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Nahost: Luftkrieg statt Nahkampf

Das israelische Kabinett hat beschlossen, die Bodenoffensive im Libanon nicht auszuweiten. Die Begründung: Im Nahkampf ist die israelische Armee zu verletzlich. Stattdessen sollen Dörfer aus der Luft "in Sandkästen verwandelt" werden.

Die israelische Regierung hat sich gegen eine von der Armee empfohlene Ausweitung der Bodenoffensive gegen die libanesische Hisbollah-Miliz entschieden. Reservisten sollten nur für einen Austausch der eingesetzten Truppen mobilisiert werden, berichtete der israelische Rundfunk aus einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in Jerusalem. Einen Tag nach den bisher schwersten Verlusten der Israelis bei Gefechten um die Hisbollah-Hochburg Bint Dschbeil kritisierten mehrere Minister die bisherige Taktik und rieten, auf Nahkampf möglichst zu verzichten. Unterdessen gab es neue Angriffe beider Seiten.

Dörfer in Sandkästen verwandeln

Der israelische Justizminister Chaim Ramon hatte sich gegen eine Ausweitung der Offensive ausgesprochen. "Jeder im Süden Libanons ist ein Terrorist und mit der Hisbollah verbunden", sagte Ramon dem Armeeradio. "Unser großer Vorteil gegenüber Hisbollah ist unsere Feuerkraft, nicht der Kampf von Mann gegen Mann." Arbeitsminister Eli Ischai forderte: "Wir sollten Ortschaften, die Widerstand leisten, aus der Luft angreifen, nachdem die Einwohner zum Verlassen aufgefordert haben. Dörfer, in denen sich Hisbollah-Terroristen verstecken, sollten wir nicht betreten, bevor wir sie in Sandkästen verwandelt haben." Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert sagte während der Sitzung, die gesteckten Ziele der Militäroffensive würden erreicht.

Die Gefechte gehen weiter

Bei mehr als 90 israelischen Luftangriffen auf Ziele im Südlibanon und in der östlichen Bekaa-Ebene wurden mindestens drei Menschen getötet. Ein libanesischer Polizist und zwei Zivilisten starben, als eine israelische Bombe mehrere Fahrzeuge in der Nähe von Kark in der Bekaa-Ebene traf, teilte die Polizei in Beirut mit. Am Vorabend hatte die israelische Luftwaffe eine libanesische Armeekaserne in Amtschit, 40 Kilometer nördlich von Beirut, angegriffen.

Die radikal-islamische Hisbollah-Miliz feuerte bis zum Nachmittag mehr als 30 Raketen auf Nordisrael ab, die Sachschaden anrichteten. Eine Armeesprecherin teilte mit, im Umkreis der Stadt Safed seien mindestens zehn Katjuscha-Raketen eingeschlagen. Israelische Medien berichteten, der Angriff habe vor Ort einen größeren Waldbrand ausgelöst.

Unterdessen konnte sich der Weltsicherheitsrat nicht auf eine Erklärung zum israelischen Angriff auf einen UN-Posten im Südlibanon einigen. Eine von der Mehrheit der Ratsmitglieder angestrebte Verurteilung des Angriffs scheiterte am Mittwochabend (Ortszeit) am Veto der USA. Die Verhandlungen sollten an diesem Donnerstag fortgesetzt werden.

Ausschuss tagt über Krisenregion

Einen Tag nach der internationalen Nahost-Konferenz in Rom, die sich für eine Waffenruhe und eine rasche Stationierung einer internationalen Truppe unter UN-Mandat eingesetzt hatte, ließ sich der Auswärtige Ausschuss des Bundestags von Außenminister Frank-Walter Steinmeier über die Lage in der Krisenregion unterrichten. In Jerusalem wollten der EU-Ratsvorsitzende Erkki Tuomioja und EU- Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner mit Olmert und Außenministerin Zipi Liwni zusammentreffen.

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Frankreich strebt Anfang nächster Woche ein Treffen der Außenminister des UN-Sicherheitsrates an, um eine Resolution für einen Waffenstillstand in Libanon zu verabschieden. Den Entwurf für eine solche Resolution habe Frankreich bereits vorgelegt, sagte Außenminister Philippe Douste-Blazy am Donnerstag im Rundfunk. Die Beratungen im Sicherheitsrat auf der Ebene der Botschafter beginnen nach seinen Worten noch am Donnerstag. Frankreich ist derzeit Präsident des Rates.

"Eine teuflische Spirale der Gewalt"

Sollte dieser die Lage im Libanon nicht unter Kontrolle bringen, könnte "eine teuflische Spirale in Gang gesetzt werden", sagte Douste-Blazy. "Das beträfe nicht nur Israel und die Hisbollah, sondern auch in zunehmenden Maße Israel und die arabischen Länder sowie den Westen und moslemische Welt." Zugleich äußerte er sich enttäuscht, dass die Libanon-Konferenz am Vortag in Rom nicht zu einer sofortigen Feuereinstellung aufgerufen hat.

