischen Hoheitsgewässern. Es geht es um die Meerenge von Kertsch.

Der Konflikt in der Ukraine schwelt seit Jahren. Doch die Öffentlichkeit im Westen hat ihn größtenteils vergessen. Jetzt spitzt sich die Lage für alle sichtbar wieder zu. Seit dem Wochenende lassen Kiew und Moskau nicht von ihren militärischen Drohgebärden ab. Das dürfte Sicherheitspolitikern bei Nato und EU den Schweiß auf die Stirn treiben.

Was war passiert? Am Sonntag hatten russische Grenzschützer an der Meerenge von Kertsch drei Schiffe der ukrainischen Marine aufgebracht. Es sollen Schüssen gefallen sein. Kiew spricht gar von einem Ramm-Manöver. Die ukrainischen Seeleute sitzen nun in Haft wegen Grenzverletzung, wie der russische Geheimdienst FSB verlauten ließ. Die Antwort aus Kiew folgte am Montag prompt: Der Präsident verhängte das Kriegsrecht.

Die Meerenge trennt die Krim und Russland nur auf wenigen Kilometern

Mit diesem neusten Zwischenfall  rückt eine Meerenge ins Zentrum der Welt-Öffentlichkeit, deren Bedeutung bisher nur wenigen Experten gekannt haben dürften. Nun wird aber immer deutlicher, dass Kiew und Moskau den Konflikt um diesen Seeweg riskieren könnten.

Das Nadelöhr ist für beide Länder von größter Bedeutung. Der Durchgang ist die einzige Verbindung zwischen dem Schwarzen Meer und dem nördlich gelegenen Asowschen Meer. Zugleich trennt sie die Krim und das russische Festland auf einer Länge von knapp acht Kilometern. Am Asowschen Meer liegen unter anderem das von prorussischen Separatisten kontrollierte Gebiet Donbass und die Hafenstadt Mariupol, die letzte große Stadt im Osten, die noch zu Kiew hält und ein wichtiger Industriestandort ist.

Ein Vertrag regelte eigentlich den Waren-Verkehr

Russland und die Ukraine haben das Asowsche Meer 2003 in einem Vertrag zu einem gemeinsam genutzten Territorialgewässer erklärt. Das flache Binnenmeer, mit 39.000 Quadratkilometern etwas kleiner als die Schweiz, ist nur durch die Meerenge von Kertsch mit dem Schwarzen Meer verbunden.

Handels- wie Kriegsschiffe beider Länder dürfen dem Vertrag zufolge das Asowsche Meer wie auch die Meerenge frei benutzen. Handelsschiffe anderer Staaten können ukrainische und russische Häfen anlaufen. Für Besuche ausländischer Marineschiffe in einem Land ist aber die Zustimmung des jeweils anderen Landes erforderlich.

Moskau nutzt die Brücke als Kontroll-Instrument

Schwierig ist die Lage, seit Russland 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert hat. Innerhalb von vier Jahren errichteten die Russen eine Brücke zwischen der Krim und der nächstgelegenen russischen Provinz am Ostufer des Asowschen Meers. Präsident Putin ließ es sich nicht nehmen, das Bauwerk persönlich im Mai 2018 einzuweihen. Die Brücke spannt sich auf einer Länge von 19 Kilometern über die Meerenge. Moskau stellt damit die Versorgung der Bewohner auf der Krim sicher. Die ächzen unter den Russland-Sanktionen, die die EU und die USA gegen Russland verhängt hatten.

Doch die Brücke dient auch als Kontroll-Instrument. Denn Moskau allein bestimmt, ob ukrainische Schiffe die Stadt Mariupol ansteuern können oder nicht. Sie alle müssen unter der Brücke Halt machen. Passieren dürfen sie  - wenn überhaupt - nur mit russischen Lotsen an Bord. Kapitäne berichten von Schikanen und mutwilligen Verzögerungen. Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" zeigt diese Taktik der Russen wohl ihre Wirkung: Der Handelsumfang mit den ukrainischen Städten am Asowschen Meer, sei massiv rückläufig. Allein deswegen hat Kiew ein ähnlich großes wirtschaftliches Interesse an der Meerenge wie Moskau.

Wladimir Putin fuhr in einem orangenen Lastwagen der kultigen russischen Marke Kamaz über die Krim-Brücke
sos/ mit Agentur / DPA