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Nervenkrieg in Toulouse dauert an "Eine brandgefährliche Situation"


Er ist schwer bewaffnet und er hält die Polizei bereits den ganzen Tag in Atem. Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse hat sich verschanzt. Niemand weiß, wie lange er noch durchhält.
Von Tilman Müller, Toulouse

Die Nachbarschaft, in der Mohammed Merah seine barbarische Mordserie startete, heißt Côte Pavée. Ein vollkommen normales Viertel mit Metzgerläden, wie wir sie aus Chabrol-Filmen kennen, mit gemütlichen Bistros, in denen die Toulouser besonders gerne confit d’oie verspeisen, eingemachtes Gänsefleisch. Vor manchen Wohnhäusern stehen schöne Palmen, frühjährlich blühen schon die Magnolien und wie überall in Frankreich gibt es auch in diesem bürgerlichen Quartier nicht weni-ge Rentner und zahllose Apotheken, dazu viele quirlige junge Leute, die Bio essen und Kenzo tragen.

Weniger indes sieht man hier Leute wie den 24-jährigen Mohammed Merah, der aus Algerien stammt. "Einwanderer aus dem Maghreb sind bei uns eher eine Seltenheit", sagt die nette Apothekerin, die in Côte Pavée schon seit Jahrzehnten Medikamente unter die Leute bringt. Die Straße, in der Merah lebt, Frankreichs "L'Ennemi Public No. 1" (Staatsfeind Nummer eins), kennt sie ganz genau. Höchstens vier oder fünf Häuser, sagt sie, sind dort von Maghrebinern bewohnt, mehr nicht.

"Eine brandgefährliche Situation"

Bei einem Rundgang fällt schnell auf, dass in dem Viertel prozentual mit Sicherheit weit weniger Ausländer leben als in Berlin-Neukölln oder in Hamburg-Ottensen. Zur Rue du Sergent Vi-gné, wo der mutmaßliche Serienkiller seit dem frühen Morgen im Hochparterre eines schmucklosen Miethauses von der Polizei belagert wird, ist freilich kein Durchkommen. Weiträumig ist die in der Nähe eines Sportfelds gelegene Straße abgesperrt, überall Gendarmen und Kamera-Teams. Kollegen aus Japan, Norwegen oder England kamen nach Toulouse gejettet. Alle Welt will wissen, wie der Showdown zwischen den französischen Elitepolizisten und dem fanatischen Al-Kaida-Killer ausgeht, der kaltblütig sieben Menschen erschoss.

Morgens gegen 5 Uhr 30 habe er plötzlich Schüsse gehört, sagt Gérard Lucas, der etwa 50 Meter von Merahs Wohnung entfernt lebt. "Ich war gerade aufgestanden und auf dem Weg zur Arbeit", so der Nachbar; drei Männer der Spezialtruppe GIGN (Groupe d’Intervention de la Gendarmerie) seien durch Merahs Schüsse verwundet worden, einer sogar am Kopf. Am Vormittag gab es dann Verhandlungen zwischen der Polizei und Merah. Um 14.30 Uhr, versprach der Attentäter, wolle er sich ergeben. Doch dann überlegte er es sich anders, und der Nervenkrieg begann von neuem. "Das ist ein brandgefährliche Situation", sagt Lucas, "der Mann hat jede Menge Waffen bei sich, wir Nachbarn hatten uns schon gewundert, warum die Fenster seiner Zweizimmerwohnung immer geschlossen waren."

Seit Tagen Jagd auf Terroristen

Inzwischen wurde das Haus in der Rue du Sergent Vigné Nummer 17, wo sich Merah verschanzt hält, vollkommen evakuiert. Präsident Nicolas Sarkozy begab sich am Nachmittag, als es nach einer Aufgabe Merahs aussah, eilends in das über Nacht berühmt gewordene Toulouser Viertel. Fuhr mit großer Wagenkolonne kurz vor 15 Uhr in die Militärkaserne "Perignon" ein und verließ das Gebäude bald wieder kommentarlos. Von der "Perignon"-Kaserne aus machen die Einsatzkräfte seit Tagen Jagd auf den Terroristen – leider entdeckten sie erst gestern Abend, dass sich Merah nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt versteckt hält.


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