Der französische Resolutionsentwurf sieht eine Entwaffnung der Hisbollah vor, die bedingungslose Freilassung der zwei entführten israelischen Soldaten und die Schaffung einer Sicherheitszone in Südlibanon an der Grenze zu Israel. Frankreich setze sich zudem für die Freilassung libanesischer Häftlinge in Israel ein sowie für die Stationierung libanesischer Truppen im Süden des Landes, sagte der Minister. Eine internationale Truppe unter UN-Mandat könne erst dorthin entsandt werden, wenn in der Region ein stabiler Waffenstillstand herrsche.

Tote in Gaza und im Libanon

Ein libanesischer Polizist und zwei Zivilisten starben bei einem israelischen Luftangriff in der Nähe von Kark in der Bekaa-Ebene, wie die Polizei in Beirut mitteilte. Aus der zuvor heftig umkämpften südlibanesischen Stadt Bint Dschbeil meldete das israelische Militär am Donnerstag sporadische Gefechte. Israelische Kampfflugzeuge schossen am Donnerstag 30 Raketen auf die südlibanesische Ortschaft Iklim al Tuffa ab, die ebenfalls als Hochburg der Hisbollah-Miliz gilt. Es wurden zivile Opfer befürchtet, doch konnten die Rettungsmannschaften zunächst nicht zu der Ortschaft vordringen.

Im Gazastreifen wurde am Donnerstag eine 75-jährige Palästinenserin nach palästinensischen Angaben tödlich getroffen, als eine israelische Granate in ihrem Haus in Dschabalia eingeschlug. Bereits in der Nacht hatten israelische Kampfflugzeuge ein mutmaßliches Waffenlager militanter Palästinenser im Flüchtlingslager Dschabalia angegriffen. Wie es hieß, waren die Anwohner zuvor aufgefordert worden, das Gebiet zu verlassen.

Al Kaida warnt vor Konsequenzen

Der Vize-Chef der al Kaida, Aiman al Sawahri, warnt dem Fernsehsender Al Dschasira zufolge Israel vor Konsequenzen bei einer Fortsetzung der Offensive gegen die Hisbollah und die Palästinenser. Der Sender teilte am Donnerstag mit, in Kürze ein Video Sawahris auszustrahlen. Darin warne dieser, dass die Al-Kaida nicht ruhig bleibe, sollte Israel weiter gegen die libanesische Miliz vorgehen.

Nach einer libanesischen Umfrage heißen 87 Prozent der Libanesen den Kampf der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz gegen Israel gut. Die Umfrage des Beiruter Studien- und Informationszentrums (BCRI) wurde am Donnerstag in der libanesischen Hauptstadt veröffentlicht. 70 Prozent der rund 800 Befragten bejahten zudem die Frage, ob es richtig war, dass die Hisbollah am 12. Juli zwei israelische Soldaten über die Grenze hinweg in den Libanon verschleppte. Dies war der Auslöser der israelischen Angriffe.

Umfragen belegen große Unterstützung

Die Unterstützung für den Krieg gegen die libanesische Hisbollah ist auch in Israel ungebrochen groß. Laut einer Umfrage der Zeitung "Maariv" wächst aber auch die kleine Zahl jener, die sich für einen Stopp der Angriffe auf Südlibanon aussprechen. Die Unterstützung einer gewaltsamen Vertreibung der Hisbollah aus dem Grenzgebiet ist in der vergangenen Woche von 90 Prozent auf 82 Prozent gesunken, wie aus den am Donnerstag veröffentlichten Umfrageergebnissen hervorgeht.

Die Zahl der Befürworter einer sofortigen Waffenruhe stieg von acht auf zwölf Prozent, was aber im Rahmen der Fehlerquote der Umfrage von 4,3 Prozent liegt. Unverändert sind 95 Prozent der Befragten der Ansicht, der Angriff auf Libanon sei eine gerechtfertigte und richtige Antwort auf die Entführung zweier israelischer Soldaten und die Tötung von acht weiteren Soldaten am 12. Juli.

Belgier verklagen Israel wegen Kriegsverbrechen

Wegen des Krieges im Libanon will ein belgisches Paar offenbar eine Klage gegen die israelische Führung einreichen. Wie die Zeitung "Le Soir" am Donnerstag berichtete, plant das Ehepaar libanesischer Herkunft den israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert wegen Kriegsverbrechen vor einem belgischen Gericht zu verklagen. Auch die Namen des israelischen Verteidigungsministers Amir Peretz und des Generalstabschefs Dan Hanuz würden in der Beschwerde genannt, schrieb das belgische Blatt.

Die belgische Rechtsprechung erlaubt es, auch von Ausländern im Ausland verübte Kriegsverbrechen in Belgien zu verfolgen und wurde in der Vergangenheit bereits erfolgreich angewendet. Vor rund einem Jahr hatte ein Gericht zwei Halbbrüder aus Ruanda für schuldig befunden, Hutu-Milizen während des Völkermordes 1994 bei der Tötung von rund 50.000 Menschen geholfen zu haben. "Le Soir" zufolge werden im Zusammenhang mit dem jüngsten Krieg im Nahen Osten noch weitere Klagen erwartet.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters