Österreich "Wahlkampf der Peinlichkeiten"


"DJ Hei-Fi legt Platten auf" und "Benita" findet ihren Wahlkampf "viel lustiger" als den ihres Rivalen, der durch Discotheken tingelt. Ganz nach US-Vorbild gehen die Präsidentschaftskandidaten in Österreich, Benita Ferrero-Waldner und Heinz Fischer, auf Stimmenfang.

"Benita" findet ihren Wahlkampf "viel lustiger" als den ihres Rivalen, der immerhin in Discotheken für sich wirbt. Beide, Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (55) für die regierende Volkspartei (ÖVP) und Sozialdemokrat (SPÖ) Heinz Fischer (65), sind mit Volksnähe ganz nach US-amerikanischem Vorbild auf Stimmenfang. Die Österreicher haben am 25. April zwischen beiden die Wahl für das Präsidentenamt.

Die Kandidaten haben die Dienste teurer Werbestrategen in Anspruch genommen, um mit fast jedem Mittel Stimmen zu gewinnen. So ließ etwa der "Freundeskreis" von "Benita", wie Ferrero in der ÖVP-Werbung volkstümlich genannt wird, eigens eine offizielle 55-Cent-Briefmarke mit dem Konterfei der Kandidatin in Umlauf bringen, die als erste Frau in die Wiener Hofburg einziehen könnte.

"Mit Benita ist mir klar - Österreich wird wunderbar"

Es gibt kaum eine öffentliche Einrichtung, die die Außenministerin mit dem Wahlmotto "Die Frau, die mit 101 Präsidenten in ihrer Sprache spricht" - außer deutsch kann sie englisch, französisch, spanisch und italienisch - nicht besucht hätte. Auch einen Wettbewerb für den besten "Benita" Wahl-Slogan schrieb ihr Team aus. Ferrero ließ es sich nicht nehmen, die Sprüche wie "Mit Benita ist mir klar - Österreich wird wunderbar" zu prämieren und die Sieger zum "Heurigen" einzuladen.

Auch eine Homepage (www.benita.at) ließ die Kandidatin einrichten, die in Österreich bereits Kult-Status besitzt. Besonders "Benitas Tagebuch" mit Eintragungen wie "heute Abend standen zwei Heurigen- Besuche auf dem Programm" veranlasste die Presse wegen seiner stilistischen Schlichtheit zu zahlreichen Glossen.

Der zehn Jahre ältere Heinz Fischer, von Medien als eher bieder und "uncharismatisch" beschrieben, setzte diesem Werbefeldzug einen eher bedächtigen und auf Seriosität bedachten Wahlkampf entgegen. Sein Motto: "Damit die Ehrlichkeit wieder in die Politik zurückkehrt". Doch auch der Ex-Parlamentspräsident, in dem die meisten Österreicher "eine Integrationsfigur" sehen, konnte sich den Verlockungen moderner Wahlkampfmethoden nicht entziehen. So entschloss sich der bedächtige Berufspolitiker, durch Discotheken zu tingeln ("DJ Hei-Fi legt Platten auf").

Plakate, Schoko-Waffeln und Werbespots

Beide Parteien klebten landesweit über 10 000 Plakate. Doch bei dem Kampf um die Wählergunst vergaßen die Wahlhelfer offenbar zunehmend ein schon im Januar vereinbartes Fairness-Abkommen. Beide Seiten riefen deshalb jetzt ein Schiedsgericht an. Fischers Lager, so klagt die ÖVP unter anderem, habe entgegen des Abkommens Wahlgeschenke verteilt, darunter Schoko-Waffeln. Die SPÖ wiederum beschuldigt Ferrero, den fest vereinbarten "Osterfrieden" verletzt zu haben. Sie habe die Vereinbarung in der Karwoche missachtet und ihre "Wählt Benita" Werbespots im Radio fortgesetzt - was freilich beides nicht gegen das Abkommen verstößt, wie das Schiedsgericht am Mittwoch salomonisch befand. Österreichs oppositionelle Grünen sprechen nur noch von einem "Wahlkampf der Peinlichkeiten".

Christian Fürst/DPA DPA

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