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Noch ein Whistleblower: Wer ist der zweite Snowden?

Nach einem weiteren Leak von US-Geheimdokumenten steht fest: Es gibt einen neuen Whistleblower. Seine Identität wird geheim gehalten. Das FBI soll ein Haus in Virginia durchsucht haben.

Von Alexander Meyer-Thoene

In einer Szene der Dokumentation "Citizenfour" sprechen Edward Snowden (l.) und Glenn Greenwald über den neuen Whistleblower

In einer Szene der Dokumentation "Citizenfour" sprechen Edward Snowden (l.) und Glenn Greenwald über den neuen Whistleblower

Michael Isikoff ist einer der bekanntesten Investigativjournalisten der USA. Durch Enthüllungen zum Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghraib und durch die Lewinsky-Affäre um den früheren US-Präsidenten Bill Clinton, machte er sich auch über die Grenzen seines Landes hinaus einen Namen. Nun könnten weitere große Enthüllung bevorstehen - wie Isikoff auf der US-Nachrichtenseite "Yahoo-News" berichtet, hat das FBI einen weiteren Whistleblower identifiziert, der geheime Informationen der US-Regierung weitergegeben haben soll. Der neue Whistleblower habe angeblich für einen privaten Dienstleister der Regierung gearbeitet - nun sollen gegen "Snowden II" Ermittlungen aufgenommen worden sein.

Basierend auf seinen Quellen berichtet Isikoff, dass die amerikanische Bundespolizei FBI im Norden des US-Bundestaats Virginia das Haus des mutmaßlichen neuen Whistleblowers durchsucht habe. Zu einer offiziellen Stellungnahme war das Justizministerium, auf Isikoffs Anfrage hin, nicht bereit. Konkret soll es sich bei den geleakten Informationen um Details über die Terrorismus-Überwachungsliste der USA handeln, die auf der Enthüllungsplattform "The Intercept" veröffentlicht wurden.

Existenz eines weiteren Informanten "deutlich"

Die Plattform "The Intercept" wird unter anderem von Glenn Greenwald betrieben, dem Journalisten, der 2013 die Snowden-Dokumente veröffentlicht hatte. Bereits zuvor gab es Spekulationen, dass Greenwald und "The Intercept", nach Edward Snowden, noch durch einen weiteren Whistleblower Informationen erhielten. Der US-Sicherheitsexperte Bruce Schneier hatte eine entsprechende Vermutung bereits am 3. Juli in einem Blogeintrag geäußert. Greenwald hatte einen Tag darauf via Twitter eingeräumt, dass die Existenz eines weiteren Informanten "deutlich" sei.

Weiteren Nährboden für die Spekulationen um einen zweiten Whistleblower lieferte ein "Intercept"-Artikel vom 5. August, in dem ein Dokument der US-Regierung veröffentlicht wurde, welches den Namen "Strategische Errungenschaften 2013" trägt. Da sich Edward Snowden zu dieser Zeit bereits in Moskau aufhielt, kann er als Quelle des Geheimdienst-Dokuments ausgeschlossen werden. In dem Bericht ist die Rede von 680.000 Menschen die als "bekannte und mutmaßliche Terroristen" eingestuft werden. Die Hälfte der Personen auf dieser Liste soll laut dem Dokument jedoch "keine bekannten Beziehungen zu Terroristen unterhalten."

"Diese Person ist unglaublich mutig"

Die endgültige Bestätigung für die Existenz eines neuen Whistleblowers liefert eine aktuelle Dokumentation über Edward Snowden mit dem Titel "Citizenfour". In einer Szene treffen sich Greenwald und Snowden und sprechen kurz über die "neue Quelle". Nachdem Greenwald, Snowden einige Informationsdetails vorlegt, antwortet Snowden: "Diese Person ist unglaublich mutig". Woraufhin Greenwald antwortet, "deine Taten waren seine Motivation". Wenig später bestätigte der Autor des "Intercept"-Artikels vom 5. August, Jeremy Scahill, dass es sich bei der Quelle der Dokumente um einen "extrem prinzipientreuen und mutigen Whistleblower handelt", der die Information unter "großem persönlichen Risiko" weitergegeben hat.

Es gibt kaum Information über den neuen Informanten - dies liegt nicht zuletzt daran, dass die US-Regierung laut Isikoffs Quellen eine neue Strategie in Bezug auf die Veröffentlichung von geheimen Informationen anwendet: "Im Justizministerium ist der Appetit auf solche Fälle nicht besonders groß", so die Quelle. Eine Menschenjagd im Licht der Öffentlichkeit will die US-Regierung wohl vermeiden. Im Zusammenhang mit den Snowden-Veröffentlichungen und dem anschließenden Skandal um das NSA-Spionageprogramm wurde die US-Justiz international schwer kritisiert.

In den ersten fünf Jahren der Obama-Administration haben das US-Militär und das Justizministerium sieben Verfahren wegen Veröffentlichung von Geheimdokumenten geführt. Mehr als doppelt so viel wie unter allen bisherigen Präsidenten zusammen. Wie jedoch die USA in Zukunft mit solchen Fällen umgehen wollen, bleibt weiter unklar. Zur Identität, dem Ermittlungsstand, sowie dem aktuellen Aufenthaltsort des neuen Whistleblowers, gibt es bislang keine Informationen.