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Lynndie England: Das Gesicht von Abu Ghraib

Die US-Soldatin Lynndie England war 21 Jahre alt, als ihr die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib zu trauriger Berühmheit verhalfen. Dem stern hat sie ein langes Interview gewährt - und dabei Einblicke in die Versuche einer jungen Frau gegeben, mit einem Makel weiterzuleben.

Von Michael Streck

Sie sieht müde aus, sie ist bleich und nervös. Sie misst 1,57 Meter. Sie ist das, was man unter normalen Umständen eine "unscheinbare Person" nennen würde. Aber die Umstände sind nicht normal. Sie hat eines der berühmtesten Gesichter der Welt, die "Rolling Stones" widmeten ihr ein Lied und in einer Episode der Simpsons wird sie persifliert. Sie ist Lynndie England, 25 Jahre alt, die Frau, die durch die Bilder aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib auf traurige Weise weltberühmt wurde. "Leider", sagt sie heute.

Ihre Heimat ist ein Dorf am Ende der Welt

Fast vier Jahre sind seit der Veröffentlichung der Fotos inzwischen vergangen, 521 Tage davon verbrachte England im Gefängnis, ehe sie im März 2007 auf Bewährung frei kam und zurück kehrte in ihren kleinen Heimatort Fort Ashby in West Virginia, wo, wie sie sagt, "die Menschen noch zu mir halten" und sie nicht als Symbol dieses Krieges gesehen wird. Fort Ashby in West Virginia ist ein Dorf am Ende der Welt. Wer dort nicht leben muss, lebt auch nicht dort.

Es gibt zwei größere Straßen, die sich in der Mitte des Ortes am Feuerwehrhaus kreuzen. Es gibt Überreste eines alten Forts, dem der Ort seinen Namen verdankt, ein Restaurant, einen Supermarkt, ein Beerdigungsunternehmen und eine Ampel. Fort Ashby liegt in Mineral County, und die größten Arbeitgeber der Region sind ein Wal-Mart, eine Hähnchenschlachterei und: die Armee im benachbarten Maryland.

Das Militär verhieß ihr ein besseres Leben

Lynndie England schrieb sich 1999 ein als Reservistin der 372. Militärpolizei-Einheit in Cresaptown, Maryland. Sie war 17 Jahre alt und ging noch auf die High-School. Die Army verhieß ein besseres Leben, sie klang nach Abenteuer damals und nicht nach Krieg und Tod und Gefangenen in einem überfüllten Knast. Als der stern sie trifft, zum ersten Interview seit ihrer Haftentlassung, sitzt den Reportern eine junge, gleichwohl gebrochene Frau gegenüber. Ihr Haar an den Schläfen ergraut schon langsam, sie hat erheblich zugenommen. Manchmal lächelt sie gequält, manchmal - während des mehrstündigen Gespräches - in den unmöglichsten Momenten.

Sie redet ausführlich, detailreich, zuweilen kühl über ihre Zeit in Abu Ghraib, dem berüchtigten Folterknast. Sagt, dass ihre Vorgesetzten bis hinauf zum damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sehr wohl über den Missbrauch der Gefangenen informiert waren: "Wir wussten doch, dass unsere Offiziere davon wussten, auch unsere Sergeants. Wir dachten, wenn unsere Vorgesetzten davon wissen, wissen es auch die ganz oben. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass auch Rumsfeld alles wusste. Er war in Abu Ghraib während meiner Zeit. Wie soll er nicht davon gewusst haben? Und Bush? Der steht an der Spitze."

"Wer war ich schon?"

Ihr Sohn Carter, 3, Spross ihrer unheilvollen Liaison mit Charles Graner, dem zu zehn Jahren Gefängnis verurteilten Folter- Anführer von Abu Ghraib, sitzt neben ihr. Er ähnelt seinem Vater. "Je älter er wird, desto ähnlicher wird er ihm", sagt sie. England wird ihm irgendwann die Wahrheit erzählen über sich, seinen Vater und Abu Ghraib. Die Wahrheit.

