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MILITÄRAKTION: USA bereiten Vergeltungsschlag vor

Ermittler haben bei der Jagd nach den Hintermännern der Terroranschläge erste Fahndungserfolge erzielt. Eine Spur führt dabei nach Deutschland. Die USA bereiten währenddessen einen militärischen Vergeltungsschlag vor.

Amerikanische und deutsche Ermittler haben bei der Jagd nach den Hintermännern der verheerenden Terroranschläge in den USA erste Fahndungserfolge erzielt. Eine heiße Spur führt dabei nach Deutschland: Möglicherweise lebten 3 der bis zu 24 Flugzeugentführer zeitweise in Hamburg. Dort wurde in der Nacht zum Donnerstag ihr Unterschlupf entdeckt und danach ein Verdächtiger festgenommen.

Die USA bereiteten währenddessen einen militärischen Vergeltungsschlag vor. Die übrigen 18 NATO-Staaten haben sich bereit erklärt, die USA zu unterstützen, wenn die Terrorangriffe tatsächlich vom Ausland aus eingeleitet worden sind.

In den USA läuft bei der Suche nach den Verantwortlichen für die Anschläge ein beispielloser Großeinsatz mit 7000 Beamten. Die Fahnder haben nach Medieninformationen bereits rund 50 Täter und Mittäter identifiziert. Mindestens 12 und bis zu 24 Männer waren nach diesen Erkenntnissen an der Entführung der Flugzeuge beteiligt, die von denen drei auf das World Trade Center und das Pentagon stürzten.

In Deutschland leitete Generalbundesanwalt Kai Nehm am Donnerstag ein Ermittlungsverfahren ein. Nach seinen Angaben besteht der Verdacht, dass sich seit Jahresbeginn in Hamburg eine terroristische Vereinigung gebildet hat. Dabei habe es sich

um Personen mit arabischem Hintergrund und »islamisch-fundamentalistischer Grundhaltung« gehandelt. Ihr Ziel sei es gewesen, zusammen mit anderen islamischen Gruppierungen im Ausland auf »spektakuläre Weise durch Zerstörung von symbolträchtigen Gebäuden« die USA anzugreifen.

Waren Mitglieder der Vereinigung an Bord?

Zwei Mitglieder dieser Vereinigung sollen an Bord der Maschinen gewesen sein, die in die Türme des World Trade Centers rasten. Ein weiteres Mitglied dieser Gruppierung soll an Bord der in Pennsylvania abgestürzten Linienmaschine gewesen sein.

Die Hamburger Behörden waren über das Bundeskriminalamt vom amerikanischen FBI alarmiert worden. Danach waren der 33-jährige Mohammed Atta, der als Passagier des Fluges der American Airlines AA 11 identifiziert wurde, sowie der 23-jährige Marwan Al-Schehi, der an Bord der Fluges AA 175 gewesen sein soll, aus Deutschland eingereist. Nach den Meldeunterlagen stammen beide aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und wohnten legal im Hamburger Stadtteil Harburg. Sie waren als Flugschüler in der Huffman Aviation International in Florida eingeschrieben, meldete der Nachrichtensender CNN. In einer von vier durchsuchten Hamburger Wohnungen wurde ein möglicher Komplize festgenommen, der an einem Flughafen gearbeitet haben soll.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld deutete die Möglichkeit eines baldigen militärischen Vergeltungsschlages an. In einer am späten Mittwochabend aufgezeichneten Botschaft an die Truppen sagte er: »Sehr, sehr viel wird von euch in den

nächsten Wochen und Monaten verlangt werden. Das gilt vor allem für diejenigen draußen im Feld».

USA bereitet Militärschlag vor

Die US-Regierung treibe mit Entschlossenheit die diplomatischen und militärischen Vorarbeiten für einen Militärschlag voran, der sich wahrscheinlich gegen den mutmaßlichen saudischen Terroristenführer Osama bin Laden und Afghanistan richten werde, schrieb die »Washington Post« am Donnerstag. Bisherige Fahndungsergebnisse haben die Annahme verstärkt, dass bin Laden Drahtzieher der Anschläge ist. Das in Afghanistan herrschende Taliban-Regime dementierte Meldungen, wonach bin Laden unter Arrest gestellt wurde. Zahlreiche Ausländer - darunter viele Helfer - haben Afghanistan inzwischen verlassen.

Die NATO betrachtet die Terroranschläge in den USA als Angriff auf das gesamte Bündnis, falls sie von einem fremden Staat aus eingeleitet worden sein sollten. Das teilte Generalsekretär George Robertson am Mittwochabend nach der Sondersitzung des Nordatlantikrates in Brüssel mit. In diesem Fall wären erstmals in der mehr als 50-jährigen Geschichte der NATO alle Mitglieder der Allianz zur gemeinsamen Verteidigung verpflichtet, wobei das Ausmaß der Beteiligung von den Entscheidungen der einzelnen Regierungen abhängen würde. Auch Japan sagte den USA Unterstützung für den Fall von

Vergeltungsmaßnahmen zu.

Scharping warnt vor Panikmache

Dass sich die Bundeswehr direkt an einem militärischen Vergeltungsschlag beteiligt, gilt als unwahrscheinlich. Die Bundesregierung prüft jedoch konkrete Möglichkeiten für einen deutschen Beitrag. Bundeskanzler Gerhard Schröder beriet

darüber am Donnerstag mit den zuständigen Ministern und engen Mitarbeitern. Verteidigungsminister Rudolf Scharping warnte jedoch vor Panikmache. »Wir stehen nicht vor einem Krieg, wir stehen vor der Frage, was ist eine angemessene Antwort«, sagte er in der ARD.

In ganz Deutschland trauerten am Donnerstag hunderttausende Menschen um die Opfer. In vielen Betrieben ruhte ab 10.00 Uhr für fünf Minuten die Arbeit. Busse und Bahnen standen still. Mehrere Rundfunk- und TV-Sender unterbrachen ihr Programm oder spielten Trauermusik. Die EU erklärte den 14. September zum »Tag der Trauer«. Der belgische Außenminister und amtierende EU-Ratspräsident Louis Michel rief die Europäer dazu auf, an diesem Freitag um 12.00 Uhr mit drei Schweigeminuten den verheerenden Anschläge zu gedenken. Die EU- Verkehrsminister wollen bei einer Sondersitzung am Freitagabend in Brüssel über die Sicherheit im Flugverkehr beraten.

Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist nach wie vor unklar. In New York, wo die Reste des Südturmes des World Trade Centers und Teile eines weiteren Hochhauses einstürzten, wurden bis Donnerstag 5000 Menschen als vermisst gemeldet und 94 Tote gezählt. Nur fünf Menschen wurden lebend aus den Tonnen von Trümmern geborgen. Für die Verschütteten gibt es kaum mehr Chancen. Im zerstörten Teil des Washingtoner Pentagons wurden 200 Menschen vermisst und mehr als 70 Leichen geborgen.

Börsen bleiben geschlossen

Die drei großen Verkehrsflughäfen im Großraum New Yorks sollten noch am Donnerstag wieder teilweise geöffnet werden. Die amerikanischen Wertpapierbörsen und Warenterminmärkte blieben wegen der Terroranschläge dagegen auch am Donnerstag geschlossen.