HOME

Ukraine-Affäre: "Nicht in meinem Auftrag": Lässt Trump seinen Anwalt Giuliani über die Klinge springen?

Bislang hatte Donald Trump nur lobende Worte für Rudy Giuliani übrig. Nun ist der US-Präsident in der Ukraine-Affäre auf Distanz zu seinem persönlichen Anwalt gegangen. Doch der könnte womöglich eine "Versicherung" in der Hinterhand haben.

US-Präsident Donald Trump (l.) und sein persönlicher Anwalt Rudy Giuliani

US-Präsident Donald Trump (l.) und sein persönlicher Anwalt Rudy Giuliani

DPA / AFP

Vor zwei Wochen wurde Rudy Giuliani von der britischen Zeitung "The Guardian" gefragt, ob er in Sorge sei, dass Donald Trump ihn in der Ukraine-Affäre den Wölfen zum Fraß vorwerfen könne. "Das bin ich nicht", antwortete der persönliche Anwalt des US-Präsidenten. Trump sei ein "sehr loyaler Kerl". Doch womöglich hat Giuliani sich da getäuscht, denn am Dienstag ging Trump auf Distanz zu dem früheren Bürgermeister von New York.

"Nein, ich habe ihn nicht dazu angewiesen", antwortete der US-Präsident dem ehemaligen Fox-News-Moderator Bill O'Reilly in einem Online-Interview auf die Frage, ob er Giuliani ihn die Ukraine geschickt habe, um diese zu Ermittlungen gegen seinen politischen Rivalen Joe Biden zu drängen. "Was hat Giuliani in der Ukraine gemacht?", wollte O'Reilly noch wissen. "Nun, dass müssen Sie Rudy fragen", erklärte Trump. "Wissen Sie, Rudy hat andere Klienten, andere als mich. ... Er hat in all den Jahren eine Menge Arbeit in der Ukraine geleistet. Ich meine, das habe ich zumindest gehört. Womöglich habe ich es sogar irgendwo gelesen."

Giuliani in Ukraine-Affäre unter Druck

Im Zuge der Impeachment-Untersuchungen gegen Trump hatten mehrere gegenwärtige und frühere Regierungsbeamte unter Eid ausgesagt, dass Giuliani eine ungewöhnlich große Rolle in den Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine gespielt habe. Vor dem Geheimdienstausschuss des US-Kongresses beschrieben sie eine von dem Anwalt geleitete Kampagne des US-Präsidenten und seiner Verbündeten, um Kiew zu politischen Gefälligkeiten zu bewegen. Gegen zwei von Giulianis Mitarbeitern wird wegen Verstößen gegen die Wahlkampffinanzierung ermittelt. Am Montag berichteten US-Medien, dass es in dem Zusammenhang eine umfassende Untersuchung gebe, die unter anderem Vorwürfen der Verschwörung, Justizbehinderung und Geldwäsche nachgeht.

"Ich will nichts": US-Präsident Donald Trump liest vor der Presse von einem Zettel ab

Seit Wochen hätten Republikaner ihre Absicht signalisiert, sich von Giuliani zu distanzieren und ihn als nicht autorisierten Einzelgänger darzustellen, kommentiert das "New York Magazine" Trumps Interviewaussagen. Doch trotz dieser Signale sei es "eine schwindelerregende Erfahrung, diese fantastische Verteidigung aus dem Mund des Präsidenten mitzuerleben". Die Vorstellung, ein unbezahlter Anwalt ohne Regierungsjob oder außenpolitische Erfahrung habe völlig allein in einer entscheidenden Region die Kontrolle über die amerikanische Politik übernommen, sei vollkommen absurd, schreibt die Zeitung. Ganz offensichtlich habe Giuliani im Namen von Trump gehandelt.

Tatsächlich hat Giuliani selbst monatelang in den Medien mit seiner Rolle in der Ukraine geprahlt: Er "weiß im Grunde genommen, was ich tue, sicher, als sein Anwalt", sagte der 75-Jährige im Mai der "New York Times" über seine Beziehung zu Trump. "Daran ist nichts illegal". Und er machte auch klar, für wenn er arbeitete: "Mein einziger Klient ist der Präsident der Vereinigten Staaten", sagte Giuliani dem Blatt. "Er ist derjenige, dem ich Bericht erstatten und ihm sagen muss, was passiert ist."

Trump hat Giuliani bei Selenskyj angepriesen

Und auch Trumps eigene Worte zeigen, dass Giuliani in seinem Auftrag handelte. So wurde der Anwalt in dem Telefonat des US-Präsidenten mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj am 25. Juli, das die Ukraine-Affäre ausgelöst hat, viermal erwähnt - zweimal von Trump und zweimal von Selenskyj: "Herr Giuliani ist ein hochangesehener Mann. Er war der Bürgermeister von New York City, ein großer Bürgermeister, und ich möchte, dass er Sie anruft", sagte der US-Präsident in dem Gespräch zu Selenskyj. "Ich werde ihn bitten, Sie zusammen mit dem Generalstaatsanwalt anzurufen. Rudy weiß sehr genau, was los ist und er ist ein sehr fähiger Mann. Wenn Sie mit ihm sprechen könnten, wäre das großartig."

Darüber hinaus haben der US-Botschafter bei der EU, Gordon Sondland, und der frühere Ukraine-Beauftragte der USA, Kurt Volker, unter Eid vor dem Kongress bezeugt, dass Trump sie persönlich angewiesen habe, mit Giuliani zusammenzuarbeiten, um zu erreichen dass die Ukraine die erbetenen Untersuchungen einleite.

Verfahren gegen Donald Trump: "Der Sumpf will einen Medienzirkus": Weißes Haus veröffentlicht skurriles Erklärvideo zum Impeachment

Der US-Sender CBS hat Giuliani mit Trumps Interviewaussagen konfrontiert. Der Ex-Bürgermeister habe in seiner Antwort bestätigt: "Der Präsident hat mich nie in die Ukraine geschickt. Ich bin seit zwei Jahren nicht mehr in der Ukraine gewesen und habe nie jemanden unter Druck gesetzt", sagte Giuliani demnach. Ukrainische Beamte hätten ihm Aufzeichnungen gegeben und Zeugen genannt. Sie seien dazu in die USA gekommen.

Hat Giuliani eine Versicherung gegen Trump?

Erst kürzlich hatte Trump Giuliani als "Freund", "einen tollen Kerl", eine "ikonische Figur" und den "besten Bürgermeister", den New York City je hatte, bezeichnet. Jetzt hat der US-Präsident die Grenzen seiner Loyalität zu seinem "Freund" offenbart.

Doch das könnte ihm womöglich noch gefährlich werden. In dem Interview mit dem "Guardian" Mitte November hatte Giuliani nämlich angedeutet, dass er eine Absicherung gegen Trump habe, sollte dieser ihn, "unter den Bus werfen" wollen, wie die Amerikaner es nennen. "Ich habe eine sehr, sehr gute Versicherung, also wenn er es tut, werden alle meine Krankenhausrechnungen bezahlt", sagte der 75-Jährige. Später erklärte er, dass die Äußerung nur sarkastisch gemeint gewesen sei. Ob das stimmt, könnte sich womöglich bald herausstellen.

Quellen: "The Guardian""New York Magazine"CBS