Sie sagt, ihre Kompanie, die 372. Militärpolizei-Einheit aus Maryland, habe nach ihrer Ankunft im Frühherbst 2003 lediglich fortgesetzt, was in dem Knast zuvor schon Usus war: "Als wir im September eintrafen, waren die Gefangenen schon nackt, sie trugen schon Frauen-Unterwäsche, sie waren schon in Stress-Positionen gebracht worden. Das lief schon eine ganze Weile so in Abu Ghraib, lange vor uns. Wir übernahmen diese Praktiken von unseren Vorgängern." Der Missbrauch sei vom Militär und Geheimdienstlern sogar ausdrücklich toleriert und abgesegnet worden. "Soften them up", "kocht sie weich", sollen die Männer von der CIA gesagt haben.

"Wer war ich schon?"

"Sie gaben genaue Instruktionen über Schlafentzug, Essen oder auch darüber, dass der Gefangene nackt in der Zelle auf dem Boden schlafen solle." Anfangs, sagt sie, habe sie die Behandlung der Gefangenen für eigenartig gehalten, "aber dann sah ich das größere Bild dahinter: Die Leute von CIA und FBI, die Militärs, die Offiziere, die alle nicht zwei Mal hinschauten. Wenn die das akzeptieren, dachte ich, werde ich nichts sagen. Wer war ich schon"?

England, die seinerzeit gerade 21 Jahre alt war, zeigt im stern-Interview nur wenig Reue. Sie habe sich die ganze Zeit "nicht richtig schuldig gefühlt, weil ich Befehlen folgte. Weil ich tat, was ich tun musste". Dennoch war sie sich offenbar schon 2003 über die schockierende Wirkung der Bilder bewusst. "Ich dachte, hoffentlich kommen die Fotos nie raus! Die Menschen werden einen anderen Blick auf den Krieg und Amerika kriegen. Und so ist es dann auch passiert." Die Folgen waren gravierend. "Ich gebe zu, vielleicht habe ich Tausende Menschen getötet, aber nicht direkt. Es war ein Resultat der Fotos. Nachdem das publik wurde, griffen Iraker die Amerikaner und Briten an, und die schlugen zurück, und irgendwann töteten sie sich gegenseitig."

"Ich tat alles, um Graner nicht zu verlieren

Sie habe vieles, vor allem das Posieren vor den Gefangenen, aus Liebe zu ihrem früheren Freund und Anführer Charles Graner getan, sagt sie. "Ich hatte damals schon ein ungutes Gefühl. Aber ich folgte Graner. Ich tat alles, was er wollte. Ich wollte ihn nicht verlieren." Lynndie England sieht die Bilder immer noch vor sich, "ich gehe jede Woche zu einem Therapeuten und Psychiater. Ich nehme Antidepressiva und Mittel gegen Angstzustände, und wenn ich sie nicht nähme, würde ich meinen Verstand verlieren. Ich bin total paranoid."

Sie wollte einmal Meteorologin werden, Stürme jagen. Das war ihr Kindheitstraum. Von Träumen ist wenig geblieben. Bestenfalls der von einem normalen Leben. "Ich will nicht in zehn Jahren noch Angst haben, dass mich jemand erkennt und gleich erschießt, nur weil ich etwas tat, als ich jung und dumm und verliebt war."

England ist eine Gefangene der Fotos, und eine Flucht scheint aussichtslos. "Ich kann nirgendwo hingehen, weil mich alle erkennen. Jeder erkennt mein Gesicht und meine Stimme. Ich habe mein Haar gefärbt, aber trotzdem hat mich jeder erkannt. Mich erkennen sie sogar, wenn ich Hut und Sonnenbrille trage." Sie sucht einen Job, sie schrieb Dutzende von Bewerbungen.

Bislang hat niemand geantwortet.

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