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Nordkorea: Eine Diktatur übt sich in Dialogkultur

Von einer "Charme-Offensive" ist Nordkorea weit entfernt. Doch Pjöngjang wünscht sich gute Beziehungen zu Europa als "Gegenpol" zur USA. Wegen seiner historischen Erfahrungen umwirbt das Kim-Regime jetzt auch Deutschland.

Nordkorea hat im Konflikt mit den USA um sein Atomprogramm eine aktive Außenpolitik eingeschlagen. "Sie haben das Geschäft gelernt, nicht mehr nur der böse Junge zu sein, der herumpöbelt, sondern sich positiver darzustellen", fand der CSU-Politiker Hartmut Koschyk auf seiner dritten Mission in das schwierige Land, das sich wie kein anderes von der Welt abschottet. Das "Spiel auf der außenpolitischen Klaviatur" lasse etwas mehr Flexibilität erkennen.

Nordkorea selbst verweist auf erste Erfolge: Der Besuch von Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi am 22. Mai, konkrete Fortschritte im innerkoreanischen Verhältnis, die Visite von Machthaber Kim Jong Il in China im April und das Verständnis des alten Freundes Russlands. Alles zusammen lässt die Position Pjöngjangs vor der neuen Gesprächsrunde über ein Ende seines Atomwaffenprogramms in zwei Wochen schon besser aussehen.

Werben um Deutschland

Ohnehin sind die USA weltpolitisch in der Defensive wegen des Iraks und der Foltervorwürfe. Die bevorstehende US-Präsidentenwahl im November lässt wenig Bewegung in der Sechser-Runde mit Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland erwarten. Chinas oberster Vermittler Ning Fukui wünscht sich mehr Bewegung sowohl Nordkoreas als auch der USA, doch meinte ein Kenner: "Vor den Wahlen passiert da nichts mehr." In dem Stillstand entdeckt Nordkorea die Gespräche als Plattform, um aktiv auf der diplomatischen Weltbühne zu agieren, und umwirbt jetzt auch Deutschland als "Lokomotive" in Europa. In Ermangelung anderer Kontakte des isolierten Landes gewann die Visite der sechs Bundestagsabgeordneten damit hochpolitischen Charakter.

Von einer "Charme-Offensive" ist Nordkorea sicher weit entfernt, doch wurde die Delegation hochrangig von Staatsoberhaupt Kim Yong Nam empfangen. Statt Monologen gab es Dialog. Auch der Wunsch nach einer offenen Diskussionsveranstaltung wurde erfüllt. Anders als früher üblich, verließen die Spitzenfunktionäre nicht demonstrativ den Saal, als etwa Menschenrechtsverletzungen angesprochen wurden, sondern blieben sitzen, wohl etwas unruhig, und übten sich in europäischer Dialogkultur. Sie hießen ausdrücklich die Arbeit politischer Stiftungen im Land willkommen. Und die Verweigerung von Visa für einige begleitende Journalisten wurde als "Panne" eines Systems bedauert, in dem der eine oft nicht weiß, was der andere tut.

Das Regime in Pjöngjang wünscht sich gute Beziehungen zu einem starken Europa, das als "Gegenpol" zur Supermacht USA wirken soll. Es spricht vom "Trend zur multipolaren Welt" und kopiert damit wörtlich außenpolitische Positionen Chinas. Koschyk betont, es sei "nicht unsere Rolle", irgendwie gegen die Amerikaner zu agieren, findet aber, Deutschland solle auf der koreanischen Halbinsel als "ehrlicher Makler" auftreten und zur Stabilisierung beitragen. Dafür besitzt Deutschland als wiedervereinigtes Land einzigartige Erfahrungen und genießt besondere Glaubwürdigkeit - "weil das deutsche Volk das Unglück und Leiden der Teilung erlebt hat", wie Kim Yong Nam sagte.

Großes Interesse an deutscher Kultur und Sprache

Großes Interesse herrscht in beiden Staaten Koreas an deutscher Kultur und Sprache. Erst Anfang des Monats eröffnete das Goethe-Institut ein Informationszentrum in Pjöngjang. Koschyks einflussreicher Gesprächspartner im Parlament, Ri Jong Hyok, hat in Leipzig studiert und spricht bestens Deutsch. Als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Friedenskomitees ist die "graue Eminenz" für die Beziehungen zu den USA und Japan zuständig und baut Kontakte zu Südkoreas Parlament aus. Es erinnert plötzlich an das chinesische Entwicklungsmodell, wenn Ri Jong Hyok pragmatisch sagt: "Unterschiede in der Gesellschaftsordnung sollten kein Hindernis für die intensive Ausgestaltung unserer Beziehungen sein."

Andreas Landwehr/DPA / DPA