HOME

Obama vs. McCain: Was Russland über die US-Wahl denkt

Das amerikanisch-russische Verhältnis ist so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Trotzdem oder gerade deshalb schaut Russland zurzeit besonders gebannt auf die US-Wahlen. Sie meisten favorisieren Barack Obama als Präsident - ganz im Gegensatz zu den Exil-Russen.

Von Andreas Albes

Zwei Drittel aller Russen wissen, dass demnächst in den USA ein neuer Präsident gewählt wird. In Moskau sind es sogar knapp 80 Prozent. Eine ungewöhnlich hohe Zahl. Der Grund dafür dürfte sein, dass Amerika zurzeit eine mediale Hauptrolle in der Berichterstattung des russischen Staatsfernsehens spielt. Keine besonders positive allerdings. Der ehemalige Klassenfeind gilt als Kriegstreiber im Konflikt um Südossetien, schließlich sind die USA die engsten Verbündeten von Wladimir Putins Erzfeind, dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili. Und dann noch die Finanzkrise. Die kremlnahen Journalisten befassen sich fast ausschließlich mit den Schuldigen an der Wall Street statt mit der inkompetenten Wirtschaftspolitik des Kremls, die mindestens ebenso dazu beiträgt, das Russland Ökonomie derart in Stocken gerät.

USA unbeliebt wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr

Im Ergebnis sind die USA bei den Russen heute so unbeliebt wie seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Was die Präferenzen für die einzelnen Kandidaten angeht, hegen sie traditionell mehr Sympathie für die Demokraten. In diesem Jahr besonders. Der Republikaner John McCain, der während seines Wahlkampfs mit dem Ausruf "Jetzt sind wir alle Georgier" Negativschlagzeilen machte, wird nur von vier Prozent der russischen Bevölkerung als der bessere Bewerber um den Einzug ins Weiße Haus angesehen. 19 Prozent glauben, Barack Obama sei der russlandfreundlichere, unter den höher Gebildeten vermuten das sogar 35 Prozent.

Diese Zahlen stammen aus einer Untersuchung, die Mitte September unter 1500 Russen durchgeführt wurde. Im Einzelnen begründeten die Befragten ihre Vorliebe für Obama mit folgenden Argumenten: Seine Ausstrahlung sei "friedlicher" als die McCains; er habe eine neutralere Beziehung zu Russland, weil seine Vorfahren keine Amerikaner waren; als Schwarzer sei er "besonnener", außerdem würden "Neger" prinzipiell "weniger Unheil" anrichten.

Auch für die wenigen McCain-Anhänger spielt Obamas Hautfarbe eine wichtige Rolle. Sie glauben, der demokratische Kandidat könnte sich im Amt zu einem Rassisten gegen die Weißen entwickeln. Beim allergrößten Teil der Russen überwiegt allerdings die Auffassung, dass es gar keine Rolle spielt, wer die Wahlen ums Weiße Haus gewinnt. Die Beziehungen mit den USA seien so oder so zerrüttet, sagen sie. Über 60 Prozent halten die Einstellung der Amerikaner gegenüber den Russen gar für "nicht freundschaftlich".

Exil-Russen mögen McCain

Ein ganz anders Bild ergibt sich unter jenen Russen, beziehungsweise ehemaligen Sowjetbürgern, die ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben und nach Amerika ausgewandert sind. Ihre Zahl liegt ungefähr bei zwei Millionen. Von ihnen werden voraussichtlich rund 80 Prozent zur Wahl gehen und dabei 63 Prozent ihre Stimme dem Kriegsveteran McCain geben, zehn Prozent haben sogar für ihn gespendet. Das ermittelte das "Forschungsinstitut für neue Amerikaner". Barack Obama, der nach dem Konflikt mit Georgien deutlich versöhnlichere Töne als McCain gegenüber Russland anschlug, kommt bei US-Russen äußerst schlecht an. Ihn wollen am 4. November nur elf Prozent wählen.