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Parteitag nach Referendum Schotten rocken Labour


In der Woche eins nach dem Referendum dominiert Schottland das politische Klima Großbritanniens. Zu spüren beim Labour-Parteitag, wo sich die Führung Mühe gibt, den Rausch der Abstimmung zu retten.
Von Michael Streck, Manchester

Manchester ist eigentlich ein guter Ort für eine Arbeiterpartei. Die Labour Party kommt gerne in diese moderne, alte Industriestadt. Seit dem Beginn dieses Jahrtausends wählte Labour Manchester fünf Mal für seine Party Conference. Labour und Manchester, das passt. Historisch sowieso. Und in diesem Jahr sollte es ein ganz spezieller Parteitag werden. Der erste Parteitag nach dem schottischen Referendum und der letzte Parteitag vor den Wahlen im kommenden Mai. Ein Parteitag getragen von Emotionen und Siegeswillen und Kraft und großen Reden.

Vielleicht war das etwas zu viel für die Partei, die im Frühjahr David Camerons Konservative ablösen will. Denn es ist dann so: Eine Party Conference kann es nicht aufnehmen mit einem Referendum. Schottland war Ausnahmezustand, Manchester war Alltag. Es ist ungefähr wie Bundesliga nach WM-Finale. Und also sehnten sich Delegierte und Redner und Experten und auch Journalisten zurück nach den aufregenden, rauschhaften Tagen im Norden, die noch immer strahlen in den Süden des dann doch vereinigt gebliebenen Königreichs.

Ein Paradoxon namens "West Lothian Question"

Die Tage von Schottland bestimmen den Diskurs von heute. Denn Premier Cameron versprach nach erfolgter Abstimmung in seiner frühmorgendlichen Rede vor Downing Street Nummer 10 nicht nur den Schotten mehr Rechte. Sondern auch England. Er versprach zudem ein politisches Paradoxon zu lösen - oder besser: aufzulösen. Dass nämlich schottische Abgeordnete in Westminster sehr wohl über rein englische Belange abstimmen dürfen, englische Abgeordnete aber nur sehr begrenzt über schottische.

Dieses zugegeben merkwürdige Konstrukt nennt sich "West Lothian Question", und Camerons Tories sind fest entschlossen, den Wahlkampf im kommenden Jahr um genau diese Frage zu zentrieren - English votes for English laws. Das ist ziemlich populistisch und ziemlich clever. Der Premier treibt die Labour-Konkurrenz damit vor sich her. Man muss vielleicht wissen: 40 der 59 Schotten in London sind Labour-Abgeordnete, und die Partei würde natürlich an Einfluss verlieren, falls Cameron sich durchsetzt. Und streng genommen ist die Debatte zum jetzigen Zeitpunkt insofern etwas geschmacklos, weil es Labour-Leute waren, die am Ende den knappen Sieg der Union bewerkstelligten. Namentlich ausgerechnet Camerons Vorgänger Gordon Brown, der mit einer ganzen Reihe furioser Ruck-Reden erstens sein Stoffel-Image abstreifte, zweitens für ein Stimmenhoch im Norden sorgte und drittens damit Cameron auch den Job rettete.

Von Schottland lernen

All das strahlte und überstrahlte Manchester und Labour. Das offizielle Motto der viertägigen Konferenz im prächtigen früheren Bahnhof lautet etwas hölzern "Labour's Plan for Britain's Future". Das inoffizielle Motto war anders: Von Schottland lernen.

Überall in den Fluren, in den Hotel-Bars, bei den politischen Veranstaltungen am Rande, den "Fringes", ging es vorwiegend um ein Thema: Wie kann man die schottische Energie aus dem Referendum in den Wahlkampf transformieren. An einem Abend referierte Douglas Alexander, Schotte und designierter Außenminister im Fall des Wahlsieges, in einem proppenvollen Konferenzraum des "Midlands"-Hotels vor einem wohlgesonnenen Auditorium. Er war gerade zurück aus seiner Heimat, selbst noch proppenvoll mit Emotionen. Er sprach von Appetit und Kraft und davon, welche Lektion er gelernt habe dort oben: "Wir können alle einen viel besseren Job machen." Heißt: Weniger Politiker, mehr Mensch. Das war im Groben der Zauber von Schottland - den Leuten zuhören, ihre Sprache verstehen und eben auch: Die Sprache der Leute reden.

Kraftvolle, gute, komplett frei gehaltene Rede

Am Dienstag hielt Ed Miliband, der womöglich nächste Premier, seine große, programmatische Rede zur Zukunft der Nation. Miliband ist zwar Vorsitzender einer Arbeiterpartei. Sein Problem ist aber, dass er nicht unbedingt wie ein Vorsitzender einer Arbeiterpartei wirkt. Vor Monaten högte sich die konservative Presse über Milibands ziemlich verunglückten Versuch, ein Schinken-Sandwich zu essen. Die Fotos des krümelnden Labour-Chefs galten als Symbol für Realitätsferne. In Manchester hielt er nun eine durchaus kraftvolle und komplett frei vorgetragene Rede, die so frei vorgetragen war, dass er sogar Passagen über Zuwanderung und Staatsausgaben vergaß. Er sprach mehr als eine Stunde, vergaß sogar noch Passagen und zitierte auffällig und ein bisschen zu oft Putzfrauen, Krankenschwestern, Pub-Angestellte und Arbeiter – also jene Klientel, die Labour klassisch vertritt und umwirbt. Er sprach von einem Zehnjahresplan, von Ausbildungsplätzen und finanzierbaren Häusern. Er sprach davon, 2,5 Milliarden Pfund in das Gesundheitssystem zu investieren und Großbritannien zum Weltführer in grüner Technologie zu machen und Besitz der Reichen stärker zu besteuern.

Und: Miliband erinnerte an Schottland und jene 45 Prozent der Wähler, die sich abspalten wollten, "ein Signal, dass es nicht gut bestellt ist um dieses Land". Ed Miliband benutzte 50 Mal das Wörtchen "together", zusammen. Auch das eine Referenz ans Referendum und den Slogan "Better together".

Am Mittwoch ging der Parteitag in Manchester zu Ende. Es redete zum Abschluss noch einmal der Schotte Douglas Alexander zu den 4000 Delegierten. Auch er hielt eine gute und kraftvolle Rede über die Zukunft von Labour, die Wahlen und natürlich: die Lehren des Referendums. Die Botschaft aus Manchester ist klar - wir haben verstanden.

Schottland, 5,3 Millionen Einwohner, ist zwar nicht unabhängig geworden. Aber das kleine Land dominiert gerade den großen Verwandten im Süden. Das ist historisch und vielleicht sogar ein Sieg für alle. Fortsetzung folgt am Wochenende. Beim Tory-Parteitag in Birmingham.


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