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Codename "Titanpointe": Das ist der mysteriöseste Wolkenkratzer New Yorks

Es hat keine Fenster und sieht aus wie ein Bunker. Offiziell dient das "Long Lines Building" in Manhattan der Firma AT&T als Kommunikationszentrum. Recherchen einer Investigativplattform wollen beweisen: Die NSA betreibt hier eine Spionage-Einrichtung.

Long Lines Building

Das "Long Lines Building" ist ein fensterloser Wolkenkratzer in New York 

Der Wolkenkratzer in der 33 Thomas Street ist der wohl mysteriöseste New Yorks. Er hat keine Fenster, eine bedrohliche Fassade und ist bei Nacht in völlige Dunkelheit gehüllt. Seit Jahrzehnten ranken sich Legenden um diese "Festung des 20. Jahrhunderts", die eine "Armee von Maschinen im Inneren" beherbergen sollte, wie es die Bauherren des "Long Lines Buildings" einst schrieben.

Die Investigativ-Plattform "The Intercept" hat nun eine Recherche veröffentlicht, in der sie dem Mythos des Betonkolosses auf den Grund geht. Dokumente, die der Whistleblower Edward Snowden der Plattform zuspielte, sollen offenbaren: Unter dem Codenamen "Titanpointe" betreibt der Geheimdienst NSA "eine der wichtigsten Abhöreinrichtungen auf US-Boden" - und das mitten in Manhattan.

Erbaut wurde das Hochhaus zwischen den Jahren 1969 und 1974. Schon damals war den Architekten klar, es würde kein gewöhnliches werden. Als "Projekt X" bezeichnet sollte ein Gebäude entstehen, das mehr Bunker als Bürogebäude war. Es musste gar in der Lage sein, einen Atomschlag zu überstehen. Das Gebäude mit 29 fensterlosen Stockwerken sollte auch über genug Vorräte verfügen, um 1500 Menschen im Notfall zwei Wochen lang versorgen zu können. Im Katastrophenfall sollte es zu einer "sich selbst versorgenden Stadt" in der Stadt werden. Doch warum der ganze Aufwand? Und vor allem: für wen?

Snowden-Dokumente: Spionageeinrichtung der NSA 

Im "Long Lines Building" befindet sich das weltweit größte Zentrum für die Abwicklung von Ferngesprächen. Betrieben wird es von der "New York Telephone Company", einer Tochtergesellschaft des US-Kommunikationsriesen AT&T. Die Technologie im Inneren ist offenbar so wichtig, dass sie durch meterdicke Betonmauern geschützt werden muss. So viel war bekannt.

Szene aus "Democracy - Im Rausch der Daten"


Die Recherchen von "The Intercept" kommen nun zu dem Ergebnis, dass der US-Geheimdienst NSA hier offenbar eine Abhöreinrichtung betreibt, um "Telefongespräche, Faxe und Internet-Daten abzufangen". Laut geheimen NSA-Dokumenten, die "The Intercept" von Edward Snowden erhalten haben will, trägt die Einrichtung den Codenamen "Titanpointe".

"Überwachungsanlagen an mindestens 59 Standorten"

Die Dokumente zeigen demnach, dass die NSA in dem Gebäude eine geheime Einrichtung betreibt, über die beispielsweise die Vereinten Nationen, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, sowie US-Alliierte - darunter auch Deutschland - abgehört wurden. Dass AT&T mit der NSA zusammengearbeitet hat, ist bekannt - der Konzern ist bei Weitem nicht der einzige, der es der NSA ermöglichte, auf Daten zuzugreifen. Die Behörde soll laut "The Intercept" "strategische Partnerschaften" mit über 80 Firmen unterhalten. Einige zeigten sich dabei kooperativer als andere. AT&T werde jedoch nachgesagt, seit jeher ein besonders enges Verhältnis zur US-Regierung zu unterhalten. Vergangenes Jahr hatten Recherchen der "New York Times" und ProPublica offenbart, dass AT&T der NSA Zugriff auf Milliarden Emails ermöglicht hat.

Die Dokumente von Edward Snowden zeigen nun, wie eng diese Verbindung wirklich ist. Demnach hat die NSA ihre eigenen Geräte und Ausrüstung in einem "abgesicherten Raum" in dem AT&-Gebäude platziert, die es ihr ermöglicht, das Netzwerk der Firma anzuzapfen und Internet-Daten sowie Telefongespräche abzuhören. "Titanpointe" ist dabei offenbar nur die Spitze des Eisbergs - die Snowden-Dokumente, die "The Intercept" vorliegen, zeigen angeblich auch, dass "AT&T an mindestens 59 Standorten in den USA Überwachungsanlagen platziert hat".

"Lithium" geheimer Codename der NSA für AT&T

Auch sollen die Dokumente Reiseanleitungen für NSA-Mitarbeiter beinhalten, die ihnen erklären, wie sie zum geheimen Standort "Titanpointe" gelangen, der sich in New York City in einem Gebäude des NSA-Partners "Lithium" befände. "Lithium" sei der geheime Codename der NSA für AT&T. Ein weiteres Indiz für die regelmäßige NSA-Präsenz in dem AT&T-Gebäude sei, dass vor dem Gebäude Parkplätze für Mitarbeiter von Regierungsbehörden reserviert sind. Zudem werden Mitarbeiter in den NSA-Reiseanleitungen aufgefordert, Kleidung zu tragen, die es ihnen erlaubt, "sich der Umgebung anzupassen".

Auch sollen die Snowden-Dokumente bestätigen, dass "Titanpointe" eine zentrale Rolle in dem großangelegten NSA-Spionageprogramm BLARNEY spielt, über das Regierungsorganisationen, Firmen und "mindestens 38 Länder" weltweit ausspioniert wurden. Die NSA wollte sich auf Anfrage von "The Intercept" nicht zu den Vorwürfen äußern. Ein Sprecher von AT&T gab an, die Firma "erlaubt keiner Regierungsbehörde sich direkt mit unserem Netzwerk zu verbinden oder es in sonstiger Weise zu kontrollieren, um an Kundendaten zu gelangen". Darüber hinaus hätten NSA-Mitarbeiter "keinen Zugang zu einem geheimen Raum in dem uns gehörenden Teil der 33 Thomas Street".