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Interview

Obama-Berater Ben Rhodes: "Assads Sturz hätte die grundlegenden Probleme Syriens nicht gelöst"

Ben Rhodes hat Obamas Außenpolitik maßgeblich mitbestimmt – das Atomabkommen mit dem Iran, die Annäherung an Kuba. Und die Zurückhaltung im Syrien-Krieg. Ein Gespräch über den Sinn von Krieg und den Platz von Idealismus.

Ben Rhodes

Ben Rhodes hat seine Meinung über Militärschläge geändert: Auf Dauer würden sie die Situation in Krisenländern nicht verbessern

Getty Images

Mr. Rhodes, zu Beginn Ihrer Zeit im Weißen Haus waren Sie ein Verfechter von humanitären Interventionen, von militärischen Einsätzen für Menschenrechte. Am Ende empfahlen Sie auch in Syrien keinen Einsatz mehr, um Zivilisten zu schützen. Kann man nicht humanitär denken, wenn man im Weißen Haus Politik macht?

Das ist die Evolution, die ich in meinem Buch beschreibe. Ich war Teil der Generation politisch links denkender Menschen, die an humanitäre militärische Interventionen glaubten. Da kam ich her. Ich war am Anfang begeistert vom arabischen Frühling. Ich habe die militärischen Angriffe gegen Gaddafi in Libyen unterstützt - das war für mich eine Möglichkeit, zehntausende Leben zu retten und zu zeigen, dass humanitäre Intervention funktioniert. Und ich war ein klarer Befürworter für eine Intervention in Syrien in 2012 und 2013. Aber dann passierten einige Dinge.

Welche meinen Sie?

In Libyen stürzten wir Gaddafi. Und dann gab es da nichts. Keine Institutionen. Ein Land, traumatisiert von einer jahrzehntelangen Diktatur: Dort gibt es keine politische Kultur anders als den starken Mann und Gewalt. Auch in Afghanistan - egal, wie viele Truppen wir dort hatten, es hat sich kaum etwas verbessert. Ich konnte mich diesen Fakten nicht verweigern. Afghanistan, Irak, Libyen - drei Kriege, die wir geführt haben, um Regime zu stürzen. Und alle drei Kriege verbesserten zwar die Situation etwas in diesen Ländern. Auf der anderen Seite brauchte es einen solchen Einsatz und Aufwand, um die Länder zusammen zu halten - das war unglaublich. Billionen von Dollar, viele Jahre, Soldaten.

In unseren Konferenzen war ich einer der ganz wenigen, der militärische Eingriffe in Syrien forderte. Das US-Militär wollte davon nichts wissen. Ich sagte: Warum bombardiert ihr nicht Assads Landebahnen, von denen die Flugzeuge starten, die Fassbomben auf Kinder werfen? Und Obama sagte zu mir, manchmal durchaus genervt: "Und dann? Was tue ich dann am nächsten Tag, wenn sie die Landebahn wieder repariert haben?" Was er meinte: Manchmal verkaufen wir, die wir für Menschlichkeit plädieren, einen Traum - den Traum, dass einzelne Militärschläge ein solches Problem lösen können. Er sagte immer: "Wir können in Syrien nichts ändern, wenn wir einzelne Raketen abfeuern. Assad wird nicht gehen. Russland und Iran unterstützen ihn. Wir müssten ihn stürzen. Das ist der einzige Weg, ihn davon abzuhalten, seine Leute zu töten. Und das bedeutet Krieg, keine Raketenabwürfe, sondern Krieg." Und diesen Argumenten konnte ich nichts gegensetzten.

Doch Obama zog selber eine "Rote Linie", sollte Assad Giftgas einsetzen.

Ich halte die Geschichte rund um Obamas "Rote Linie” im Angesicht der Giftgasangriffe für einen Mythos. Wenn wir damals Raketen nach Syrien geschossen hätten, hätten wir diese Rote Linie unterstrichen. Aber es hätte nichts geändert. Assad wäre noch an der Macht gewesen. Und selbst wenn wir ihn gestürzt hätten, hätte das die grundlegenden Probleme des Landes nicht gelöst.

Ben Rhodes

Am 14. Februar erschien Ben Rhodes Buch "Im Weißen Haus: Die Jahre mit Barack Obama"

Gab es nicht früher einen Zeitpunkt, zu dem die Opposition mit Hilfe aus dem Westen stark genug gewesen wäre, Assad zu stürzen?

Das ist tatsächlich eine wirksamere Kritik als die Kritik an der Roten Linie. Denn im August 2013, als Obama diese Linie zog, war Syrien bereits auseinander gefallen - Assad wäre niemals gegangen. Russland und Iran hatten bereits deutlich gemacht, dass sie nichts auslassen würden, um ihn zu halten. Ich glaube, die interessante Zeit davor ist im Jahr 2011. Die Frage ist, ob man Assad damals militärisch hätte ausschalten sollen oder ihn im Land hätte bekämpfen lassen sollen. Aber auch damals wäre die Frage gewesen, was dann geschehen wäre - es gibt kein Beispiel, in dem die USA einen Diktator stürzt, und es danach keine Art von Vakuum und dadurch Gewalt und Bürgerkrieg gibt. Ich bin also sehr viel skeptischer geworden, was diese Politik angeht. Und das amerikanische Volk war einfach absolut gegen einen weiteren Krieg.

Sie haben also Ihren Idealismus im Weißen Haus verloren?

Obama würde sagen, man muss die Welt sehen, wie sie ist, um zu verstehen, wie die Welt sein könnte. Man muss die Grenzen sehen und wo du wirklich etwas verändern kannst. Um ein Idealist sein zu können, darf man nicht naiv sein.

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