Monrovia "Nur noch raus aus der Höllenstadt"

Das Blutbad, in das Rebellen und Regierungssoldaten Liberias Hauptstadt Monrovia im Konflikt um den umstrittenen Staatschef stürzen, ist gewaltig. Tausende Zivilisten fliehen aus der Stadt.

"Wenn man versucht, mich vorzeitig aus dem Amt zu jagen, wird das in einem Blutbad enden", hatte Liberias Staatschef Charles Taylor gewarnt. Das Blutbad, in das Rebellen und Regierungssoldaten die Hauptstadt Monrovia nun stürzen, ist gewaltig. "Nur noch raus aus dieser Höllenstadt", sagt einer der Tausenden Einwohner, die panisch aus der Stadt fliehen. "Hier herrscht Endzeitstimmung."

Seit die Rebellen der Vereinten Liberianer für Versöhnung und Demokratie (LURD) am Mittwoch ihren Vorstoß zum endgültigen Sturz von Präsident Taylor begannen, sind selbst Wohnviertel der Stadt zu Schlachtfeldern geworden. Dutzende Leichen liegen auf den Straßen. "Wir können nicht sagen wie viele, weil die Kämpfe keine Einschätzung möglich machen", sagte eine Sprecherin der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Ärzte kommen kaum nach

"In dem provisorisch eingerichteten Krankenhaus auf unserem Gelände haben wir mindestens 150 Verwundete behandelt." Mehr als 40 Schwerverletzte seien in die Klinik des Roten Kreuzes gebracht worden. "Die Chirurgen kommen bei den Notfällen kaum nach", sagte die Sprecherin.

Nachdem das einzige öffentliche Krankenhaus evakuiert werden musste, seien mindestens 200 Verwundete in der privaten John F. Kennedy-Klinik behandelt worden, sagte dort ein Sprecher. "Die Lage ist sehr, sehr unsicher für die Menschen hier." In Teilen der Stadt gebe es keine Wasser- oder Stromversorgung.

Flucht aus der Hauptstadt

Am Donnerstag vormittag nutzten Hunderte Menschen eine Kampfpause, um aus ihren Verstecken zu fliehen. Nachdem in den letzten Monaten Hunderttausende aus dem umkämpften Umland nach Monrovia gekommen waren, setzte nun der Rückwärtsstrom ein. Sammeltaxen drängten sich vor der Stadthalle, in der über tausend Menschen die Nacht verbracht hatten. "Um uns aus der Stadt zu bringen, verlangen die Fahrer nun das Zehnfache des Preises", klagte ein Mann.

"Jetzt hat Taylors letzte Stunde geschlagen."

"Präsident Taylor hat die Chance verspielt, uns einen derartigen Wechsel zu ersparen", sagt eine Frau in der Menge. "Jetzt hat Taylors letzte Stunde geschlagen." Taylors Spiel auf Zeit funktionierte nicht: Noch letzte Woche, als die Rebellen schon einmal Monrovia gestürmt hatten, stimmte der unter Druck geratene Staatschef dem von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas vermittelten Waffenstillstand zu. Doch von der darin festgeschriebenen Bildung einer Übergangsregierung "ohne den amtierenden Präsidenten" wollte er kurz darauf schon nichts mehr hören.

Erneute Präsidentenkandidatur vorbehalten

Er werde nicht zurücktreten, so lange ein internationaler Haftbefehl des UN-Gerichtshofs in Sierra Leone gegen ihn bestehen bleibe. Er werde seine Amtszeit bis zum nächsten Januar ausschöpfen und sich auch eine erneute Kandidatur vorbehalten. Die Ankläger werfen Taylor die Unterstützung der Rebellen im acht Jahre währenden Bürgerkrieg des Nachbarlands vorgeworfen wird.

Rebellen waren noch nie so nah am Ziel

Seit der ehemalige Buschkämpfer 1997 gewählt wurde, trug er seine Geschäfts- und Machtinteressen nicht nur auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung aus, sondern mischte auch in Konflikten der Nachbarn Sierra Leone und Guinea mit. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge Ruud Lubbers bezeichnete ihn kürzlich sogar als Wurzel allen Übels der westafrikanischen Konfliktregion.

Seit 1999 versuchen die Rebellen Taylor zu stürzen. "Noch nie waren sie so nah dran wie diesmal", sagt ein Beobachter. Doch die traumatisierten Menschen in Monrovia zweifeln, ob dieser Sturz das Ende der Konflikte bedeuten würde, die das Land in den letzten 14 Jahren fast pausenlos erschüttert haben.

Auch US-Botschaft angegriffen

Bei den erbitterten Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungstruppen in Liberias Hauptstadt Monrovia ist am Mittwochabend auch ein Wohngelände der US-Botschaft unter Beschuss geraten. Mindestens drei Liberianer starben, berichteten Augenzeugen am Donnerstag.

Eingreifen der USA gefortdert

Nach blutigen Gefechten in der liberianischen Hauptstadt Monrovia wird bei den Vereinten Nationen der Ruf nach einem militärischen Eingreifen der USA lauter. Der britische UN-Botschafter Sir Jeremy Greenstock rief Washington am Donnerstag zur Intervention auf. In Monrovia flüchteten unterdessen Tausende vor den Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungsarmee. Helfer sprachen von Dutzenden Toten und mindestens 350 Verletzten.

So wie Großbritannien geholfen habe, den Bürgerkrieg in Sierra Leone zu beenden und Frankreich sich im Kongo engagiere, müsse auch in Liberia eine Nation die Führung übernehmen, sagte Greenstock. Die USA seien dafür "nach Ansicht aller der natürliche Kandidat". Liberia war 1847 von frei gelassen Sklaven aus den USA gegründet worden. Im Juli will US-Präsident George W. Bush mehrere Staaten Afrikas besuchen.

In Washington gab es zunächst keine offizielle Reaktion auf die Äußerungen Greenstocks, der am Donnerstag im Auftrag des UN- Sicherheitsrats nach Westafrika reisen wollte. Auch Diplomaten anderer Länder hätten ihre US-Kollegen gebeten, dass Washington etwas gegen das Blutvergießen unternehme, hieß es in UN-Kreisen.

DPA

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